Episode 37 ∙ 06.02.2026 ∙ 27 Min
Darf man das Sterben zeigen, Gisela Getty?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Gisela Getty
Darf man das Sterben zeigen? Künstlerin, Autorin und 68er-Ikone Gisela Getty hat ihre Zwillingsschwester Jutta Winkelmann bis zu deren Tod begleitet und die gemeinsame Zeit künstlerisch in der Ausstellung „Ashes to Rishikesh" verarbeitet.
Sie erzählt, wie sie gemeinsam mit Rainer Langhans die Asche ihrer Schwester nach Indien brachte und im Ganges bei Rishikesh verstreute – auf Juttas eigenen Wunsch hin –, und wie ihre Schwester noch kurz vor ihrem Tod mit ihrem Sohn den Film „Good Luck, Finding Yourself" drehte, eine Reise nach Indien auf der Suche nach einem spirituellen Meister.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Wann warst du das letzte Mal auf einer Beerdigung, Gisela?" – „Da muss ich überlegen, weil wir haben, als meine Schwester gestorben ist, gar nicht im klassischen Sinne eine Beerdigung gehabt, sondern wir haben ihre Asche nach Rishikesh, nach Indien gebracht."

Über Gisela Getty
Gisela Getty ist zu Gast. Die Künstlerin, Autorin und 68er-Ikone hat ihre Zwillingsschwester Jutta Winkelmann bis zu deren Tod begleitet und die gemeinsame Zeit künstlerisch in der Ausstellung „Ashes to Rishikesh" verarbeitet. Sie erzählt, wie sie die Asche ihrer Schwester nach Indien brachte und im Ganges verstreute, wie Jutta ihre Angst vor dem Sterben in einem Film und einem Comicbuch verarbeitete, und warum Beerdigungen für sie oft die ehrlichsten und schönsten Familienfeiern sind.
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Hallo zu Talk about Tod, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Roth, schön, dass du wieder dabei bist. Und ich bin Klaus Reichert, zusammen sprechen wir hier mit Menschen über das Leben und den Tod, was bleibt, was trägt, was vielleicht sogar tröstet. Heute ist eine Frau bei uns zu Gast, die ein Leben geführt hat, wie aus einem Film. Sie ist eine Künstlerin, Autorin, 68er-Ekone und die heute sehr offen über Stärm und Tod spricht, weil sie in Tod ihrer Zwillingsschwester Jutta Winkelmann begleitet hat. Willkommen Gisela Gettig.
Dankeschön. Hallo Gisela, grüß dich. Hallo Klaus. Unsere erste Frage ist immer die gleiche. Wann warst du das letzte Mal auf einer Beerdigung, Gisela? Da muss ich überlegen, weil wir haben als meine Schwester bestommen, es ja gar nicht im klassischen Sinn eine Beerdigung gehabt, sondern wir haben ihre Asche nach Rischikäsch, nach Indien gebracht. Und dann im Gang ist ausgestreut. Die letzte Beerdigung, die war wahrscheinlich von meinem Mann Paul in England, der ist beerdigt worden. Und das war auch eine klassische Beerdigung mit einer Trauerfeier und mit einer Urnen oder mit einer Sackbeisetzung?
Ohne, das war eine klassische Abschiedsfeier, also Beerdigung, wo dann die Urne beigesetzt worden ist. Und da sind Reden gehalten worden, wieder gesungen. Genau. Hat das auch irgendeinen religiösen Kontext gehabt? Nicht direkt, aber da es auch einen Dienst in der Kirche gab, hat der Fahrer was dazu gesagt. Also ja, kann man schon sagen, also innerhalb eines christlichen Zusammenhangs. Und war das eine Beerdigung, weil du sagst, es ist dein Mann oder ein Ex-Mann. Ist irgendwas hängen geblieben? Hast du irgendwas in Erinnerung, was vielleicht besonders schön war oder auch vielleicht nicht so schön?
Als die ganze Familie zusammengekommen ist und wir dann auch nachmittags und auch zum Abend hin nach dem Kurs es dinner hatten und gewisse Festlichkeit, die war schön, weil ich glaube bei einer Beerdigung, da sind alle Menschen irgendwie betroffen und offener. Also Beerdigung sind eigentlich oft und die schönsten Familienfeiern. Also weil jeder wird nochmal wertgeschätzt und der Abschied und es gibt so eine offene, liebevolle Atmosphäre. Frau Getti, Sie haben Ihre Zwillingsschwester Jutta bis zu ihrem Tod und darüber hinaus begleitet. Sie haben diese Zeit nicht nur privat erlebt, sondern auch künstlerisch dokumentiert, mit Fotos, die in der Ausstellung "Echestor Ritschikächt" zu sehen sind.
Was hat die See dazu bewegt, so offen mit dem Sterben umzugehen? Also meine Schwester hat es ja schon relativ öffentlich gemacht und ich lebe ja seit über 50 Jahren kann man jetzt sagen, in einer spirituellen Kommune, also mit Frauen und... Also wir haben alle unsere eigenen Wohnungen und so, es ist eine geistige Kommune auch mit Rainer Langkanz und wir haben uns schon sehr lange mit dem Sterben und Sterben lernen beschäftigt. Und als meine Schwester im Sterben lag, hat sie auch noch... hat erst mal ihr Sohn ein Film über sie gemacht, der heißt "Good Luck, Finding Yourself".
Das ist eine Reise nach Indien, wo sie nochmal versucht hatten, spirituellen Meister vielleicht zu finden. Aber der Hintergrund war natürlich, dass sie irgendwie mit ihrem eigenen Sterblichkeit und mit der Angst davor, nochmal mit ihren spirituellen Wegepferden nochmal eine andere Einstellung finden wollte, weil sie hatte große Angst zu dem Zeitpunkt. Später hat sie die verloren übrigens, aber zu dem Zeitpunkt und auch verzweifelt irgendwie, weil sie war ja auch noch relativ jung, dass eben sozusagen dieses Todesurteil über sie ausgesprochen war, so wie sie das empfunden hat.
Und dieser Film ist auch gezeigt worden und hat, glaube ich, auch ein paar Preise gewonnen und dann hatte sie ein Buch geschrieben, das heißt "Mein Leben ohne mich", dass sie ein Teil ist, pro sein Teil ist, hat sie als Comic sozusagen gemacht, hat Fotos verwendet, eine Comicgeschichte erzählt. Und das Buch hat sie noch kurz für ihrem Tod sozusagen in ihrer Hand gehalten und auch nochmal gelesen und fand eben... Also das Buch war so nach dem Motto "Do not go lightly into this darkness" und nach Dylan Thomas, also nochmal einen großen Schrei nach außen, nochmal kämpfen, das fand sie dann aber, als sie dann mit ihren Sterben die Angst überwunden hat und das auch akzeptiert hat.
Da wollte sie gerne nochmal was schreiben, wo sie gesagt hat, es ist auch was Schönes, was hier passiert, man kann das kaum benennen, aber ich würde gerne auch irgendwas machen, um Leuten die Angst ein bisschen zu nehmen. Oder ein anderer Perspektive aufzuzeigen. Ich kann das aber nicht mehr, weil ich nicht mehr die Kraft dazu habe. Und mach du doch, mach ihr doch nochmal irgendwas, was versöhnlicher ist. Also wo man auf den Tod zugeht und auch eben auf diesen Schrecken sozusagen zugeht, sich den anschaut und was Schönes entdecken kann. Und das war natürlich eine große Herausforderung, weil das Sterben sieht erst mal so gesehen nicht schön aus.
Also Menschen sind krank oder sie sind, also Jutta war wahnsinnig dünn, aber ich muss auch sagen, dass sie außerordentlich schön war, also vergeistigend und sie hat ja dann auch überhaupt keine Medikamente genommen und hat gesagt, ich habe mein ganzes Leben lang meditiert und ich bin auf einem spirituellen Weg und ich möchte das bewusst erleben. Und sie hatte ja auch durch Rainer eine spirituelle Begleitung, eine geistige Begleitung und sie ist sehr selbstbestimmt gestorben. Also wir haben gesagt, du bestimmst alles und wir führen das so aus, wie du das möchtest.
Und dann hat sie auch alle Ärzte erst mal verabschiedet. Sie wollte auch keinen Morphine nehmen, obwohl sie sehr stark Geschmerzen hatte. Und ist dann sehr sachtse, ich gehe jetzt drauf zu, ich gehe jetzt ganz bewusst drauf zu. Hat sich auch von mir nochmal Zwillingschwester verabschiedet und hat gesagt, wir konnten uns nie wirklich in diesem Leben trennen, das übrigens ein großer Kampf war, weil wir auch uns individuieren wollten. Und sie hat gesagt, in den letzten 10 Metern habe ich mich jetzt von dir getrennt und ich gehe jetzt ganz nach vorne, also ich blicke auch nicht mehr zurück.
Und als sie dann an dem Tag hat sie gestorben ist, sind wir noch Rainer und auch die anderen Frauen und ihre Kinder. Jetzt sind wir alle um sie herum gewesen und haben noch meditiert und sie dann aber leingelassen, was sie auch vorher mal wollte und dann ist sie morgens, als niemandem zu mir war, ist sie dann gestorben. So um 5 Uhr morgens hatte aber ihrem Sohn gesagt, dass sie nicht beerdigt werden möchte, sondern verbrannt und dass wir die Asche nach Pischekesche nach Indien bringen sollen, um in Ganges zu streuen. Ich glaube, sie wollte nur ihre Tochter und mich nach Indien locken, weil sie hat natürlich gewusst, dass der menschliche Körper verbrannt, dass das nichts mit der Seele mehr zu tun hat, in dem Sinne, sondern nur noch abgelegte alte Kleidung kann man so sehen, bedeutet.
Aber ich denke, sie wollte das wieder auch in Erfahrung machen und das haben wir auch. Wir haben die Asche nach Pischekesche gebracht und haben das dann in den Fluss und wir alle in Fluss begangen, also ihre Kinder und ich und Rainer und haben die Asche ausgestreut und haben ihren Wunsch in dem Sinn erfüllt. Isla, du erzählst das so schön. Wie war das für dich? Also viele Menschen hätten wahrscheinlich Hemmungen, eine Kamera in so einem Moment nochmal zu benutzen und Fotos zu machen. Warum war es für dich wichtig, das für deine Schwester zu tun?
Also ich habe alles die ganze Ausstellung und ich muss sagen, ich muss da Apple-Loben mit einem iPhone gemacht. Das war sehr unauffällig in dem Sinn. Ich war aber auch alles mit meiner Schwester abgesprochen und ich habe hier dann auch immer die Fotos gezeigt bis zum Schluss. Natürlich in dem Sinn konnte ich das nicht mehr, aber das war ja vorher schon alles okay von hier und ich habe unendlich viel Aufnahmen gemacht. Da war mir noch überhaupt nicht klar, dass ich das mal ausstellen würde. Da hatte ich nur so ein gewisses Gefühl, das ist wichtig und wir müssen das auch sehen.
In unserer Kultur ist der Tod so verdrängt und wir wollen da nicht hinschauen und unsere Sterben angehörigen werden, in Krankenhäusern abgeschoben und das ist alles so klinisches Geschehen. Es gibt eigentlich in unserer Kultur auch geistig keine wirkliche Traxe oder keine wirkliche Begleitung geistig. Man muss schon nach Osten blicken, um in die heiligen Schriften sozusagen indische oder buddhistische was überhaupt passiert, wenn ich sterbe. Da gibt es ein Leben nach dem Tod und in ihrem Buch, was sie gemacht hat, das ist zwar so ein Schrei gegen ihr eigenes Sterben, aber beinhaltet auch diese ganzen spirituellen Fragen.
Wer bin ich? Woin gehe ich? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Also die ganze Auseinandersetzung ihres spirituellen Weges, den sie bis dahin gegangen ist. Wie real ist das alles? Also was habe ich wirklich erlebt und was habe ich erfahren? Und das konnte ich natürlich mit dieser Ausstellung, konnte ich das nur jetzt eben von der Außenbetrachtung sehen und habe dann, ich habe unendlich viele Fotos von ihr gemacht über die Jahre und habe mich aber dann eben wirklich nur auf den Sterbensprozess konzentriert und habe das letzte Jahr dann der Auswahl von dem letzten Jahr gemacht.
Bei der Ausstellung selber habe ich es aber nicht chronologisch gezeigt, weil es ging mir bei der Ausstellung jetzt nicht um das Bild einer Krankheit, um jemand das abnimmt, sondern eben diese intensiven Bilder überhaupt erst mal drauf zuzugehen und das auf sich wirken zu lassen. Und ich habe das auch nie als Kunst deklariert, sondern immer eher als eine Einladung, als ein Event, als eine Einladung. Hier ist meine Schwester, die stirbt und ja, es ist eine Einladung zu einem Dialog. Berlin Artweg war ich ja ein Teil dann von Berlin Artweg und ich habe auch ein Essay geschrieben, in dem ich auch nochmal eben die Intention hinter der Ausstellung betone, dass es eben nicht Leben als Ende, also Tod als Ende des Lebens, sondern Tod als Leben, dass man damit eigentlich nur durch eine Türe geht in einen höheren Bewusstseinsgrad, als Stand oder ja, in ein geistiges Leben.
Das wir zwar nicht kennen, aber das jeder Mensch auch irgendwo erahnt, weil jeder Mensch hält sich auch für unsterbliche Sterbe immer nur die anderen. Und da ist ja ein gewisser wahrer Kern auch drin, also man spürt irgendwie, man weiß es aber nicht, aber man spürt irgendwie, wir sind auch unsterblich, ja auch als eben, als eine Anregungsterben zu lernen, also durch Meditation, durch, dass man sich nicht mit dem Körper so identifiziert und eigentlich als eine Einladung zum Gespräch. Und das finde ich ist mir auch sehr gut gelungen und auch die Ausstellung selber, wo ich auch zwischendurch wahnsinnige Ängste bekommen habe, darf man das überhaupt und ist das nicht zu intim und ist das nicht, also ich muss nur mit großen Ängsten irgendwie, muss ich die bewältigen und finde dann doch, dass es am Schluss eine sehr, sehr gute Sache ist.
Aber viele Leute haben sich so bei mir bedankt, also sie ist unglaublich aufgenommen worden, die Ausstellung und viele Leute haben auch gesagt, ihnen ist es gelungen den Tod zärtlich darzustellen. Und das ist aber wirklich die, wenn man meine Schwester so sieht, das ist die Ausstrahlung von ihr, die ich da in dem Moment auch eben selber gespürt habe und festhalten konnte. Wir werden ein paar Links in die Show-Notes setzen, dass man die Bilder auch anschauen kann. Es war auf jeden Fall so, dass während der Art Week in Berlin diese Ausstellung total im Vordergrund stand.
Ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass alles andere, was da gezeigt worden ist und die zweite Reihe verdrängt wurde, dadurch, dass diese Bilder zu sehen sind. Ja, ja, so habe ich das empfunden. Also es waren ja überall auch Berichte, Spiegel online, im Grunde die ganze Presse hat ja berichtet darüber. Rokus, ja, also das hat mir auch gezeigt. Wir haben ja vor Jahren, vor vielen, vielen Jahren, als Jutta noch lebt, da haben sie und ich an Film über das Sterben von Timothy Leary gedreht. Und das hat überhaupt, also wir haben das dann im Fernsehen angeboten, niemand wollte das.
Und haben gesagt, nee, tot, das will niemand sehen und so. Und da hat sich schon ein bisschen was verändert, finde ich. Also ich war selber erstaunt, wie die aufgegriffen worden ist. Also schon vom ersten auf dieses Sligmagazin, die waren die ersten schon noch ein paar Monate vor der Ausstellung. Und das ist ja eigentlich so ein Lifestyle-Fashion und Kunstmagazin, übrigens ein gutes in Berlin. Und da habe ich schon gesagt, wahrscheinlich ist das für euch gar nichts, es geht um Tod, es dreht sich hier um Tod. Und da waren die sofort interessiert.
Und haben gesagt, es ist thematisch wirklich interessant für uns. Und ich habe auch eigentlich nur positive Resonanz bekommen, wo ich muss ich ehrlich sagen nicht mitgerechnet habe. Gisela, es gibt in eurem Leben eine ganz interessante Geschichte. Ich meine, Gisela Getty, der Nachname wird vielen noch etwas sagen. Und ja, du bist die Ex-Frau von John Paul Getty und bist gerade auf dem Sprung zu eurem gemeinsamen Sohn nach LA. Diese ganze Geschichte ist ja bekannt und auch die Fotos von dir und deiner Schwester sind ja sehr bekannt. Es ist ja nicht nur Rainer Langhans und Uchi Obameyer gewesen, von denen berühmte Fotos aus den späten 60er Jahren existieren, sondern auch von euch beiden als Zwillinge, wenn du auf diese Zeit zurück schaust und die jetzt in den Kontext stellst, von dem, was du jetzt über das Sterben deiner Schwester gemacht hast oder auch jetzt in deinem Leben, was du heute tust.
Also die ganze Spiritualität, die du ausübst, die Meditation, auch die, die dieses Zusammensein mit Rainer Langhans heute noch und mit den anderen Frauen. Wie schaust du heute auf dein Leben aus dieser Perspektive? Also da kann ich schon ganz direkt einen Weg da drinnen erkennen. Also von Anfang an, also diese, ich halte ja auch und da bin ich mir ja auch mit Rainer und den anderen Stimmen, haben, stimme ich uns total überein, dass dieses 68, so wenig wird das wirklich begreifen, was plötzlich da über diese ganze bestliche Welt gekommen ist, so dass Jugendliche sagen, make love, not war.
Das ist ein Satz, den muss man sich mal gerade heutzutage überlegen, was da eine ganze Generation vertreten hat. Und dass das eben auch schon eine spirituelle Bewegung war, auch wenn sie natürlich so politische Kostüme sich teilweise angezogen hat. Und als dann dieses, war es doch so ein, so ein spirituelles Erwachen, wo wir verstanden haben, diese materielle Welt, ist eigentlich nur auch nicht wirklich, also ist auch eine Illusion. Und Rainer hat uns schon damals, als wir kannten ihn noch nicht persönlich damals, sagt er einen Satz, das ist auch so ein bisschen zum Leitsatz von uns geworden, sagt er, ein Revolutionär muss sich selbst revolutionieren.
Und da drin liegt natürlich schon auch diese Spiritualität, dass man sich selbst verändern muss und nicht die Welt. Also man muss eben in die Liebe kommen und lieben lernen. Und das ist eben dann diese ganze Suche danach gewesen, auch als 68 wieder rund wieder das Fenster so zu ging. Und da war eben Rainer, weil er schon von einem indischen Meister initiiert worden war, derjenige, der uns auch eine Vision anbieten konnte. Also auch sehr ernsthaft und gesagt, hier gibt es was, da geht es jetzt weiter. Und das hat uns eigentlich, auch wenn das teilweise bei mir so ein mehr anderer Weg war, aber ist das doch mein Weg gewesen.
Direkt kann man den sowieso nicht gehen, weil es ist auch kein einfacher Weg. Wenn man dann doch in diesem Moment kommt, in die Realität, wenn man stirbt. Hat sie das gut darauf vorbereitet auf diese Realität, oder wir haben sie das dann in diesem Moment empfunden? Denn sie hatten natürlich viele Aufgaben, aber die lenken ja auch so ein bisschen von dieser Realität ab, wie es ist in diesem Moment zu sein, oder? Ich konnte teilweise das nicht als Realität, ich konnte es nicht fassen. Also ich konnte es nicht akzeptieren. Und wir haben Jutta, sie hat das im Wesentlichen, ich habe das alles gemacht, aber ich habe selber jeden Tag, fast jeden Tag Gespräche mit Rainer gehabt.
Weil ich mir auch selber helfen musste, weil ich einfach, ich habe manchmal nachts im Bett gelegen und nebenan lag meine Schwester im Sterben und ich habe gedacht, ich muss jetzt aus diesem Traum aufwachen, ich kann das nicht fassen, dass das tatsächlich passiert. Dass das jetzt unsere Realität ist, dass das die Realität ist. Und es gibt immer noch einen kleinen Teil in mir, der sagt, das stimmt alles nicht. Also es gibt immer noch so einen gewissen Aspekt davon, dass Jutta jetzt wirklich gegangen ist, den ich nicht fassen kann. Und das ist, glaube ich, also ich weiß es auch nicht genau, was das ist.
Also ich würde auch vielleicht geneigt sein zu sagen, weil das Sterben, so wie wir das so erleben in unserer Kultur eben auch nicht wirklich ist. Aber dieses unfassbar was dabei passiert, also dieses Geistige, das ist eben nicht so erklären, nicht zu verstehen. Und deswegen gibt es immer noch, also wenn ich sage, ich kann das nicht akzeptieren oder ich kann es nicht erfassen, dann ist es vielleicht so eine Art, dass da geschehen ist, dass über meine ganze Auffassungsgabe und Verstehen und über die ganze Möglichkeit des Intellex einfach so weit darüber hinausgeht, dass es auch was Irreales hat.
Sterben lernen war ja das Stichwort und das ist ein großes Wort. Was heißt das für Sie persönlich? Also das Sterben lernen, für mich heißt es persönlich, das beschreibt es halt diesen Weg, den wir auch schon seit 50 Jahren gehen mit rein, dass man eben weiß, dass der Körper nicht die Seele ist, also dass man nicht der Körper ist und eben in diesem Prozess auch durch Meditation lernt, immer ein bisschen mehr von dem Körper zurückzutreten. Man kann ihn durchaus schätzen, wir brauchen ihn hier, aber eben sich nicht mit so zu identifizieren, sondern doch immer wieder auch Erfahrung machen und in Meditation machen, dass eben, wo man sagt, du bist jetzt mal eine Weile abgestellt, also du kannst jetzt hier nicht so rumzappeln und das und jenes wollen und befriedigt werden wollen durch gutes Essen oder was immer, oder schön in der Sonne liegen, sondern du bist jetzt hier mal abgestellt und ich konzentriere mich jetzt eben auf was anderes und danach können wir auch wieder Freunde sein, aber dass man doch irgendwie was sagt, jetzt tritt du mal zurück und lass mich mal irgendwie meditieren.
Gisela, du hast den Tod deiner Schwester in dieser Ausstellung öffentlich gemacht, das war wie gesagt eine Ausstellung, die jede Menge Aufmerksamkeit bekommen hat. Wie haben die Leute darauf reagiert? War da eher Dankbarkeit von Menschen, die sagen endlich, sprich dir man so offen über dieses Thema oder gab es auch Kritik? Überhaupt nicht, es hat mich niemand kritisiert. Ausstellung lief ja während dieser ganzen Berlin Art Week, diese ganze Woche und ich hatte auch schon angegeben, dass ich während der ganzen Ausstellungszeit anwesend sein werde, weil das wusste ich natürlich, dass das nicht einfach Bilder sind, die man so hinhängt, sondern wie gesagt, hatte ich das auch eben als Gesprächsdialogsmöglichkeit schon konzeptuell so geplant und dann habe ich natürlich sehr, sehr, sehr viele Gespräche gehabt von ganz unterschiedlichen Leuten, also auch von ganz jung erstaunlicherweise auch so ein Empfinden dafür hatten und das ist einfach erstmal, weil die sind natürlich noch weit weg von so einem ganzen Geschehen, dass erstmal so intuitiv eben wichtig und auch gut und auch interessant fanden.
Und dann hatte ich auch mal ein Interview im RBB, im Fernsehen, an dem Abend kamen sehr viele alte Leute und die sich auch bedankt haben und gesagt haben endlich ist das mal in der Diskussion, endlich können wir das mal sehen, weil wir beschäftigen uns auch damit, wir gehen da drauf zu, wir sind gar nicht so weit davon entfernt und haben sich bei mir bedankt. Also es war wirklich erstaunlich, ich habe es ja schon vorher gesagt, mit dieser Reaktion hatte ich nicht so gerechnet, es hätte ja auch nach hinten losgehen können, wo die alle sagen, also die ist verrückt und wie kann man das irgendwie von der Schwester so zeigen oder es interessiert uns nicht oder tot, das ist doch deprimierender oder so, also alles Mögliche.
Hätte ich mir auch natürlich auch in meinen Ängsten dann vorgestellt. Nach all den Erfahrungen, die du jetzt gemacht hast, wie möchtest du selber sterben? Ich denke nicht so wahnsinnig viel darüber nach, ich denke eigentlich im Weselchen eher darüber nach, dass ich meine Meditation einhalte und doch immer wieder realisiere oder immer versuche mich vom Körper nicht so identifiziert zu sein und auch diesen Tod eher auch als eine Türe. Also dass ich mich diesen Schrecken schon näher, weil ich habe große Angst davor, aber dass ich eben in diese Angst reingehe und dann aus Erfahrung weiß ich ja, dass das Ängste, dass das alles eigentlich immer nur Türen sind und wenn man durch sie durchgeht und sie nicht vermeidet, also durch diesen Schrecken geht, dass man dann wieder in einen höheren Bewusstseinsraum kommt.
Und das ist auch das Einste, was ich dann überhaupt jemand da was von mir hören will, sagen würde, so mache ich das. Ich gebe ja keine Anweisung, wie man zu sterben hat. Ich kann nur sagen, das probiere ich und das kann ich euch sagen, also das teile ich mit. Mit ihrer Schwester haben sie darüber gesprochen, wie ihre Schwester beerdigt werden möchte. Haben sie sich dazu auch Gedanken gemacht, wie es bei ihnen sein soll, was ihre Wünsche wären? Ne, also ich denke eigentlich gar nicht mehr so sehr in die Zukunft. Also ich weiß, dass ich natürlich sterben werde, aber ich weiß nicht wie und was dann sein wird und ich weiß auch, dass sich das regelt irgendwie.
Und ich will schon verbrannt werden und das habe ich meinen Kindern auch schon gesagt und will vielleicht auch in Ganges meiner Asche zu der Asche meiner Schwester. Aber das eigentlich eher so aus ein bisschen sentimentalem Grund, aber man kann es auch von irgendwem Berg runterblasen oder in Weichensee schmeißen oder so was. Also die Asche bin ja nicht ich. Gisela, wie würdest du gerne in Erinnerung bleiben? Ist das eine Vorstellung, dass man sagt, okay, die Leute sollen die Bilder von früher, als ihr da die It-Girls wart, in Erinnerung behalten oder von heute?
Das ist ja alles ein Weg, also diese It-Girls, das war ja auch nur, weil wir besonders neugierige, auch nicht so neugierige Wesen waren. Also wir beschreiben uns ja immer als Sucherinnen und wenn Leute mich irgendwie in Erinnerung vielleicht auch sagen, dass auch Frauen Sucherinnen sein können. Aber selbst weiß ich nicht in Erinnerung behalten, keine Ahnung. Habe ich auch noch nicht wirklich drüber nachgedacht. Ich glaube gar nicht, dass ich große Erinnerung bleiben werde. Gibt es denn eine Melodie oder ein Lied, das Sie damit verbinden würden?
Also als wir Jutta das Asche verbrannt haben, da hatte sie sich gewünscht "Knocking on Heaven's Door" von Bob Dylan. Und das haben die auch gespielt und wir haben auch alle sehr geweint, als der sagt, dann da in diesen Ofen oben worden ist und "Knocking on Heaven's Door". Also das war ein sehr emotionaler Moment, wo ich auch dann realisiert habe. Da geht Jutta's Körper auch, den kann man jetzt nicht mehr sehen. Und weil wir hatten sie auch noch drei Tage zu Hause gelassen und kamen auch meine Kinder und ihre Kinder sind auch immer wieder rein.
Dann allein mit ihr und haben persönlichen Abschieds genommen und das war auch alles sehr schön. Gisela, vielen Dank für deine Offenheit. Mehr Infos zu Gisela Getty und ihrer Ausstellung verlinken wir in den Show-Nauts. Das war's für heute. Schön am Leben bleiben und bis bald. Danke schön Frau Getty. Danke, danke euch. [Musik]