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Denkanstoß 26
"Auch im Sarg hat Ordnung zu herrschen"


Am Ende entscheiden sich immer noch die meisten Trauernden für ein schlichtes Totenhemd, den guten Anzug oder das graue Kostüm. Warum eigentlich? Es gibt keine Vorschrift, was der Tote im Sarg zu tragen hat und auch Grabbeigaben im Sarg sind nicht verboten.

Ägypter, Römer, Hethiter, Skythen – kein altes Kulturvolk wäre auf die Idee gekommen, Verstorbene ohne Grabbeigaben auf die letzte Reise zu schicken. Im Grab des Bogenschützen von Stonehenge (2300 v. Chr.) wurden rund 100 Gegenstände gefunden. Darunter waren goldene Haarspangen, Kupfermesser, Pfeilspitzen und Töpferware. Grabbeigaben sind Zeugen der Zeit, sie spiegeln den Totenkult, den Glauben oder auch Aberglauben, das Leben und seine Bedingungen, sowie den kulturellen Stand der Gesellschaft wider.

Wenn unsere Vorfahren mit Tod so umgegangen wären wie wir heute, würden wir viel weniger über ihre Kultur wissen. Was werden in 500 Jahren unsere Gräber über uns aussagen? Nichts!

Der Gesetzgeber schreibt vor, unsere Toten möglichst schnell und geräuschlos unter die Erde zu bringen. Auch die meisten Bestatter drängen zu einer schnellen Lösung des Problems. Sie verkaufen lieber Totenhemden, als den Trauernden zu raten, sich über die Auswahl von Lieblingskleidung und Grabbeigaben, die dem Verstorbenen im Leben wichtig war, mit dem Tod des geliebten Menschen auseinander zu setzen.

Trauer ist Liebe - Abschiedsgeschenke für die letzte Reise

Als unsere Oma gestorben ist, haben wir ihr Plumeau und ihren Lieblingsbettbezug in den Sarg gelegt. Wir haben ihr all die Dinge mitgegeben, die ihr im Leben etwas bedeutet und ihr Spaß gemacht haben. Unserem verstorbenen Vater Fritz Roth haben wir seinen grünen Lieblingspullover angezogen. Darunter trug er ein Hemd und eine Krawatte. Viele Freunde haben ihm Abschiedsbriefe und Erinnerungsfotos in den Sarg gelegt.

In unserem Bestattungshaus hatten wir auch schon Sterbefälle, da wurden Weinflaschen und ein Korkenzieher mitgegeben, Zeitschriften, Bücher und Lieblings-CDs.

Bye Bye my love

Die Auswahl der Grabbeigaben und das Hineinlegen dieser letzten Geschenke in den Sarg ermöglicht einen ganz besonderen Umgang mit Trauer, der nichts mit der Ex-und-hopp-Mentalität unserer Gesellschaft zu tun hat. Man bekommt so die Chance, noch mal darüber nachzudenken, was im Leben des Verstorbenen wichtig war. Symbole dafür werden in den Sarg gelegt – das können ganz einfache Dinge sein. Mit großer Wirkung. Trauer bedeutet auch, sich selbst den Unterschied zwischen Tod und Leben klarzumachen, zu erfahren, was es heißt, zu leben und zu akzeptieren, dass unser Leben begrenzt ist und das Leben deshalb etwas sehr Kostbares ist. Wäre das nicht eine schöne Nachricht an die, die da später kommen und aus unseren Gräbern etwas über unsere Kultur erfahren möchten.

Herzlichst

Hanna Thiele Roth    David Roth

Bergisch Gladbach im April 2017
 


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Rückmeldungen

Zu diesem Denkanstoß "Auch im Sarg hat Ordnung zu herrschen" haben wir schöne und bewegende Rückmeldungen erhalten. Hier einige der Mails, die uns erreicht haben:

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Sehr geehrte Damen und Herren,
ganz herzlichen Dank für den Denkanstoß.
Ich habe meinem Mann, der 1999 verstorben ist, Dinge die ihm wichtig waren in den Sarg gelegt. Z. B. seinen Segelschein, etwas von seinem Pfeifenzubehör usw. Damals tat ich das heimlich, weil ich nicht wusste, ob das gestattet ist. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, diese Sachen einmal wegzuwerfen. Daher bin ich heute sehr froh über Ihren Denkanstoß, in dem ich bestätigt finde, dass mein Handeln in Ordnung war.
Mit freundlichen Grüßen
Christa Bröker

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Sehr geehrtes Team von Pütz-Roth, 
vielen Dank für diesen wertvollen Denkanstoß, zu dem ich Ihnen gerne folgende Rückmeldung geben möchte: Als wir unseren Sohn, der im Alter von 24 Jahren durch einen tragischen Verkehrsunfall ums Leben kam, bestatteten, haben wir genau das gemacht: Ihn in seinem wertvollen Anzug beerdigt und viele Gaben in den Sarg gelegt. Das waren Briefe, ein Teddy-Bär, den seine Ex-Freundind ihm genäht hatte, den Freundschaftsring, den beide sich geschenkt hatten und vieles mehr. Als Beigaben in das Tiefengrab wanderten eine silberne Zigarettenschachtel, seine Lederhandschuhe vom Kampfsport, und als Highlight seinen fern zu steuernden Helikopter. Trotz aller Tränen konnte ich nachher beim Beerdigungskaffee zu seinem besten Freund, der ihm diese Beigabe gemacht hat, scherzen: "Wenn in 500 Jahren einmal Archäologen die Gräber ausheben, dann wird die These entstehen: 'Im Jahr 2008 haben die Angehörigen ihren Toten Mini-Helikopter mit ins Grab gegeben, wahrscheinlich, damit die Seele damit in den Himmel gelangen kann'..." Wir haben das Gefühl, dass wir unseren Sohn sehr, sehr würdig und liebevoll bestattet haben. Und die Geschichte mit dem Helikopter wird immer in Erinnerung bleiben. Und wir sind sicher: Unser Sohn hat "von Oben" zugeschaut und sich köstlich amüsiert.
Gerne können Sie meinen Beitrag nach Ihrem Gusto verwenden.

Mit besten Wünschen für Ihr wertvolles Wirken und Ihr aller Wohlergehen und mit herzlichen Grüßen

Andrea Heck aus Mönchengladbach

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Sehr geehrte Familie Roth
Mit Ihrem Denkanstoß sprechen Sie mir voll aus dem Herzen. Selbstverständlich hatten auch wir den Wunsch, als mein geliebter Vater verstab, den Tag der Bestattung " hinter uns " zu bringen. Aber es war uns das Wichtigste Ihm auf seinem letzten Weg alles zu geben was auch ihm wichtig war. Das war zum einen seine ganz persönliche Kleidung, die Kleidung, die er auch zu Lebzeiten trug, so war unser Vater kein Toter der im Sarg lag, sondern unser Vater, so wie wir ihn kannten und wie er uns vertraut war. Sein wichtigstes Utensil, was selbst in seinen schlimmsten Stunden im Krankenhaus fest in seiner Hand war und was selbst die Schwestern ihm nicht nehmen konnten, war sein Handy. ,, Meine einzige Verbindung zu Euch, wenn Ihr nicht hier sein könnt ", das waren seine Worte. Wir hätten ihn nie ohne sein Handy auf seine letzte Reise geschickt und das hat uns sehr beruhigt, weil wir genau wussten, so muss es für ihn sein. Eine kleine Geste, die uns aber ein wichtiger Bestandteil eines persönlichen und liebevollen Abschieds war. Ebenfalls, zum Zeichen der Verbundenheit, gab unsere Mutter die Urkunde über die gemeinsame Diamantene Hochzeit mit in seine Urne. Nun ja, es wurde verbrannt und für die Nachwelt unsichtbar gemacht, aber für uns und für ihn der Kern seines letzten Koffers den er packen musste.

Mit herzlichen Grüßen

Karina Starch mit Schwester (Patricia Nussbaum und Mutter)

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Sehr geehrte Frau Thiele Roth, sehr geehrter Herr Roth,

seit ich das Buch „Das letzte Hemd ist bunt“ Ihres Vaters gelesen habe, bin ich fasziniert von den verschiedenen Möglichkeiten der Trauer zu begegnen.

Als mein Vater im vergangenen Jahr starb, konnte ich einige gute Anregungen übernehmen (leider gab es trotz aller Vorbereitung noch vieles Überraschungen, die schnell entschieden werden mussten) und ich bin heute wirklich sehr dankbar und glücklich für die intensive, wenn auch turbulente Zeit. Keine Sekunde davon möchte ich missen und wie wertvoll die Zeit war, kann ich erst im Nachhinein wirklich ermessen.

Da ich beruflich häufig mit dem Tod zu tun habe (Arbeit in einer Seniorenresidenz) freue ich mich immer wieder, diese Erfahrung weitergeben zu können, leider ist hier wirklich noch sehr viel „Aufklärungsarbeit" zu leisten. Das „schnelle hinter sich bringen“ ist leider immer noch die gängigste Methode, wie schade um die vertanen Möglichkeiten.

Darf das eigene Plumeau mit in den Sarg? Eine gute Bekannte von mir wollte ihrer Mutter das mitgeben, es wurde ihr aber aus hygienischen Gründen untersagt - oder ist es wieder nur Geldmacherei der konservativen Bestatter???

Ich kann Ihnen beiden wirklich nur ans Herz legen weiterzumachen und das Erbe Ihres Vaters tatkräftig weiterzutragen und dafür zu sorgen, dass das Tabuthema Sterben ins Leben zurückgeholt wird.

Vielen Dank für Ihre Newsletter, ich lese sie immer wieder gerne!!!!

Mit herzlichen Grüßen

Dagmar Hett

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Liebe Familie Roth!
Ihr Denkanstoß 26 hat mich diesmal wieder sehr stark berührt. Er spricht mir aus der Seele und ich will Ihnen berichten, wie es in unserer Familie mit den Gesprächen und Bräuchen über den Tod gehandhabt wird.
Ich bin 72 Jahre alt und meine Mutter wird im Juli 95 Jahre alt. Meine Großmutter, die 1981 83jährig starb, hatte, solange ich denken kann, in ihrem Schrank die Sachen liegen, die sie nach ihrem Tod anziehen und "mitnehmen" wollte.
Das waren ein für sie "wunderschönes" Nachthemd, ein Paar warme Socken, ein bibernes Betttuch, das unter die schöne Spitzendecke auf sie gelegt werden musste, einen Rosenkranz und ein hölzernes Kreuz mit einem Edelstahlkorpus, das ich ihr einmal geschenkt hatte, da ich ein Lehre in einem Edelstahlgroßhandel gemacht habe und ein Vertreter unserer Firma in Kevelaer solche Kreuze vertrieb.
Es wurde auch oft darüber gesprochen, wie die Feier nach ihrem Begräbnis sein sollte und es sollten dort nicht hat nur Kuchen, Kaffee und Brötchen serviert werden sondern auf jeden Fall eine heiße gute Suppe, da man ja "nach Beerdigungen immer friert". Natürlich haben wir das auch so gemacht!
Das Grab, in dem meine Großmutter beigesetzt wurde, ist seit 1942, also bereits 75 Jahre, in unserem Familienbesitz. Dort wurde mein Großvater mit nur 42 Jahren bestattet, dann meine Großmutter 1981 und 1995 mein Vater.
Meine Mutter will nun aber nicht dort ihre letzte Ruhestätte finden, da, "wenn sie einmal stürbe", ich, ihre einzige Tochter ja bestimmt auch schon etwa 80 Jahre alt sei und ihr Grab nicht mehr pflegen könnte. Hier in Bergisch Gladbach bei Ihnen "unter den Bäumen" will sie dann hin, da ich mit meinem Mann dort ja auch einmal sein wollen. Also will sie auch dorthin.
Wir haben beschlossen, solange meine Mutter noch lebt, werden wir das Grab in Mülheim an der Ruhr behalten und haben es erst gerade wieder für 5 Jahre gekauft.
Oft, wenn ich montags zu meiner Mutter fahre, fahre ich mit ihr und ihrem Rollstuhl zum Hauptfriedhof in Mülheim und wir gehen dort spazieren und besuchen all die Gräber der Menschen, die meine Mutter noch gekannt hat.
Ich hoffe natürlich, dass meine Mutter noch lange lebt und ich auch das Mülheimer Grab noch lange pflegen kann (mit Hilfe eines Friedhofgärtners).
Gerne gehe ich aber mir meinem Mann auch bei Ihnen spazieren und wir schauen schon mal, wo wir dann unsere letzte
Ruhe finden werden und wo wir unsere Mutter auch einmal besuchen können.
Herzliche Grüße Ihre Annelie Blaum
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Liebe Hanna, lieber David,

als unsere Mutter 1997 im Alter von 82 Jahren starb, haben wir in ihren Sarg 82 Rosen um sie herum gelegt. Wir (meine Schwester, mein Bruder und ich) haben 2 Tage und 2 Nächte an ihrem offenen Sarg gebetet und gesungen. Von „Hänschen, das Rotschwänzchen, musste zum Singelkränzchen“ aus dem Kinderchor bis zum „Hebe deine Augen auf“ aus dem Elias haben wir alles gesungen, was uns einfiel und was sie früher immer gerne gehört hat. Das hat ihr bestimmt gefallen und ich bin überzeugt, dass sie es gehört hat.

Dies ist jetzt 20 Jahre her, aber eine Mutter vermisst man immer!

Vor einer Woche haben wir 3 Geschwister unsere letzte Tante mit 97 Jahren auf ihrem Heimweg - auch sehr feierlich – begleitet.

Ihre Denkanstöße lese ich immer mit großem Interesse.
Cornelia Laufenberg geb. Heyne
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