Episode 38 ∙ 23.02.2026 ∙ 26 Min
Warum war Ihr Sohn undankbar, Herr Schulz?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Wolfgang Schulz
Warum nennt ein liebevoller Vater seinen eigenen Sohn „undankbar"? Wolfgang Schulz hat seinen Sohn Marcel allein großgezogen und ihn anderthalb Jahre lang zu Hause gepflegt, bis Marcel im Juni 2024 starb.
Er erzählt, warum sein viel beachteter Text „Mein undankbarer Sohn" heißt, obwohl damit genau das Gegenteil gemeint ist: dass es für ihn selbstverständlich war, nachts um drei Uhr aufzustehen, um Urinbeutel zu wechseln, oder Marcels wunde Beine zu massieren – Dinge, für die sich sein Sohn nie ausdrücklich bedankt hat, weil sie für beide einfach selbstverständlich waren.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Es war eine Feier, wie sie mir gewünscht haben, relativ klein im kleinen Rahmen. Sie hat mich aber nicht so berührt, wie es eigentlich eine Beerdigung tun sollte, weil es einfach nur noch das Abhandeln dessen war, was übrig bleibt … Ich habe lange genug vorher von ihm Abschied genommen."

Über Wolfgang Schulz
Wolfgang Schulz ist zu Gast. Er hat seinen Sohn Marcel allein großgezogen und ihn anderthalb Jahre lang zu Hause gepflegt, bis Marcel im Juni 2024 starb. Er erzählt, warum er seinen viel beachteten Text „Mein undankbarer Sohn" nannte, obwohl damit genau das Gegenteil gemeint ist – dass es für ihn selbstverständlich war, nachts Urinbeutel zu wechseln oder Beine zu massieren –, und warum ihn die eigentliche Beerdigung im kleinen Kreis kaum noch berührte, weil er schon lange vorher Abschied genommen hatte.
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Hallo zu Talk About Tod, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Rothschild, dass du wieder dabei bist. Und ich bin Klaus Reichert, denn diesen Podcast sprechen wir über das Leben, über den Tod, über das was bleibt, was trägt und manchmal sogar tröstet. Unser Gast heute ist ein Vater, der das durchlebt hat, was für viele Eltern die größte vorstellbare Angst ist. Es ist die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn seit dessen fünftem Lebensjahr allein großgezogen hat und bis zum Schluss beim Sterben an seiner Seite war. Herzlich willkommen, Wolfgang Schulz.
Hallo Wolfgang. Danke für die Einladung. Sehr gerne, Wolfgang. War die Beerdigung von Marcel die letzte Beerdigung, auf der du warst? Ja, ich war in meinem Leben bei drei Beerdigungen von meinem Vater, von meiner Mutter und von meinem Sohn. Wie hast du die Beerdigung in Erinnerung und erzählst vielleicht erst auch, wie lange das her ist? Von Marcel am 4. 6. 2024, also noch nicht so lange her. Wie hast du die Beerdigung in Erinnerung? Es war eine Feier, wie sie mir gewünscht haben, sie war relativ klein in dem kleinen Rahmen. Sie war, sie hat mich aber nicht so berührt, wie es eigentlich Beerdigung tun sollten, weil es war einfach nur noch das Abhandeln dessen, was noch übrig bleibt, nämlich die Urne ins Kolumbarium reinzustellen, sich noch mit den Freunden zu treffen, den besten Freunden von Marcel, die extra aus Diesburg gekommen sind, nochmal die Chance zu geben, sich von ihm zu verabschieden.
Und dann haben wir in dem kleinen Rahmen, in dem wir waren mit zwölf Leuten danach gegessen und das war es. Ich habe lange genug vorher von ihm Abschied genommen. Ich brauche diesen einen Tag jetzt nicht, diesen besonderen Tag nicht. Herr Schulz, Sie haben uns diesen unglaublich berührenden Text geschickt mit dem Titel "Mein undankbarer Sohn". Können Sie uns erklären, was es mit diesem Titel auf sich hat? Ja, im Prinzip kommt es auf den Schluss an. Undankbar deswegen, weil sich ja mein Sohn, während ich ihn jetzt nach Hause gepflegt habe, der hat ja anderthalb Jahre lang bei mir in meiner zwei Zimmerwohnung mitgelebt, ist mir erst im Nachhinein aufgefallen, dass er sich bei mir nie bedankt hat für das, was ich gemacht habe, weil es alles Selbstverständlichkeiten waren, was ich getan habe.
Das heißt, ob ich hier nachts um drei Uhr aufgestanden bin und sein Urinbeutel gewechselt habe, ob ich ihn um vier Uhr morgens die Beine gerieben habe, weil sie wieder Wege getan haben, ob ich ihn zu jeder Physiostunde hingefahren habe, ob ich nachher in den drei Monaten, die am Krankenhaus war, in den Hintern abgewischt habe, die Schutzhose gewechselt habe, all das waren Dinge, die für mich absolut selbstverständlich waren, die so zu machen. Und ich weiß ganz genau, dass mein Sohn das für mich auch getan hätte, ohne nachzufragen. Und von daher ist der Titel ein bisschen, ich habe ihn deswegen genommen, weil ich das ganze auch auf Facebook gepostet habe.
Und um die Leute zu animieren, das auch mal zu lesen, habe ich dann auch diesen Titel gewählt. Das war schon mit Absicht. Er war der dankbarste Sohn, den ich überhaupt kennen. Er hat so viel für mich getan und gerne ein so schönes Leben zusammen gehabt. Jeder hat sein eigenes Leben gehabt, aber wir auch zusammen und er war natürlich der dankbarste Sohn überhaupt, den man sich vorstellen kann. Aber das war eine Titelwahl, um die Leute zu animieren, das wirklich auch zu lesen, um die Geschichte zu lesen, die dahinter steckt und vielleicht sich genauso um ihr Kind zu kümmern, wie ich es getan habe.
Genau, in dieser Selbstverständlichkeit, dass man füreinander da ist. Du hast Marcel seit seinem fünften Lebensjahr allein großgezogen. Wie habt ihr gelebt? Wie erzählt uns ein bisschen von eurem Leben? Ach, wir haben zuerst in Duisburg gelebt. Wir sind ja aus dem Dominikanischen Republik zurück. Wir haben dann in Duisburg gelebt. Da war ich zu dem Zeitpunkt noch selbstständig als IT-Berater. Und wir sind dann durch Zufall zum Baseball gekommen. In Duisburg waren sie gerade dabei, eine Baseballmannschaft aufzubauen und durch Zufall sind wir dann eben auch dahin gekommen.
Und Marcel hatte das entsprechende Talent, das wohl jeder Kalber Dominikaner sowieso in Sicht trägt. Das ist der Nationalsport. Also das müssen wir, glaube ich, sagen, das muss man erwähnen dazu. Und es kam irgendwann mal dazu, dass der Landestrainer ihn bei einem Spiel gesehen hat, ihn dann auch eingeladen hat zum Lehrgang. Und dann haben das ganze Ding seinen Lauf. Der Landestrainer wurde dann irgendwann mal Bundesliga-Trainer von Bonn und hat dann Marcel eingeladen, auch nach Bonn zu kommen als 13-Jähriger, 14-Jähriger, um da irgendwann mal in der Bundesliga Baseball zu spielen.
Und ich war zu dem Zeitpunkt ohne Arbeit und dann haben wir uns entschieden, okay, zusammen gehen wir nach Bonn. In Duisburg hält uns eigentlich nichts. Von Bonn aus ging es dann auch nach Paderborn weiter und auch da zum Baseball spielen. Und zum Abschluss ist er dann 2014 nach Mainz selber gegangen. Das heißt, ein Sohn wäre, wenn man das mit dem Fußball vergleicht, wäre er eigentlich, wenn es das geben würde, in Deutschland Baseball-Profi gewesen. Wenn es das in Deutschland geben würde, aber leider gibt es das nicht. Das wird also auf einer Basis von einem ganz geringen Honorar, wenn überhaupt gemacht, aber das alleine, was man mit dem Baseball erleben kann und auch mit dieser ganzen Gemeinschaft erleben kann, das ist schon klasse, weil dieser Sport ist unglaublich aufwendig, denn die Strecken sind groß.
Das heißt, man hat sich dann auch mit Familien immer wieder getroffen, auch zu Events wie Länder Pokalen. Das war also wirklich immer eine wunderbare Sache, die er erlebt hat. Dann hat er natürlich auch noch Reisen unternommen wie nach Amerika, wie nach Prag, da tun die an Turnier teilgenommen. Das war schon ein schönes Leben. Bis er dann eben irgendwann mal gesettelt ist, wie man so schön sagt und sagt, okay, jetzt bin ich auf der Suche nach einer Ausbildung. Die wurde ihm dann in Mainz versprochen, eine Ausbildung zu machen, als Sport und Fitness kaufen und deswegen ist er dann nach Mainz gewechselt.
Wann wurde Marcel krank? Das Offensichliche war 2022. Da war ich gerade in Helsinki für eine Woche Urlaubern, Helsinki und Lapland und da hat er drei epileptische Anfälle bekommen im Dezember 2022 und hat sich dann einweisen lassen, während ich die Woche weg war. Und ich habe ihm das dann irgendwann mal aus der Nase rausgezogen, bis er dann eben gesagt hat, okay, ich habe drei epileptische Anfälle, ich bin ja in der Uniklinik und drei Tage später haben sie dann eben den Hirntumor festgestellt, weil der Arzt auf den MRT bestanden hat. Das war jetzt, wann er offensichtlich krank wurde.
Im Nachhinein waren die Anzeichen schon früher da, so glaube ich, dass sie da waren. Das, was beruhigt zum Schluss ist, eigentlich, dass das unvermeidbar war. Man hätte nichts tun können, man hätte ihn nicht früher entdecken können, den Hirntumor, an dem er ja letztendlich verstorben ist. Der war einfach unvermeidbar. Du hast eben auch schon ein bisschen drüber erzählt, wie war es für dich, als dein Sohn krank wurde, pflegebedürftig wurde, dann das im Grunde für deinen Sohn zu tun? Diese Arbeit ist es, kann man, es ist natürlich eine Art von Arbeit, ja, weil ich wollte es anders ausdrücken.
Diese Aufgabe ist das bessere Wort, diese Aufgabe zu übernehmen. Er war ja nicht von Anfang an krank. Er ist dann wieder nach Hause gekommen, nach den epileptischen Anfällen und nach der Feststellung der Hirntumor hat und dann wurden dann eben überlegt, wann und wie auf welche Art operieren. Und operiert wurde eben einen Monat später, Anfang Januar 2023. Und am 14. Tag haben sie ihn dann nach Hause geschickt und haben gesagt, du kannst dich alleine anziehen, kannst alleine essen, tschüss. Und dann war er dann hier zu Hause. Was relativ schwierig war, denn er konnte weder lesen, noch konnte er sich artikulieren in irgendeiner Form.
Noch war er in der Lage, sein Blutzucker in den Griff zu kriegen, denn er war seit seinem achten Lebensjahr Typ 1 Diabetiker. Und das war dann schon richtig schwer, wenn er dann hier zu Hause ist und die sagen, okay, wir können dich hier nicht weiter halten, geh nach Hause, ab dem Zeitpunkt mit ihm ja alleine in meiner Wohnung zu sein und wir haben angefangen zu lesen, wir haben angefangen zu sprechen, zu üben, all diese Dinge, ich hab ihm Essen gemacht und ich hab das nie als Aufgabe betrachtet. Es war für mich einfach völlig normal. Und es ist ja nicht so, dass er bis zum 30.
Jahr bei mir immer gewohnt hat. Ab dem 20. Lebensjahr hatte er seine eigene Wohnung gehabt, wir hatten zwei völlig gegönnte Leben geführt. Wir haben uns immer wieder getroffen, wir haben jeden Tag miteinander Kontakt gehabt, aber die Leben war völlig getrennt und völlig anders. Aber da er von einem überhaupt den anderen bei mir war, war für mich absolut normal und war auch keine großartige Aufgabe. Ich hab das nicht als Aufgabe empfunden. Es war natürlich schwierig nachher, gerade als ich dann wieder zur Arbeit ging, denn ich war lange Zeit dann auch arbeitsunfähig.
Als ich dann wieder zur Arbeit ging, war es dann schon schwierig morgens früh um halb vier aufstehen, vier zur Arbeit fahren, ein, wo wir wieder zurückkommen und dann ging es weiter mit meinem Sohn, den weiter zu versorgen. Aber Aufgabe war es für mich nicht. In dieser schweren Zeit kam ein Hund in ihr Leben. Er war quasi ein Geschenk von Marcel an sie für die Zukunft. Welche Rolle spielt der Hund heute für sie, Herr Schulz? Er bringt Struktur in meinen Tag. Und das ist für mich im Moment auch jetzt nach einer Tag, nachdem er für immer eingeschlafen ist, unglaublich wichtig, eine Struktur zu haben.
Sei es morgens mit ihm von acht bis zehn rausgehen, dann wieder von 16 bis 18 Uhr mit ihm auf Tour gehen. Das ist das eine, die Struktur auf der anderen Seite ist es natürlich schwierig, weil er mich jeden Tag und jede Minute an meinen Sohn erinnert in jeder Form. Sei es vom Wesener, was man nicht glaubt, aber auch vom Ballerin da ist. Und die Art und Weise wie mein Sohn, dass das gedreht hat, dass er in unser Leben kommt. Also sie dachten so schön Geschenk für mich in die Zukunft. Es war wirklich so, dass wir, als er hier zu Hause war und wir uns jeden Abend eigentlich fürs Fernsehen gesetzt haben und schöne Videos geguckt haben, YouTube-Videos in den meisten Fällen, kamen wir dann irgendwann mal auch auf den Hund zu sprechen.
Und er wollte eigentlich immer, wie so ein Sohn ist, ein Hund haben, Papa holt den Hund, damit ich dann mit ihm rausgehen kann, ein schönes Wetter essen und ich dann Spaß haben kann, aber ansonsten hast du den. Und dann kamen wir irgendwann mal drauf zu sprechen. Geplant war er eigentlich so als Reha für meinen Sohn. Denn da war noch der Zeitpunkt, wo er wieder alleine gehen konnte, wo er sogar wieder Sport getrieben hat, wo er im Fahrrad gefahren ist und der Hund sollte dann Reha sein, dass er morgens mit dem Hund rausgeht, abends mit dem Hund rausgeht, ich zwischendurch immer arbeiten, so war der Plan und der Plan ging in die Hose.
Du hast uns geschrieben, Marcel habe nie über den Tod gesprochen, um die Hoffnung nicht zu verlieren, war diese Stille über Einkunft eine Art, den Alltag überhaupt erträglich zu machen? Ja, das war für mich eine absolute Notwendigkeit, damit überhaupt mit der ganzen Situation umgehen zu können. Ich weiß bis heute aber nicht, ob er wirklich nicht darüber reden wollte, was ich eher glaube oder mich schützen wollte, weil er wusste genau, wie sehr mich die ganze Situation angreift und er hat ja oft genug mich getröstet, weil ich angefangen habe zu weinen und er gesagt hat, wir schaffen das, wir kommen da durch.
Und nicht über den Tod zu sprechen, dass es irgendwann mal zu Ende geht, das war existenziell, ganz ehrlich. Ich bin froh, dass wir das nie gemacht haben. Obwohl ich mir dann auch immer die Bestätigung von seiner Freundin, die ihn ja bis zum letzten Tag geleitet hat, geholt habe und die hat gesagt, wenn er darüber reden will, dann tut er das. Denn wir haben ihn ja immer wieder gedrängt, willst du über irgendwas reden? Das ging ihm so auf den Geist. Willst du über irgendwas reden? Können wir irgendwas für dich tun? Können wir irgendwas machen? Bis er irgendwann mal gesagt hat, Leute, lass mich in Ruhe, wenn ich was will und wenn ich reden will, dann sage ich euch das.
Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass man nicht sich vormacht, dass es da eine Art Königsweg gibt, wie man in so einer Situation zu agieren hätte. Das ist ähnlich wie in der Trauer, dass jeder einen eigenen Weg finden muss, dass es kein richtig und kein falsch gibt, also es kann richtig sein, so zu handeln wie ihr gehandelt habt, dass man sagt, okay, nein, wir reden da nicht drüber. Es kann aber auch richtig sein zu sagen, ja, wir reden drüber, der Mensch, der im Sterben liegt oder bald sterben wird, erzählt, wie er sich den Abschied vielleicht vorstellt und so weiter.
Auch das kann richtig sein, aber es kann auch richtig sein, tatsächlich zu sagen, das ist jetzt für uns in der Konstellation kein Thema. Oder David, wie siehst du das? Nein, also ich denke, wichtig ist, dass man gemeinsam ist, dass man die Möglichkeiten hat und man kann keinen Zwingen über so ein Thema zu sprechen oder man kann halt nur Hinweise und Möglichkeiten geben und manche würden sehr gerne darüber sprechen, andere nicht und ich finde, man darf das Leben halt dazwischen irgendwie nicht darüber aus den Augen verlieren. Wichtig ist halt, gemeinsam zu sein in der Zeit und auch die Hoffnung.
Sie beschreiben einen Moment, wo das Ganze dann halt schon wieder eine Spur offenbarer wird, als Marcel in ihren Armen zusammenbrach, weil er seinen eigenen körperlichen Verfall nicht ertragen konnte. Er war ein Sportler stolz auf sein Körper. Was hat es mit ihnen gemacht, diesen Schmerz ihres Sohnes so hautnah mitzuerleben? Das habe ich zerrissen. Zumal er dann ja auch selber irgendwann mal neben mir gesessen hat und gesagt hat, so langsam sehe ich aus wie ein Krebskanker. Und das war eben so der Beginn dessen, wo ich im Kopf schon Abschied genommen habe und das schwierigste war, ihn das auch nicht spüren zu lassen und das ist mir ziemlich oft nicht gelungen.
Zum Glück war seine Freundin immer da, die genau das Gegenteil von mir ist. Die also die Hoffnung nie aufgegeben hat bis zum Schluss und ihn das auch spüren lassen. Und das ist das, was Marcel auch brauchte, denn er war unglaublich lebensfroher Mensch. Unglaublich. Dann also auch bis zwei Tage, bevor er eingeschlafen ist, es verweigert seine Medikamente intravenös zu nehmen. Er wollte sie immer schlucken und er brauchte ja jede Menge Nacher zum Schluss jede Menge Medikamente. Wir haben ihn zerbröselt, wir haben ihn zerkleinert und er wollte bis zum Schluss seine Selbstständigkeit bewahren und auch bis zum Schluss weiterkämpfen.
Deswegen haben wir über den Tod auch nicht gesprochen, weil er wollte weitermachen. Bis zum Geht nicht mehr jede mögliche Option auch ausnutzen. Und dann mussten wir dann irgendwann mal entscheiden, die ganzen Sachen intravenös zu nehmen, weil er einfach nicht mehr schlucken konnte. Und das war also mit die schwerste Entscheidung, ihm das abzunehmen. Das haben wir aber in einem gemeinsamen Gespräch gemacht, die Ärztin Marcel und ich, weil wir gesagt haben, es geht nicht mehr, du musst die Medikamente bekommen und schlucken ging nicht mehr, also muss es auf eine andere Art und Weise rein.
Aber es war dann klar, dass er nicht mehr aufwachen wird. Aber bis zum Schluss lebensfroher. Und deswegen war er eben so ein lebensfroher Mensch war, war er stolz war auch seinen Körper, den er sich hart erarbeitet hat, was als Typ 1 Diabetiker relativ schwierig ist, zerreißt einen so eine Situation. Und das Problem ist, ich gehe jeden Tag bei diesem Physio vorbei und immer wieder poppen diese Bilder dann auf. Wie erinnerst du dich an die letzten Tage mit Marcel? Kannst du darüber sprechen? Möchtest du darüber sprechen? Es waren mit die schönsten Tage in meinem Leben.
Denn ich hatte Angst gehabt, ich habe lange mit der Ärztin gesprochen, auf der Palliativstation, wo er die letzten zwei Wochen waren, waren immer abwechselnd Ärztinnen und die, die an dem Wochenende, Pfingstwochenende Dienst hatte, die kannte ihn vorher nicht. Er hat ihn da zum ersten Mal gesehen und hat mir dann auch ganz klar gesagt, mich wundert, dass er überhaupt noch lebt. Denn das Problem war, dass der Hirntumor erstens sehr selten war, sehr aggressiv war und was ein Hirntumor normalerweise nie macht, ins Rückenmarkt gestreut hat. Und die letzten Monate waren ein Albtraum gewesen und der körperliche Verfall ging eigentlich immer schneller nachher.
Bis eben so zwei Wochen vorher auch der Stoffwechsel nicht mehr funktioniert hatte. Das heißt, die Nahrungsaufnahme war völlig sinnlos, weil der Stoffwechsel nicht mehr in der Lage ist, da irgendwas draus zu machen und das ist eine Situation, die unumkehrbar ist, ab einem bestimmten Punkt. Und dann hatte Ärztin, die dann an dem Wochenende, wie gesagt, Dienst hatte und gesagt hatte, mich wundert, dass er überhaupt noch lebt. Mit der habe ich dann lange darüber gesprochen. Da ging es darum, dass es die nächsten Tage dann bald zur Ende sein wird mit ihm und sie im Bett für mich da bereitstellen würden.
Und ich wollte es nicht. Ich wollte nicht darüber nachdenken, weil ich einfach Angst hatte, ihn sterben zu sehen, wirklich zu sehen, wie er die letzten Arten zugemacht hat. Und dann habe ich mit ihr darüber gesprochen und bin danach doch zu dem Schluss gekommen, die letzten beiden Nächte bei ihm zu verbringen, wo er schon eingeschlafen ist, aufgrund seiner Medikamente und nichts mehr gespürt hat. Und ich ihm die beiden Nächte fast ganz wach gelegen habe, ihn nur seine Brust gestreichelt habe, mit ihm geredet habe, ihn angelogen habe. Ich habe ihm gesagt, du kannst gehen, ich komme alleine zurecht.
Die ganze Nacht habe ich ihn zugetextet, das, was er im meisten gehasst hat. Ja, und dann irgendwann mal an dem Dienstagmorgen, an dem Dienstag nach Fingsten, ist er um 6 Uhr morgens nochmal wach geworden, aber richtig wach. Guckte mich mit großen Augen an, machte einen großen Seufzer. Ich hatte gedacht, er ist wirklich real wieder da und ein paar Sekunden war er wieder weg. Und dann bin ich zu dem Pflegepersonal gegangen, habe ihr davon erzählt und dann hat sie gesagt, bald ist es soweit. Das Problem war aber, dass ich Riva weggegeben habe für zwei Tage und ich ihn dann an dem Morgen abholen musste, denn die konnte nicht länger auf ihn aufpassen, weil sie musste selber zur Arbeit.
Dann bin ich morgens um 7 Uhr rausgegangen, um meinen Hund abzuholen und um 7.23 Uhr in ihrem halb acht Krieg einen Anruf, dass Marcel gewartet hat, bis ich weg bin. Ich habe mir gesagt, das passiert häufiger. Ja, das ist tatsächlich so, dass an dieser Stelle ja, das auch passiert. Man kann im Moment nicht zwingen und manchmal müssen Menschen vielleicht auch alleine sein, um gehen zu können. Hast du ihn gesehen, nachdem er verstorben war? Ja, klar, ich habe ja meinen Hund geholt, habe den Kurz hier versorgt und bin dann auch direkt wieder hingefahren.
Meine Schwester war da, meine kleine, jüngere Schwester, vier Jahre jüngere Schwester, die war an dem Wochenende, ist die Exzern von Köln gekommen, die ist in der Zeit so oft gekommen, um meinen Sohn mit zu versorgen und zu holen. Sie war da, die Freundin war auch da, weil die habe ich ja dann angerufen, die sind dann sofort gekommen und ich bin dann auch danach direkt wieder hingefahren. Und ich habe eben da liegen gesehen, mit einem Lächeln im Gesicht. Kann euch das Foto mal schicken, er hat wirklich einen Lächeln im Gesicht gehabt. Ich glaube, es ist wirklich wichtig, das zu sehen, um zu sehen, dass es ihm nicht schlecht geht und dass man diese Zeit nutzen kann bis zu dem Zeitpunkt, ja, wo offenbarer ist, dass man ihn nicht bei sich behalten kann und das natürlich ein langsamer Prozess, aber das ist halt ja jetzt auch in all der Zeit und das hören wir ja auch aus deinen Worten heute hier.
Vieles gibt, was der Tod einem nicht nehmen kann, also was ewig bei dir bleibt, sei es natürlich der Hund, der ein guter Trauerbegleiter ist, der einen Wach und einem Leben hält, ja, das ist schon ein Geschenk. Du hast uns von dem Plan erzählt, nach Nepal zu fliegen. Du willst an deinem 65. Geburtstag am Mount Everest Basecamp stehen, um dort einen Teil von Marcel's Asche beizuführen, zusetzen. Was bedeutet diese Reise für dich? Es ist jetzt nicht so, dass das so eine Art Katase ist, wo ich dann sage, wow, jetzt ist alles damit vorbei, sondern es ist eigentlich etwas, was ich schon immer machen wollte, aber hat jetzt nichts Besonderes mit dem Nicht-Mehr-Frohnten-Sein-Meine-Sohnes-Zutun.
Das war nur eine Idee, dass ich dann sage, okay, ich nehme den zweiten Teil der Asche, ich hatte zwei Teile bekommen, ich nehme den und werde ihn da begraben. Das ist jetzt nicht so etwas Besonderes wie das, was ich jetzt in Südafrika gemacht habe, wo ich also den Tafelberg hochgegangen bin und da die Asche verstreut habe. Das hat mich förmlich zerrissen, denn Ende 2014 ist er für drei Monate nach Südafrika gegangen, auch um da Baseball zu spielen. Und das war für ihn der Place-to-be, das war für ihn absolut traumhaft. Und wir haben dann so oft auch über Südafrika gesprochen und auch eben darüber gewitzelt, die Sache mit dem Weißen Hei, über die, die wir da gesprochen haben.
Und ich hatte eigentlich gesagt, pass mal auf, wenn wir Ende, das war kurz vor Weihnachten, kurz vor Weihnachten, 2023, also das letzte Weihnachten, was er erlebt hat. Und wir haben dann auch darüber gewitzelt über Südafrika und haben gesagt, in einem Jahr bist du so fit, dass wir da zusammen hingehen und dann schwimm ich mit dem Weißen Hei, das Geschenk, was du abgelehnt hast in Südafrika. Und dazu ist es dann eben nicht mehr gekommen, dass wir da zusammen hinfliegen konnten und dann habe ich dann gesagt, pass mal auf, es war dein Place-to-be und ich werde in deiner Asche vom Tafelberg verstreuen.
Und da bin ich zu Fuß auf dem Tafelberg gegangen an seinem Geburtstag am 15.10. Und habe da die Asche verstreut und das war schlimm. Das war schlimm am schlimmsten war und das können sich als Bestatter bestimmt nachvollziehen, als ich die Dose aufgemacht habe und die Asche gesehen habe. Das sind die Reste von meinem Sohn und das war so erschreckend. Es war jetzt nicht, dass ich das verstreut habe, es war erschreckend zu sehen, die Asche in meiner Sohn ist das, was von ihm übrig geblieben ist. Dabei wurde es erst mal so richtig real, der ist nicht mehr da.
Das ist das, was er jetzt von ihm übrig geblieben ist. Dass ich das Ganze jetzt nochmal in Nepal mache, Nepal ist eigentlich mehr ein Traum gewesen, den ich uns seit sechs Jahren habe, den Basecamp Track zu machen, also zum Fuß des Mount Everest zu gehen. Und da habe ich dann gesagt, okay, wenn schon, dann soll mein Sohn jeden Tag auf den Mount Everest gucken. Ja, wie gesagt, ich glaube, das gibt vieles, was der tut, was er nicht nehmen kann. Aber eine Sache, die ich auch sehr interessant finde, Herr Schulz, wie war das für Sie, die Asche mitzunehmen?
Das stellen sich ja viele gar nicht so einfach vor. Das war ein völlig Problem, ich habe zwei kleine Dosen gehabt. Die waren nicht besonders groß gewesen, wo also der Bestatter ein bisschen abgezweigt hat. Und habe das ganz normal als Reisegepäck mit aufgegeben, in den ganz normalen Koffer eingepackt und das war es. Man sollte es nicht unbedingt als Handgepäck mitnehmen, wenn man so was macht, direkt in den Koffer rein. Nach so einer Erfahrung, die berührt ein, wie denkt man da über den eigenen Tod? Gar nicht. Ich versuche den auf jeden Fall so weit wie möglich zu verdrängen.
Ich habe nur Angst natürlich so zu enthalten wie mein Sohn in dieser Form. Das ist das, wo ich am meisten Angst vor habe. Wenn es mich von heute auf morgen trifft, wäre schade, weil ich immer wieder das Gefühl habe, ich habe noch nicht genug erlebt und ich habe noch nicht rausgefunden, warum ich da bin. Aber viele Gedanken mache ich mir nicht. Zum Glück. Du hast uns von der Abschiedsfeier für Marcel erzählt und ich habe gelesen, dass deine bestimmte Musik gespielt worden ist. Schwanenkönig von Karat und I Want to Crumble with You, If You Fall von Tom Jones.
Auch die Grabrede hast du selbst geschrieben. Ja, stimmt. Also schon hast du gesagt, nee, das mache ich selbst, weil normalerweise diktiert man da ja dem Fahrer was oder dem Trauerredner. Du hast das selbst in die Hand genommen. Warum? Weil es wichtig war vor allen Leuten, die da waren. Ich meine, jeder, der da war, kannte Marcel und wusste, was er für ein Mensch war. Und ich musste nicht mehr beschreiben, wie toll er war und was er war, was er für ein Typ war. Sondern das war ja in einem wunderschönen kleinen Rahmen. Wir haben uns vor dem Kolumbarium getroffen, der Bestatter selber.
Dem habe ich die Grabrede in die Hand gedrückt, den habe ich dir aber vorher zugeschickt. Der sollte die dann vorlesen, weil ich konnte es nicht. Und selber schreiben, deswegen, weil es mir wichtig war, mit meinen Worten mich bei Marcel zu bedanken. Dafür, dass er 30 Jahre lang mich begleitet hat und 30 Jahre lang da war. Und die beiden Songs, die ich da ausgewählt habe, ich finde, ein Schwanenkönig von Karat unglaublich passend auch, nicht nur für eine Behältigung, sondern auch für meinen Sohn. Und das Tom Jones-Lied hat natürlich auch seine Bedeutung, ich weiß nicht, ob jemand schon mal so ein schönes Lied geschrieben wurde, auch vom Text her.
Tom Jones hat ja selber, ich habe Tom Jones vor dreieinhalb Jahren gesehen. Ich bin mit einem E-Bike nach Fulda gefahren zu dem HR1-Konzert von Tom Jones. War ein absoluter Traum. Und da habe ich das zum allerersten Mal gehört. Da hat er diesen Lied intoniert. Ich war völlig geflesht von dem Lied, von dem Text, von allem drum und dran. Und ein paar Monate später habe ich auf YouTube das Video gesehen, wo er bei The Voice als Jura war. Und da hat er aus dem Stegreif das Lied nochmal intoniert und hat danach erzählt, wie das überhaupt zustande kam.
Seine Frau ist an Lungpläps erkrankt. Und sie hat ihm dann gesagt, wo er auch schon ziemlich alt war und sie auch, dann hat sie gesagt, don't crumble with me if I fall. Und das hat er sich eben zu Wort genommen, dass er dann mit 80 noch immer auf der Bühne steht und weitermacht und sich nicht hängen lässt und einfach sich von ihrem Tod zerreißen lässt. Und deswegen fand ich dann dieses Lied relativ passend. Wer das auch ein Lied, was du dir wünschst, dass es auf deiner Beerdigung gespielt wird? Ja. Da gibt es noch einen anderen Song. "Always look on the bright side of life".
Wolfgang Schulz. Wir danken Ihnen von Herzenfähre Offenheit und dafür, dass Sie uns Iro und Marcel's Geschichte erzählt haben. Das war Talk About Tod. Schön am Leben bleiben und bis bald und ein großes Dankeschön, Wolfgang. Danke für die Einladung. Ich danke euch.