Episode 25 ∙ 04.07.2025 ∙ 28 Min
Kann ein Lied Trost spenden, wenn Worte fehlen?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Stefan Sulke
Kann ein Lied Trost spenden, wenn Worte fehlen? Liedermacher Stefan Sulke erzählt von der Beerdigung seines Bruders in London vor 15 Jahren – einer traditionellen jüdischen Zeremonie, mit der er als überzeugter Nichtreligiöser haderte, obwohl er zu seinem Bruder kein besonders enges Verhältnis hatte.
Er erzählt von einem Rabbiner, den er vorab fragte, ob er überhaupt zur Beerdigung gehen müsse, und der ihm daraufhin sagte, dass es seinem Bruder inzwischen egal sein könne – wichtiger sei es, ihn später im Gedächtnis lebendig zu halten. Im Gespräch geht es auch um eine kanadische Studie, die zeigt, dass bewusstes Fernbleiben von einer Beerdigung ebenfalls ein legitimer Umgang mit dem Tod sein kann.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Wann waren Sie das letzte Mal auf einer Beerdigung?" – „Also auf meiner schon mal nicht. Die letzte Beerdigung war die meines Bruders. Das ist vor 15 Jahren gewesen." – „Und wie hast du diese Beerdigung erlebt?" – „Schlecht. Ich hatte kein tolles Verhältnis zu ihm."

Über Stefan Sulke
Stefan Sulke ist zu Gast. Der Liedermacher erzählt von der Beerdigung seines Bruders in London – einer traditionellen jüdischen Zeremonie, mit der er als überzeugter Nichtreligiöser haderte –, von einem Rabbiner, der ihm sagte, ein Toter brauche keine Beerdigung, sondern Erinnerung, und davon, warum er trotz eines Lebens ohne Ehe bis heute überzeugt ist, dass gemeinsame Rituale wie Trauerfeiern durchaus ihren Sinn haben.
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Hallo zu Talk about Tod, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin Klaus Reichardt. Und ich bin David Roth. Heute sprechen wir mit einem Liedermacher, der uns seit vielen Jahren begleitet, ein Mann mit feimhumortiven Ernst und ganz eigenen Gedanken über das Leben. Herzlich willkommen, Stefan Sulke. Danke für die Einladung. Herzlich willkommen, Herr Sulke. Die erste Frage, die wir all unseren Gästen stellen, wann waren Sie das letzte Mal auf einer Beerdigung? Also auf meiner schon mal nicht. Die letzte Beerdigung war die meines Bruders.
Das ist vor 15 Jahren gewesen. Und wer hast du diese Beerdigung erlebt? Schlecht. Ich hatte kein tolles Verhältnis zu ihm. Und er war in London und der war genauso wie ich, komplett unreligös, aber seine Frau war so eine halbe Pseudochassidin. Und dann haben die so eine echte idische Beerdigung da gemacht. Ich muss ehrlich sagen, mir ging das ganze Ding ziemlich auf den Nerv. Die Tatsache ist diese. Ich habe einen Rabbiner hier gefragt. Ich habe dem gesagt, ich habe keine Lust, da hinzugehen, aber sie ist mein Bruder. Und der hat etwas Wunderschönes gesagt.
Er hat gesagt, wenn Sie keine Lust haben, hinzugehen, ihm kann das ja jetzt egal sein. Und Sie können ja später dann mal hingehen und ihn besuchen gehen. Was der eigentlich sagen wollte, ist, eine Beerdigung zu gehen, ist irgendwo ein Blödsinn. Das Entscheidende ist, hältst du den Toten irgendwie am Leben, indem du dich an ihn erinnerst, Ende meiner Durchsage? Ist das tatsächlich so, dass man auch auf dem richtigen Weg ist, indem man vielleicht auch eine Abschiednahme verzichtet, weil wir reden ja immer darüber, dass es genau gut ist, in so einem Moment hinzugehen und eine Trauerfeier zu organisieren und sich auch persönlich vom Toten zu verabschieden.
Wir wissen aber aus, es gibt eine Studie aus Kanada, die im Grunde so ein bisschen bestätigt, was er so gesagt hat, dass es auch die Möglichkeit gibt, einfach sich komplett zu verweigern. Also es erzählt es mir ja schon seit Jahren. Die Studie habe ich nach wie vor gar nicht gesehen. Es gibt halt viele Wege, mit diesem Thema umzugehen. Also Abschied nehmen halte ich schon für wichtig, dass ich das weiß. Gemeinschaft ist auch nicht verkehrt. Hier unsere Freunde aus Japan haben untersucht, dass man das ja nicht nur als Selbstzweck macht, sondern dass man Unterstützung bekommt.
Ich bin ja nur nie verheiratet gewesen, weil ich glaube auch Hochzeiten haben gewissen Sinn, dass man halt öffentlich das anerkennt. Was Herr Sulke ja gerade geschildert hat, kein gutes Verhältnis zu einer Person zu haben, die dann stirbt. Man darf auch nicht auch eine Art von Katasiserlösung hoffen, wenn man dann zur Beerdigung geht und danach feststellt, auch dass ich jetzt die Beerdigung besucht habe, ändert meinen inneren zustandlichen. Ich kann denjenigen immer noch nicht leiden. Oder es war trotzdem kein gutes Verhältnis. Genau, das ist genau der Punkt.
Eine Beerdigung ist keine Erlösung in der Beziehung. Und deswegen kann man sich wirklich fragen, ob sich der ganze Filifanz etwas bringt. Ich habe vielleicht zu viel Physik in meinem Leben gemacht. Ich habe natürlich das Problem, dass ich nicht akzeptieren kann, wenn man sagt, jemand verschwindet. Das ist einfach nicht wahr. Jedes Molekül, jedes Atom, aus dem ich bestehe, bleibt ja da. Das heißt, niemand geht weg. Alles, was jemals auf diesem Planeten gelebt hat, ist noch da. Und es geht ja soweit, dass wenn man sich eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufmacht, dann kommt man zum Schluss, dass wahrscheinlich jeder, der heute lebt, ein paar Atome von Julius Caesar in seinem Körper drin hat.
Ein weiteres Beispiel, ich habe jemanden, ich lasse das jetzt mal anonym, die hat ihre Mutter eingeäschert und hat die Urne bei sich zu Hause im Schlafzimmer und ist mit ihrer Mama immer noch zusammen. Ich finde das okay. David, drehen wir es mal um. Trotzdem ist es natürlich gut und sinnvoll und wichtig, dass wenn man zu einer Trauerfeier geht, ein gutes Verhältnis hatte, dass sozusagen auch ein guter Abschied stattfinden muss. Also wir wollen ja die Leute nicht abhalten, davon zu trauern und Trauerfeiern zu organisieren. Ja gut, ich glaube, der Zweck ist ja nicht, dass man Leute trauriger macht, sondern dass das ein bisschen heller ist, dass es den gut gehen darf und dass die irgendwie getröstet sind, das Gefühl haben, verbunden zu sein.
Also ich glaube, das darf schön sein, das darf auch witzig sein und auf der anderen Seite, es muss ja nicht halt die ultimative Lobhurt der Leile sein oder nichts Schlechtes über den Toten sein, dass man so ein Gefühl dafür bekommt, um wen es da eigentlich geht und diesen Moment hat. Also mehr ist es mehr. Ja, ich glaube, man muss auch unterscheiden zwischen, wie ich jetzt an eine Beerdigung hingehen, um den Überlebenden eine Freundschaftskeste zu geben oder den Überlebenden einen Respekt zu geben, das ist eine Sache. Aber für denjenigen, der gestorben ist, spielt es keine Rolle und das ist eigentlich das, was ich meinte.
Wenn ich an eine Beerdigung gehe, um das Beispiel meines Bruders zu nehmen, weil da Verwandte sind, Neffen und so weiter, macht man das eigentlich für die Lebenden. Dann grundsätzlich, glaube ich, ist einfach der Punkt dieser, dass der Tod, obwohl er das Normalste ist, dass es überhaupt gibt und ich meine mit der Geburt das einzigen zwei Dinge, die im Leben sicher sind, dass man geboren wird und dass man sterbt. Und trotzdem wird um den Tod rum ein Theater gemacht, als wenn er etwas Unnatürliches wäre. Und das ist das, was mich an der ganz Todesliturgie irgendwie manchmal stört.
Aber andererseits gibt es auch schöne Seiten. Also ich meine, ich katholikere, ich bin ein Fan von den Katholiken, wenn ich sehe, wie die ihre Päpste begraben. Das ist einfach das Hollywood, das ist sensationell. Sehr vorbildlich. Das hat irgendwas Schönes. Und hier geht es um dieses Versteckspielen, dass man einen Toten in eine Kiste reinsteckt. Ich meine, die Orthodoxen lassen ja wenigstens das Gesicht noch offen, dass der Tote dann irgendwie schon irgendwo weg ist, bevor er überhaupt beerdigt worden ist. Das ist das, was mich an der ganzen Sache stört.
Und dann das zweite ist, dass ich doch glaube, dass es in Wirklichkeit immer um uns selber geht. In Wirklichkeit haben viele Menschen ein Problem mit dem eigenen Tod, im Sinne von, dass sie Angst davor haben oder das ist nicht akzeptieren. Und dass dadurch der Tod irgendeine Dimension bekommt, die ihm eigentlich gar nicht zugestanden werden sollte. Insgesamt ist ja heute zu beobachten, dass der reale Tod gegenüber den Medien so gar nicht mehr vorkommt. Es war nicht unnormal, dass in der Nachbarschaft oder so Leute gestorben sind oder dass man mal einen Verstorbenen gesehen hat.
Oder kamst du da sonst mit in Berührung? Ja, also erstens mal im Studium, weil ich ein Jahr lang Medizin gemacht habe, um so ein bisschen zu gucken, wie das ist. Und das erste, und dann habe ich Juka studiert und den beiden haben sie uns ins Gerichtsmedizinische Institut geschleppt, sodass man da so genüge Tod zu sehen bekam. Und dann habe ich auch einen oder zwei Verwandte gesehen, als sie gestorben waren. Und da ihnen übrigens so einen gewissen Respekt noch gegeben habe, indem ich den Toten noch auf die Hand gedrückt habe. Ihre Karriere als Liedermacher reicht weit zurück, weil sie sind ja dann nicht Jurist geworden und noch nicht Mediziner.
Sie sind 43 in Shanghai geboren, haben in der Schweiz gelebt, in Paris und das Angelus Musik gemacht. Warum Liedermacher? Wie sind sie zu Musik gekommen? Wenn sie doch eigentlich nur ganz konventionelle Karriere erst mal angestrebt haben, als Arzt beziehungsweise Anwalt oder Richter. Das ist, weil ich von Spießern erzogen worden bin und in einer spießigen, pifigen, kleinkarrierten Gesellschaft aufgewachsen bin, die es nicht verstehen konnten und nicht akzeptieren konnten, dass jemand so verrückt ist, dass er sich in die Popmusik hinein bewegt.
Ich habe ja 1963, da war ich 20 Jahre alt, damals war ich also nach damals den Gesetzen 19 Jahre, war ich nicht mal mündig, so dass ich noch eine Unterschrift brauchte in Paris. Mein erster Song da funktionierte ja bereits. Und die waren einfach Puff, dass ich erstens mal etwas mache, dass sie für unmöglich halten und zweitens waren sie Puff, dass sie gesehen haben, dass es sogar funktioniert hat. Und dann wenig später, dann war ich in den USA, da hat es auch wieder funktioniert. Und dann bin ich zurückgekommen in die Schweiz und habe diese Montreux Jazz Festival gestartet und das hat auch wieder funktioniert.
Und dann ist dieses Casino abgebrannt und da hatte ich plötzlich relativ viel Zeit und hatte so, naja, ich würde das mal sagen, so existenzielle Bedenken, was treibe ich denn hier überhaupt. Und da ich finanziell schon ein bisschen unabhängig war, habe ich plötzlich mir gesagt, ja komm, dann mache ich den mal eine Freude und ich bin immer ein bisschen an die Universität. Das war der einzige Grund. Ich glaube aber, was Sie gerade erzählt, dann ist toll, weil ich glaube, man kann das für die Leute sehr anfassbar machen, die Geschichte, die Sie gerade angerissen haben, in dem wir den Leuten erzählen, dass das Song "Smoke on the Water", ganz berühmtes Lied von die Purple, weltbekannter Rock-Song, im Grunde inspiriert wurde durch diesen Brand, den Sie gerade erwähnt haben, nämlich in dem Song, erzählt die Band die Geschichte von diesem Brand und von Frank Zappa, der da aufgetreten ist.
Das wird alles in diesem Lied erzählt und Sie waren eigentlich verantwortlich dafür, weil Sie damals dieses Montreux Festival mitinitiiert haben. So war es doch, oder? Das war der Tag, an dem ich eine Million verloren habe und die haben eine Million gewonnen. Mehr, das würde ich sagen, eine reicht da nie. Ja, vielleicht ist das alles, aber es ist nicht. Das war übrigens beeindruckend, also das eine Lehre habe ich da gemacht. Das ist absolut kein, ich hatte einen tollen Vertrag mit der Stadt Montreux und das war alles wunderbar und sicher und so weiter.
Und da war die große Lehre, die ich da gezogen habe, es ist nichts, ist sicher. Du weißt nicht mal, was in den nächsten fünf Minuten passiert. Und jetzt um noch zurückzukommen auf die Liedermachergeschichte. Ich hatte ja, wo sind wir jetzt, 1973 mittlerweile, 1974, dann dagegen. Und ich habe dann die Studios weitergemacht und habe auch in Montreux nach dem Brand dann noch zwei Jahre lang weitergemacht. Ich hatte dann auch so eine andere Geschichte in meinem Kopf drin, so eine gewisse Müdigkeit, dass ich seit über zwölf Jahren mich beschäftigt hatte mit kurzfristigen Dingen, also so ein Pop-Song, der hält drei Wochen und dann kommt das nächste und irgendwie so eine plötzliche Sehnsucht, etwas Seriösung, dass ich mir sagte, kann ich nicht etwas machen, das ein bisschen länger hält.
Und wie ich auf die Idee von Deutschland gekommen bin, das kann ich mir, das kommt mir immer noch nicht in den Kopf rein, keine Ahnung. Ich war oft in Deutschland, weil ich auch noch so ein Studiotechnik noch gemacht habe, die ich den ganzen öffentlich-rechtlichen verkloppt habe, aber das wäre dann wieder eine andere Geschichte, sodass ich relativ oft in Deutschland war. Und in Deutschland ist mir aufgefallen beim Durchfahren, dass die nur Amisongs spielten am Radio oder dann deutsche Songs, die einfach einen Niveau hatten, wo es die dann schon ein bisschen die Schuhe auszog, also diese Lederhosen, grüne Wiesen und Kuglockenszene da.
Ich fand das einfach grauenhaft. Und ich dachte mir, woher kommt das? Die vor dem Krieg hatten die eine Musikkultur, die war, die ganze Welt kannte das. Und was ist da passiert? Und alle anderen Länder haben neben der Popmusik auch, machen hier auch ein bisschen gescheitere Sachen in den USA, in den Countryseiten, in Frankreich, im Champs-Eau und so weiter. Und dann dachte ich mir, verdammt nochmal, das muss doch machbar sein. Und ich habe die deutsche Sprache auch durch meine Mutter eingedrillt bekommen, also die Schönheit der deutschen Sprache.
Und dann hatte ich plötzlich diese Idee, kommen jetzt machen wir mal ein paar Songs, die sollen jetzt mal ein bisschen länger halten. Die waren übrigens wahnsinnig schwer zu verkloppen. Also ich kannte alle in dem Business, alle in Deutschland. Und alle Türen waren offen. Und als ich damit meinen ersten Masterband angekommen bin, aber ausnahmslos alle, hey Stefan, das ist unverkäuflich, das ist ja Kunst, das geht nicht. Ja, aber das hat doch eine ganze Weile, hat das doch sehr gut funktioniert. Ich kann mich erinnern, sie waren in den wichtigen Sendungen, waren sie auch als Liedermacher, als jemand, der, ich will es mal in Anführungsstriche setzen, und zwar weil ich es weder ab noch aufwerten will, aus Sicht jetzt eines Fernseher-Redakteurs, der zuständig ist für eine Einschaltquote, was schon, wie David es gesagt hat, eine gewisse Ironie transportiert hat, ein Witz transportiert hat, aber auch eine gewisse Tiefe, die man sonst in der Musik einfach nicht angetroffen hat.
Also ich bin das typische Beispiel dafür, dass die Profis keine Ahnung haben. Das ist so passiert, die Firma Hiss Intercourt war eine kleine Firma, die einen großen Konzern gehörte übrigens in Stuttgart, und ich werde nie vergessen, wie ich den, das war der letzte, den ich auf meiner Liste hatte, der hat sich das gesamte Ding angehört, und dann hat er einfach so lakronisch gefragt, ja was wendt sie dafür her? Und ich sagte ihm, ich brauch nix, brauch keinen Vorschluss, ich hab das ja selber produziert, alles gut, ich will einfach eine gescheite Beteiligung haben.
Dann ist das Ding losgegangen, wieso ist es losgegangen? Weil in den Radiostationen Leute drin waren, die haben sich das angehört und fanden das toll, weil in den Fernsehstudios des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der ja ein Monopol damals hatte, Leute waren, die fanden das toll. Und die den Beweis erbrachten, dass die Plattenindustrie, die Musikindustrie, einseitig ist. Und ich war die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Lassen Sie uns über ein ganz besonderes Lied sprechen. Heute seid ihr alle eingeladen, es klingt wie eine poetische Einladung zum Abschied, fast wie ein Lied zur eigenen Beerdigung, oder?
Ja, also ich habe natürlich eins in meinem Leben oft gemerkt, dass wenn Menschen dich lieben, dass dein eigener Tod nicht dein Problem ist, sondern ihr Problem ist. Und das zweite ist, dass aus dem Leben scheiden, wenn du noch Lust hast am Leben, natürlich auch irgendwas Wehmütiges hat. Und dieses Thema wollte ich mir einfach mal rausziehen. Also ich habe das schon ziemlich bewusst gemacht. Und ich habe mir gedacht, wenn ich diesen Kontrast zeige, nämlich einerseits heute seid ihr alle eingeladen, dann ist es positiv und dann dreht es um, wo der Typ dann von seinem eigenen Frust ist, das weggehens, bricht heute weg der Frühling seinen Fleder.
Und ich muss gehen, dieses Zwiespältige, das hat mich fasziniert an dem Thema. Und so bin ich auf diese Idee gekommen. In dem Lied sprichst du ja auch von einem besseren Land drüben. Glaubst du an etwas nach dem Tod? Keine Ahnung. Ich weiß es wirklich nicht. Also ich bin ein ziemlich suizidärer Typ, immer gewesen, also dieses Tom Sawyer-Syndrom. Ich erschieß mich jetzt und alle sind traurig. Was ja Leute, die das im ganzen Leben mit sich rumschleppen, dann am Schluss eben dann doch nicht machen. Und ich habe mir immer wieder gesagt, ja Moment mal, ich meine, wenn du das machst, der garantiert dir, dass da fertig ist danach.
Was machst du eigentlich? Mit einem plötzlich einer da vor dir steht, du, das ist aber keine gute Idee, was du da gemacht hast. Das darfst du aber nicht. Und jetzt kommt eine Strafe, jetzt kommst du wieder ins Leben zurück als Fliege, keine Ahnung. Sie schreiben ein Song, der die Menschen tief berührt. Es geht um Abschied, es geht um Tod, es geht vielleicht sogar um das Leben nach dem Tod. Und ich spüre so ein bisschen, dass auch Song schreiben und auch Texten eine Arbeit ist, die etwas damit zu tun hat, dass man konzentriert versucht, ein Ergebnis zu erzählen, was funktioniert.
Ich will Herbert Grönemeier mal zitieren an der Stelle, der ja auch sagt, dass er immer erst die Musik hat, also eine Melodie und Rich und weiß, wie es ungefähr klingen soll. Und dann sozusagen seine Texte drüberlegt und die Texte ergeben ja bei dem... Ja, das hört man diesen Texten auch ran. Ja, es ergeben für mich keinen Sinn, aber bei vielen Frauen muss ich mal jetzt in Anführungsstriche setzen, scheint es so zu sein, dass diese aus dem Setzkästlein der Wortglauberei herbei fantasierten Texte, dass sie so eine emotionale Tiefe haben. Also ich habe das in Nashville zum ersten Mal gehört.
Ich glaube, es war Buddy Kehlen, der das sagte, der Typ, der mich produzierte. Weil er schon damals hatte meine Songs an Anfang und Ende und er hat gesagt, "A Song really needs a story". Und das war immer mein... also in meinen deutschen Sachen vor allem war das immer das Grundprinzip, dass ich mir ein Thema genommen habe. Also ein Thema "Ushimachi Kein Quatsch" als Beispiel. Also das ist ein absolutes Verhöhungslied der woke feministischen Kiste. Und das muss irgendwann mit einer Pointe aufhören. Und ich habe das Lied erst dann in Angriff genommen, als ich die Pointe hatte, obwohl ich nicht sehr gerne "Tulpenstängel" heiß.
Okay, jetzt habe ich das Ende, wie das Ding aufhören muss. Oder ein anderes Beispiel, "Kompeta mach kein Quatsch, hör auch mit deinem Kram bla bla bla" durch den ganzen Song. Und man weiß nicht wovon er redet. Und die Pointe am Schluss ist, "Die Kohle hast ja du und meine Frau dazu". Und diese letzte Zeile war der Anfang vom Song. Und dann zurückbasteln in den Anfang. Das ist wirklich... der Gottfried Keller hat das mal wunderschön gesagt. Er hat gesagt, Genie ist 5% Talent und 95% Mal hoch. Und das stimmt. Also ich meine, ich will jetzt nicht hier große Mitleid mehr reinholen.
Aber wie man knurzen kann. Übrigens, ich bin gerade dran, mein Album fertig zu machen. Und da ist ein Song dabei, der eine ziemlich lange Text-Song ist. An dem, schon an der Aufnahme und in der Art und Weise, wie es interpretiert ist, fumle ich jetzt schon seit zwei Wochen rum. Und das sieht dann immer so hingeschmissen aus. Aber in Wirklichkeit ist es... das ist wie alles. Ob ich nur Schreiner bin oder Baumeister oder Arzt, Chirurg, was auch immer. Letztlich ist immer alles Arbeit. Wie kommst du auf die Ideen dazu? Also wozu bist du deine Inspiration heraus?
Die sitzt hier auf der rechten Schulter. Und die heißt die Muse und ist die letzte Nutte, die sie überhaupt gibt. Weil die kommt immer dann, wenn du gerade keine Zeit hast. Im Autositz kommt die mit einer genialen Idee. Und du sagst, mein Gott, wie kann ich das memorisieren, bis ich wieder zu Hause bin. Und wenn du zu Hause bist, dann ist sie nicht mehr da. Und ich habe ein furchtbares Weib, die in Südmungsumfer, wie so nennt man es die, aber sie hat schon was Weibliches an sich für einen Mann. Wie war es eigentlich für sie, in einem Bestattungshaus aufzutreten?
Weil sie waren ja bei uns im Haus. Ist das wie jedes andere Publikum auch? Publikum ist Publikum? Nein, und Gottes Willen, also die Geschichte... Ich hatte damals einen Agenten und der ruft mich an und sagt, Stefan, du musst jetzt mal in Bergisch Gladbach auftreten. Und ich sage, ja, okay, wo ist denn das dort? Und dann sagt er mir, drehe nicht gleich durch. Das ist ein Bestattungsunternehmen. Sag ich, was spinnst du an? Bist du wahnsinnig geworden? Ich habe mich am Anfang gekriegt. Und dann habe ich gesagt, nee, also das muss ich mir zuerst anbuchen gehen.
Und dann bin ich da hingefahren und da habe ich das Vater kennengelernt. Der ist ein super Typ, ein lebensfroher Mensch. Und der hat mir dieses ganze tolle Ding da gezeigt. Und ich war absolut fasziniert, auch hypnotisiert von ihm, muss ich sagen. Der hat mich also so was von innerhalb von ein paar Sekunden um den Finger gewickelt. Und da bin ich mindestens viermal aufgetreten. Und wenn ich nicht sterbe, werde ich garantiert nochmal da auftreten. Das ist ein toller Wenn du... Vater ist jetzt rot. Genau, und das hat mir ja schon ausgemacht. Also mit dem nächsten Mal und viele der Gäste kommen ja auch mit so... ...eine leichten, markaberen Faszination.
Also seitdem ich das mache, hast du eigentlich immer auch gesagt, die wollen immer gucken, ob du noch da bist. In einer gewissen Form und die kommen ja dann teilweise noch mit Schallplatten. Jetzt beim letzten Mal hattest du einen, der dich das erste Mal damals bei deinem ersten Fernsehauftritt gesehen hat, nachdem er sich brav gewaschen und in seinen Schlafanzug gekleidet hatte. Und dich dann da sah, wie du bei, ich weiß gar nicht mehr genau, bei Rudi Carell doch gewesen bist. Und dann damit als Zigaretteabend im Fernsehprogramm sitzen durfte.
War das am laufenden Band? Ja, aber das war so eine verrückte Geschichte. Ich habe einen riesen Vorteil, weil ich das schon ziemlich lange machte. Das heißt, ich war ja schon ein alter Hase, vor allem international. Und ich habe sowieso tendenz keinen Lampenfieber zu haben. Das ist einfach ein Charakter, den ich habe. Und diese Plattenfirma, die wollten unbedingt, dass ich in diese Sendung gehe. Ich kannte die nicht und ich hatte auch keine große Lust. Ich wollte eigentlich gar nicht so Fernsehen machen. Und die haben mich dann mehr oder weniger gezwungen, dahin zu gehen.
Und ich kann mich erinnern, wie kalt das alles war. Weil das war wirklich so ein gemischtwahnladen, diese Sendung. Und das ging um ein großes Publikum. Und du als Chanson-Sänger-Typ, da warst du einfach drei Minuten irgendwo in einem einständigen Programm. Und da fernelief ein Lampenlaufenden Band, der singte ein guter Titel. Und ich hatte einen ziemlich schwierigen Song, der eine kaputte oder halb kaputte Liebesgeschichte erzählt. Und die haben mich einfach auf so eine nackte Bühne gestellt. Und ich brauchte dann irgendwie ein bisschen Requisiten.
Und dann habe ich um ein Holzstuhl gebeten, damit ich mich wenigstens hinsetzen kann. Und dann dachte ich mir, wenn ich jetzt drei Minuten lang vor dieser blöden Kamera bin, das ist unmöglich. Was mache ich mit meinen Fotos? Und dann habe ich gesagt, Regisseur war in England, der sprach kein Wort Deutsch. Und dann fragte ich ihn, listen, can we smoke here? Ja, ja, you can smoke. Und dann sage ich, kann ich meine Zigarette haben? Hier ist eine Zigarette. Oh, kann ich noch ein Feuerzeug haben? Und so ist das entstanden. Ich habe eine Zigarette angezündet, um mich irgendwie rauszumogeln aus den...
Also eine Zigarette ist schon ein sensationelles Prunkstück im Video, weil man kann ablenken mit einer Zigarette. Also man kann nachdenken, indem man an der Zigarette zieht. Oder man kann auf die Zigarette gucken. Also es war schon mein Lebensretter für die, ich sage. Also Zigaretten sind ja heute aus den Medien weitestgehend verschwunden. In meinen Filmen sieht man sie immer selten. In Sendungen ist das mittlerweile undenkbar. Aber ich muss dazu sagen, wir sehen uns ja hier im Inchat. David raucht eine Zigarette und Stefan Sülke raucht sogar eine Zigarre.
Ist ein ungewohnter Anblick, aber er gefällt mir. Es ist einfach so. Also es gibt diese... Es ist so ein schöner jedischer Schmonz. Das ist dieser Typ, der hat sein Leben lang da nichts gemacht und nie geraucht, nie mit sexuell was gemacht, kein Alkohol und so weiter und so weiter und so weiter. Dann kommt er drüben an und dann... Also pass auf, ich meine, wenn du der Meinung warst, dass du das alles nicht brauchst, dann kannst du auch wieder zurückgehen, dann kannst du da weiterleben. Was sollst du hier im Paradies machen? Und es gibt diese Geschichte anders.
Es gibt die zwei, die kommen im Paradies an und der Engel gibt ihn da, gibt ihn da ihr Häuschen und dann zeigt er ihn die S-Anlagen. Dann haben sie also den ganzen Tag, gibt es da Riesenbüffes und Alkohol und alle Rauchen und haben Zigarren und trinken Whisky und Wein und essen fettes Fleisch. Und der fragt dann ein bisschen verängstlich den Erzengel. Ja, ist das nicht gefährlich? Ich sage, wieso? Das ist hier seit dem Paradies, da kann überhaupt nichts passieren. Sie können so viel davon genießen, wie sie wollen. Und dann dreht er sich zu seiner Frau und sagt, du blöde Kuh, wenn wir ständig gegessen hätten, dann hätten wir schon vor zehn Jahren hier sein können.
Vor dem Paradies kommt natürlich erst noch das Ableben. Und dann eventuell natürlich nur eine Beerdigung. Haben Sie schon mal bei Ihrer eigenen Beerdigung nachgedacht, Herr Sulke? Nein. Das heißt, es gibt keinen Plan für eine Trauerrede oder dass Sie irgendwie einen Wunsch hätten, dass irgendwas über Sie gesagt wird. Es gibt ja Leute, die planen das wirklich ganz exakt bis zum Schluss durch, um sich so auch mit einem schönen Fest nochmal, so ein kleines Denkmal zu setzen. Keinerlei Ideen bei Ihnen auch. Nein, das Einzige, was mich interessiert an meinem Tod, ist, dass es finanziell für meine Frau keine Probleme gibt.
Ich bin Typ, der den Tod als Abschluss, als Schlussricht sieht. Ich bin hundertprozentig einer, der nur uns Leben denkt. Hast du mit deiner Frau da schon mal drüber gesprochen oder ihr gesagt, wie sie sich da verhalten soll oder kann? Nein, aber es ist mir auch egal. Ich meine, ich am liebsten würde ich eigentlich meinen Körper da irgendeiner Uni geben. Und im Moment bin ich in Frankreich und ich bin da auf der Gemeinde gewesen. Dann habe ich mich da mal erkundigt. Dann haben die mir gesagt, da muss man zahlen. Und dann habe ich gesagt, das geht ja wirklich zu weit.
Also ich gebe meinen Körper hin, damit die den Ausschnitt sind können. Ich soll Ihnen auch was zahlen. Weißt du was? Dann lass ich mich lieber verbrennen. Wobei das ja jetzt auch, wie in jeder guten Geschichte, vielleicht auch in einem guten Song, das jetzt fast so eine Ellipse geworden ist, unser Gespräch, weil Sie sind ja eingestiegen mit dem Hinweis darauf, dass Sie mal in der Pathologie waren als Student der Medizin und als Student der Rechtswissenschaft. Und jetzt landen wir wieder an der gleichen Stelle, nur dass Sie auf dem Tisch liegen und in irgendeiner Form erforscht wird, was alles in Stefan Solke drin steckt.
Wobei vieles ist ja in Ihren Liedern im Grunde auch gesagt. Und insofern jetzt noch zu Fragen damit. Die letzte Frage können wir uns heute, glaube ich, schenken, was für eine Song auf Ihrer Werte umgespielt werden soll. Wer ist dir recht hier in unserem Thema und in unserem Zusammenhang, wenn wir das Lied über das wir auch gesprochen haben. Ich habe euch alle eingeladen, dass wir das vielleicht mit dieser Episode verknüpfen. Heute seid ihr alle eingeladen. Können wir gerne machen. Wir schreiben drunter, das ist nicht der Musikwunsch von Stefan Solke.
Nein, aber wir finden es ja ganz schön und wie gesagt... Ja, das tolles Lied. Das ist ein schönes Lied. Ja, vielen Dank, Stefan. Ich freue mich drauf, wenn wir uns bald wieder richtig sehen und von dir hören. Vielen Dank für das Gespräch, für all die Lieder und immer schön am Leben bleiben. Vielen Dank euch, dass ihr mir da eine Möglichkeit gegeben habt, ein bisschen rum zu quatschen. Interessante Dinge haben wir erfahren. Ich fand das jetzt sehr, ich will mal so sagen, dafür, dass wir den Tod gesprochen haben, fand ich das unterhaltsam, teilweise auch wirklich sehr witzig, was sich zu erzählen haben.
Und es ist auch schön, in solchen Geschichten manchmal sich wieder zu finden, die man selber kennt, wie Rudi Carell oder Smoke on the Water. Und dann so von der anderen Seite, das nochmal diese Geschichten noch mal erzählt zu bekommen. Herzlichen Dank. Ja, ich danke. Informationen zu Stefan Solke und dem Lied "Heut seid ihr alle eingeladen" findet ihr wie immer in den Show Notes. Das war es für heute. Schön am Leben bleiben und bis bald. SWR 2020