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Denkanstoß 18
"Todesopfer 2. Klasse"


Nach den Anschlägen von Istanbul mit elf deutschen Todesopfern hat sich die öffentlich gezeigte Betroffenheit schnell wieder gelegt. Kein Facebook-Nutzer hat die deutsche Flagge über sein Profilbild gelegt, keine Schweigemärsche fanden statt und auch keine öffentliche Gedenkfeier. Uns ist auch nicht bekannt, dass weltweit vor deutschen Botschaften Blumen niedergelegt worden wären.

Auf dem Sultanahmet Platz konnte man in den Tagen nach dem Selbstmordanschlag zwischen Hagia Sophia und der Blauen Moschee am Gitter vor dem Obelisken einige wenige rote Nelken finden, auch ein paar Kerzen hat man im Gedenken an die toten deutschen Rentner dort aufgestellt. Kein Vergleich zu dem Blumenmeer vor dem Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo und dem Konzertsaal Bataclan.

Das Bundeskabinett trat am Tag nach dem Anschlag im Bundeskanzleramt in Berlin zu einer Sondersitzung zusammen. Zu Beginn der Sitzung erhoben sich die Mitglieder des Kabinetts von ihren Sitzen und gedachten der Opfer. Dann wehten die Flaggen in Berlin für einige Tage auf Halbmast. Der Innenminister flog nach Istanbul. Einige Tage später wurden die Särge der Todesopfer mit einer Sondermaschine der Bundeswehr in die Heimat geflogen und den Angehörigen übergeben. Und dann endete die Berichterstattung abrupt und damit die öffentliche Anteilnahme am bitteren Schicksal der Söhne, Töchter, Ehemänner und Frauen, Lebenspartner und Freunde der Ermordeten.

Warum sind wir nach den Anschlägen von Istanbul so schnell wieder zur Tagessordnung übergegangen. Liegt es an den Opfern, die keine Freiheitskämpfer mit Stift und Feder waren, keine in der Blüte des Lebens stehenden jungen Menschen, die eigentlich nur Feiern wollten. Die Opfer waren Rentner aus Berlin, Rheinland Pfalz, Hessen, Bayern und anderen Bundesländern. Sie waren auf Städtetour. Ein Urlaub mit Kulturangebot. Die Angehörigen zuhause haben nicht einen Moment daran gedacht, es könnte unterwegs was passieren.

Die deutschen Terroropfer beherrschten zwei, drei Tage lang die Schlagzeilen und dann interessierte sich niemand mehr für sie. Sind wir abgestumpft, was schlechte Nachrichten angeht? Sind Rentner vielleicht wirklich nicht so interessant, wie Journalisten und junge Konzertbesucher? Fragen, auf die auch wir keine Antworten haben.

Was wir erahnen können, ist die Trauer und das Leid in den Familien. Der Tod eines geliebten Menschen ist das Schlimmste, was passieren kann.

Wirkliche Trauer können nur Angehörige und Freude der Opfer empfinden. Wir wünschen ihnen, dass sie nicht allein sind, jetzt, wo das öffentliche Interesse erloschen ist. Wir wünschen ihnen, dass da jemand ist, der mit ihnen ihre Trauer aushält, egal wie lange sie dauert. Wir wünschen ihnen, dass niemand davon zappt zum nächsten Ereignis.

Wir wissen, dass ein geliebter Mensch nie ein Todesopfer 2. Klasse sein kann.

Herzlichst,

Hanna Thiele-Roth       David Roth

Bergisch Gladbach im Januar 2016



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