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Denkanstoß 42
"Ode an die Freude"

Es sind die kleinen Dinge, die uns im Moment Freude machen. Der Anruf eines alten Freundes, der richtige Song im Radio, das Lieblingsessen von einem fürsorglichen Partner gekocht, der Spaziergang durch die Nachbarschaft, die wir vielleicht nicht halb so gut kennen, wie die Umgebung des Hotels im Sommerurlaub. Vertrautheit, Verbundenheit, sich geborgen und sicher fühlen, danach steht uns im Moment der Sinn.

Corona ist viel mehr als die abstrakten Gefahren, über die wir uns früher Gedanken gemacht haben. Die Bedrohung ist diesmal real und sie wird es noch eine ganze Weile bleiben, so lange bis ein Medikament und ein Impfstoff gefunden sind. Bis dahin heißt es zusammenrücken, ohne sich zu nahe zu kommen. Für andere da sein, auf eine Art und Weise, die wir schon lange nicht mehr gelebt und erlebt haben. Nicht warten, bis jemand um Hilfe bittet, sondern fragen, wenn wir das Gefühl haben, dass jemand Hilfe braucht. Durch unsere Arbeit mit Trauernden wissen wir, dass es besser ist, Hilfe aktiv anzubieten - auch mehrmals-, als darauf zu warten, dass jemand danach fragt. Oft steht im ersten Moment die Scham im Weg, tatsächlich bedürftig zu sein und Hilfe zu benötigen. Da braucht es ein bisschen Zeit und Geduld, bis Menschen sich öffnen und Hilfe annehmen können. Hilfe meint nicht nur Materielles. Viele Menschen, vor allem Alte und Kranke, sind durch die Kontaktsperre zur Einsamkeit verdammt, da kann ein Gespräch von Balkon zu Balkon oder Fenster zu Fenster Wunder wirken.

Aus Italien kamen da berührende Bilder zu uns. Menschen, die auf ihren Balkonen stehen und zusammen Volkslieder singen. Ein DJ, der sein Equipment ins Fenster stellt und die Straße mit Gute-Laune-Musik beschallt. Ganze Viertel, die Ärzt*Innen und Pflerger*Innen minutenlang Applaus spenden. Der Opernsänger, der Nessum Dorma über die Dächer von Florenz schmettert.

Wir können im Moment nichts an der Situation ändern. Wir können nur versuchen, das Beste daraus zu machen und da sind uns die Hände weniger gebunden, als wir vielleicht glauben.

In Nachbarschaftshilfe sind wir schon ganz gut. Auch unser Umgang miteinander ist spürbar freundlicher geworden, was jedem auffällt, der in diesen Tagen an einer Supermarktkasse steht. Die Digitalisierung hilft uns in Kontakt zu bleiben, wir können mit Freunden chatten und Oma und Opa per Videostream zu Hause besuchen. Wer nicht übers Netz kommunizieren kann, freut sich über einen Brief oder einen Anruf.

Auch für unsere tägliche Arbeit im Bestattungshaus bedeutet die Krise eine Menge Einschränkungen, aber auch wir versuchen das Beste daraus zu machen. Trauerfeiern sind im Moment nur sehr eingeschränkt möglich. Aber man kann sich nach wie vor von einem Toten verabschieden. Das geht im Moment nur im kleinen Kreis. Für Verwandte und Bekannte zeichnen wir die Abschiednahme auf. Auch ist es möglich, Trauerfeiern nach der Krise mit allen Freunden und Angehörigen nachzuholen.

Wir alle lernen im Moment jeden Tag dazu. Viele Erfahrungen sind nicht nur mit Einschränkungen verbunden. Wir haben manchmal das Gefühl, dass wir uns auf eine ganz neue Art kennenlernen. In Deutschland klatschen abends nicht so viele Leute Applaus und auch die von Musikern iniziierte Aktion, sich abends ans Fenster, in den Garten und auf den Balkon zu stellen und miteinander die Europahymne zu singen oder auf einem Instrument zu spielen, war nicht mit so großer Teilnahme und Aufmerksamkeit gesegnet, wie das abendliche Singen in Italien.

Eine Freundin hat uns dazu eine wunderbare Geschichte erzählt, die viel über uns und unseren Umgang mit der Krise sagt. Unsere Freundin wohnt in einem urbanen Viertel in Köln. An dem Abend stand sie auf ihrer Terrasse und lauschte in die Straße, ob jemand mitsingen oder mitspielen würde. Sie wartete, doch nichts geschah. Im ersten Moment war sie traurig darüber, dass die Menschen scheinbar kein Interesse daran hatten, ihre Verbundenheit zu zeigen. Sie wollte schon zurück in die Wohnung gehen, als ganz leise, ganz fein, beinahe zärtlich von einem der Balkone unter ihr die Ode an die Freude erklang, gespielt auf einer Mundharmonika. Die Melodie berührte unsere Freundin tief, sie spürte, dass sie nicht die Einzige war, die der Mundharmonika lauschte. Eine größere Verbundenheit hätte nicht mal ein Orchester schaffen können.

Manchmal sind es die leisen Töne, die kleinen Gesten, auf die es ankommt.

Unsere Freundin ist bis heute beseelt von diesem Moment auf ihrer Terrasse, sie schöpft viel Kraft aus diesem kurzen Augenblick des Glücks, der ihr Mut gemacht hat, optimistisch in die Zukunft zu schauen, der ihr Hoffnung gegeben hat, dass wir das alles überstehen werden und vielleicht sogar, vorausgesetzt wir bleiben gesund, etwas Gutes aus der Krise werden mitnehmen können.

Herzlichst

Hanna Roth                  David Roth

Bergisch Gladbach im April 2020

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an ka68a184f12ff419aa5ee8ce7eb9736cd.reichert@97c78f748ebc49c8bc1c5151ad106c9fpuetz-roth.de, Stichwort „Denkanstoß”