Episode 27 ∙ 11.08.2025 ∙ 30 Min
Tod in eisigen Höhen – was dann, Herr Nestler?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Stefan Nestler
Wie erfährt man vom Tod eines Menschen, den man nur aus der Ferne kennt? Stefan Nestler ist Journalist, Bergsteiger und Betreiber eines bekannten Bergblogs. Er ordnet den Tod der Biathlon-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier ein, die am Laila Peak im Karakorum-Gebirge in Nordpakistan bei einem Steinschlag ums Leben kam.
Nestler erzählt, wie er anhand offizieller Formulierungen wie „schwerst verletzt" oft schon Tage vorher ahnt, dass ein Bergunglück tödlich ausgegangen ist, und wie er selbst kurz zuvor, innerhalb von drei Monaten, seinen Bruder und seine Mutter verloren hat – ein Verlust, von dem er sagt, er habe lange gebraucht, um wieder auf die Spur zu kommen.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Sie hatte einen schweren Bergunfall in Pakistan, und da hieß es schon, sie sei mindestens schwerst verletzt. Und da habe ich schon gedacht: Das wird eng. Wenn ein Management so etwas sagt, dann ist das schon so etwas wie die Ankündigung, dass man mit dem Schlimmsten rechnen muss."

Über Stefan Nestler
Stefan Nestler ist zu Gast. Der Journalist und Bergsteiger betreibt einen bekannten Bergblog und ordnet den Tod der Biathlon-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier ein, die bei einem Steinschlag am Laila Peak im Karakorum ums Leben kam. Er erzählt, wie er anhand offizieller Formulierungen wie „schwerst verletzt" oft schon Tage vorher ahnt, dass ein Bergunglück tödlich ausgegangen ist, wie er selbst innerhalb weniger Monate seinen Bruder und seine Mutter verlor, und wie er als erfahrener Bergsteiger mit dem Restrisiko seines Sports umgeht.
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[Musik] Hallo zu Talk about Tod. Wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Roth. Schön, dass du wieder dabei bist. Und ich bin Klaus Reichert. Zusammen sprechen wir hier mit Menschen über das Leben, über den Tod, über das, was bleibt, was trägt, was vielleicht sogar tröstet. Unser heutiger Gast ist jemand, der dahin geht, wo die meisten anderen umkehren. Stefan Nestler, Journalist, Bergsteiger, Bergblogger und einer, der sich immer wieder mit Grenzerfahrung beschäftigt hat. Schön, dass sie da sind. Ja, ich freue mich auch. Herzlich willkommen.
Wir wollen heute über den Tod von Olympiasiegerin und Bergsteigerin Laura Dalmayer sprechen. Los geht's aber wie immer mit der Frage. Ernester, wann waren Sie das letzte Mal auf einer Beerdigung? Leider 2022 und das gleich in ab von drei Monaten, zweimal im engsten Familienkreis. Wie haben Sie diese Beerdigung in Erinnerung behalten? Sehr schmerzhaft, weil ich meinen Bruder sehr früh verloren habe, sehr plötzlich. Und das war mein einziger Bruder und meine Mutter drei Monate später. Und das hat mich schon wirklich auch zurückgeworfen. Und ich habe lange gebraucht, um wieder auf die Spur zu kommen.
Herr Nestler, heute wollen wir über den Tod von Laura Dalmayer sprechen. Sie sind selbst Bergsteiger, kennen die Risiken. Laura Dalmayer war eine Ausnahmeathletin und kam am Layla Peak im Karakorum Gebirge in Nordpakistan in etwa 5700 Metern Höhe bei einem Steinschlag ums Leben. Wie haben Sie vom Tod von Laura Dalmayer erfahren? Was war hier erst der Gedanke? Einen Tag bevor diese Meldung eigentlich kam, dass sie das Unglück nicht überlebt hat, habe ich über Instagram eigentlich gesehen, dass das Management von ihr gesagt hat. Sie hatte einen schweren Bergunfall in Pakistan und da hieß es schon, dass sie mindestens schwerst verletzt sei.
Und da habe ich schon gedacht, das wird schon eng. Weil wenn ein Management so etwas sagt, mindestens schwerst verletzt, dann ist das schon so etwas wie die Ankündigung. Man muss mit dem Schlimmsten rechnen. Und als es dann auch noch so kam, dass sie eigentlich auch noch die zweite Nacht sozusagen unerreicht blieb, war mir eigentlich schon klar, dass sie nicht mehr lebend gebrochen werden kann. Allein aus meiner Erfahrung heraus, ich habe ja viel mit Extrembergsteigern zu tun. Und jede Minute, die dann in diesen Höhen und in diesen abgelegenen Gebieten verstreicht, ohne dass jemand gerettet wird, die verminder natürlich die Chancen extrem und irgendwann gehen die dann gegen Null und so was.
Dann einen Tag nach dieser ersten Nachricht, für mich ehrlich gesagt nicht mehr so überraschend, dass das Management dann verkündet hat. Ja, sie ist schon seit Monat tot. Ich beschäftige mich ja auch beruflich damit. Ich kannte sie jetzt nicht persönlich, als Sportreporter kannte ich sie natürlich auch als Biathletin. Sie war mir präsent. Ich habe sie auch nachher als TV-Expertin halt immer wieder gesehen. Und auch das war für mich halt eine Person der Zeitgeschichte. Aber es ist halt immer so, wenn dann so jemand an den höchsten Bergen bleibt, dann macht das mit mir auch was.
Weil ich habe ja auch selbst so Situationen gehabt, wo ich gedacht habe, okay, du hast jetzt echt Glück gehabt. Und es hätte auch anders ausgehen können. Und man fordert das Schicksal nicht unbedingt heraus, aber man geht halt Risiken ein beim Bergsteigen in diesem gefahren Raumberg. Und ich bin ein sehr, sehr vorsichtiger Mensch und ich glaube, dass ich das auch auf einem verantwortungsvollen Level getan habe. Aber man weiß, es ist dieses Restrisiko da und dieses Restrisiko kann halt tödlich sein. Und in dem Fall von Laura Dalmaier war es halt tödlich.
Und dann denkt man schon, du hast wirklich viel Glück gehabt und hoffentlich bleibt einem das Glück erhalten so ungefähr. Viele fragen sich ja, warum geht man überhaupt dieses Risiko ein? Was treibt Menschen an, sich so einer Gefahr auszusetzen? Man blendet diese Gefahr einfach aus. Es ist schwer, dass jemand zu erklären, den dieses Gefühl nicht hat, was Bergsteiger haben, wenn sie auch so ein Berg gehen. Also es ist dieses zum einen den Körper an seine Grenzen bringen. Es ist eine Fähre Auseinandersetzung mit der Natur. Man testet also aus, was kann ich mit meinem Körper erreichen.
Und es ist ungeheuer befreiend, dann auch in diese großen Höhen vorzustoßen und am Ende nur noch den Himmel über sich zu wissen. Also Reinhard Karl, der erste deutsche Bergsteiger, der auf dem Mount Everest war, der hat gesagt, oben sieht man weiter. Und das ist wirklich so ein bisschen so. Man kommt in so ein Floh rein und man hat das Gefühl, man ist irgendwie auf so einer anderen Ebene. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, und das hat auch Reinhard Karl gesagt, ganz oben ist man nie. Also selbst wenn man wie er am Mount Everest war, dann steigt er ab und dann denkt er schon dran, was mache ich dann jetzt als Nächstes.
Also das ist so eine, ja das ist die Kehrseite, das ist fast so eine Art, ja eine Sucht werden kann. Reinhard Messner hat mir mal erzählt auf die Frage, was haben Sie gedacht, als Sie oben auf dem Mount Everest oder auf anderen hohen Bergen standen. Und dann hat er gesagt, sein erster Gedanke als er oben angekommen ist, wer immer gewesen, hoffentlich komme ich heil wieder runter. Interessant. Ja, dann war er aber auch wirklich sehr reflektiert. Und ich muss ganz ehrlich sagen, klar, dass jeder weiß das Objektiv, jeder Bergsteiger weiß das, dass die meisten Unfälle ja auch beim Berg abgehen und nicht beim Rauf gehen.
Weil man ist ja vorher unter Adrenalin, man pusht seinen Körper, man will da hoch und dann ist man oben und dann wird einem erst bewusst, okay, ich muss den ganzen Weg auch noch wieder runter. Und deshalb passieren ja auch so viele Unglücke beim Abstieg, weil dann die Konzentration unter Umständen auch nachlässt. Im Idealfall denkt man dran, okay, ist jetzt so schnell wie möglich runter. Aber ich habe das selbst mal in einem 7000er erlebt, den ich besteigen wollte und ich musste 150 Meter unter dem Gipfel. Also ich war schon über 7000, musste ich umkehren, weil ich völlig am Ende war, weil das Wetter umschlug.
Und dieser Abstieg, der ist so lang geworden. Also es ist unglaublich für mich gewesen, irgendwann hatte ich nichts mehr zu trinken und ich habe dann mir irgendwelche Eisapfen am Wegesrand abgebrochen und die gelutscht und bin nur noch gestolpert nachher ins Basislager. Also diese 2000 Meter Abstieg, die haben mich wirklich absolut an meine Grenzen gebracht. Und als ich nachher dann ins Basislager zurückkam, das sagt jemand, du siehst aus wie der alte Hermann Bull, als er vom langen Papa zurück kam. Du siehst aus 10 Jahre älter geworden jetzt in diesen 3 Tagen.
Und sind Unglücke am Berg nicht gerade selten? Hat sich der Umgang mit solchen Todesfällen in der Öffentlichkeit verändert? Ich glaube eigentlich nicht unbedingt, weil ich sage das ja eben schon dieser Fall, Laura Dalmeier ist ein besonderer, weil sie halt so im allgemeinen Bewusstsein verankert war. Aber der normale, in Anführungsstrichen, extremen Bergsteiger, der am Berg umkommt, viele kennen den ja gar nicht. Also in jedem Jahr kommen einige richtig gute Bergsteiger ums Leben, aber die breite Masse kennt die nicht. Und deshalb taucht das dann in irgendwelchen Fachmagazinen auf.
Aber dass das so ins breite öffentliche Bewusstsein gelangt, das passiert eigentlich selten. Und deshalb ist es, glaube ich, jetzt dieser Fall, Laura Dalmeier, ein ganz besonderer, weil die Leute wussten zum Teil gar nicht, dass sie Bergsteigerin war. Und jetzt setzen sie sich einfach auch damit auseinander mit, dass man am Berg bleiben kann. Und für viele ist das was völlig Neues, aber für die, die in der Szene drin sind, ist es etwas, was leider Gottes immer wieder vorkommt. Und ich muss auch sagen, die Liste derjenigen, mit denen ich zum Beispiel auch Bergsteigen war und die dann eben nicht zurückgekommen sind, die ist halt auch schon erschreckend lang.
Und das berührt einen. Ich war vor Kurzem im neuen Museum von Reinhard Messner in Bozen und da gibt es einen Raum, da hängen Fotografien von Menschen, die beim Bergsteigen, beim Extremklettern gestorben sind. Und das eine, was mich sehr beeindruckt hat, war, dass dieser Raum voller Fotos hängt, also nicht nur ein Paar, sondern im Grunde die ganzen Wände sind voll mit Fotografien. Und in der Mitte standen die Schuhe von Reinhard Messners Bruder, der in den 70er Jahren am Mount Everest gestorben ist und die Schuhe haben sie Jahrzehnte später, wie wir den Leichnamen gefunden.
Und das ist sehr, sehr beeindruckend, das zu sehen und vor allem auch erschüttern, dass es wirklich so viele sind. Im Fall von Laura Dalmeier war bemerkenswert, dass es sich offenbar gewünscht hat, im Falle eines Unglücks nicht geborgen zu werden. Was bedeutet das konkret für die Seilschaft und die Angehörigen? Also für die Seilschaft ist es, glaube ich, wenn man auf diesem Niveau Berge besteigt, dann ist man sich dieses tödlichen Risikos bewusst. Und ich glaube, viele sagen dann auch, ich möchte dann am Berg bleiben, bevor andere ihr Leben aufs Spiel setzen und mich da um meinen Körper dann da herunterzuholen.
Also von daher ist es, glaube ich, für die Seilschaft natürlich schwierig. Also die Seilpartnerin, die wird jetzt unter Schock sein, die hat ihre Freundin verloren, sie konnte nicht helfen. Sie musste sie da eigentlich am Werk lassen. Das ist schwer, es ist super schwer und wird mit Sicherheit auch ein Traum aber hier hinterlassen. Aber am schlimmsten ist es natürlich für die Angehörigen, weil sie haben natürlich diese Vorstellung immer im Kopf derjenige oder diejenige. Und da liegt da jetzt irgendwo im Freien auf diesem Berg herum. Früher, als es noch keine ausgeprägte Bergrettung an den höchsten Bergen gab, da ist es so gehandhabt worden, dass die Seilschaften den tödlich verunglückten meistens in einen Schlafsack gebettet haben und dann in eine Gletscherspalte beigesetzt haben, wenn es möglich war.
Aber das ist ja auch nicht in jedem Fall möglich, je nachdem, ob man abstürzt oder sonst was. Und ja, ich glaube für die Angehörigen ist es sehr, sehr, sehr schwierig und deshalb gibt es halt auch immer wieder diese Versuche, die verstorbenen Bergsteigerinnen und Bergsteiger vom Berg zu holen. Wir kennen da auch jemand, Georg Kroenthaler, der vor einigen Jahren den Fritz Rot-Medien-Preis bekommen hat und der seinen Bruder vom Berg runter geholt hat. Ich glaube, es war zwei, drei Jahre nachdem er verunglückt ist, so lange hat er daran gearbeitet, dass er ihn wirklich nach Hause holen kann.
Die Kletterpartnerin von Laura Dalmaier, Marina Kraus, hat ein Interview gegeben, sie spricht da fast kühl und distanziert über das Unglück. Ist das eine Art Selbstschutz, das nicht so nah an sich herankommen zu lassen? Mir ist es auch aufgefallen, es kommt so rüber und ich kann es mir eigentlich nur so erklären, dass sie traumatisiert ist. Und dann vor so einer Kamera sich stellen zu müssen und erklären zu müssen, was ist da passiert und warum, warum konnte ich da nichts ausrichten? Ich glaube, das war so eine Art Selbstschutz, dass sie einfach, vielleicht hat man hier auch gesagt, dass man genau vorher überlegt hat, wie sie es sagt und was sie sagt.
Ich muss ehrlich sagen, als ich es gesehen habe, ich fand es fast schon, also ich habe mit ihr mitgelitten. Ich habe mich gefragt, warum habe ich nicht irgendwas Schriftliches aufgesetzt, dann hätte man sie zitieren können. Aber wenn man vor so einer Kamera dann auch noch steht und man weiß, diese Bilder gehen um die Welt, das ist ja dann nochmal untop, eine Stufe drüber. Und wie gesagt, also ich glaube nicht, dass sie distanziert und kühl war, sondern dass es reiner Selbstschutz war und dass sie komplett noch unter Schock stand. Herr Nestler, Sie haben uns gerade geschildert, dass Sie auch selbst schon in so einer ähnlichen Situation waren, vielleicht auch öfter, wo es hatte kippen können.
Spielt der Tod während Ihrer Expedition eine Rolle konkret, dass Sie diese Grenzer fahren gemacht haben? Bei mir war es nie so knapp dran. Also ich bin nie in Steinschlag gekommen. Aber ich bin zum Beispiel bei einer sehr geglückten 7000er Expedition, damals haben wir mit einem Team einen 7000er Erstbestiegen im Westen Chinas. Und auf dem Abstieg, ich bin zusammen mit einem Scharper da runter gegangen und wir haben den Weg ein bisschen abgekürzt, weil es war das oberste Lager nicht mehr weit und wir haben gedacht, okay, das können wir jetzt verantworten.
Und die Verhältnisse waren auch wirklich okay, also es war bis dahin alles komplett rund gelaufen und plötzlich bin ich halt mit einem Bein in so eine Gletscherspalte eingebrochen und habe mich aber, habe das Gleichgewicht halten können, bin also nicht nach links dann weggekippt, sondern habe dann eben den Halt gefunden und konnte mein Fuß dann auch wieder rausziehen und es war also alles kein Problem. Aber natürlich denkt man in solchen Augenblicken, okay, das war jetzt schon verdammt knapp, das hätte auch ganz anders ausgehen können. Man weiß ja nicht, wie tief die Spalte ist und so weiter und so weiter.
Und es macht schon was mit einem, dass man vielleicht dann beim nächsten Mal diese Abkürzung nicht genommen hätte, so viel ist ganz klar. Ich habe auch tatsächlich nach dieser Expedition für mich jetzt extremen Sachen dran gegeben, weil ich habe gesagt, ich habe eine Familie und ich habe allein bei dieser Expedition zwei solche Situationen gehabt, die auch anders hätten ausgehen können. Und es war jetzt nicht so, dass ich unmittelbar absturzt gefährdet war, aber mit ein bisschen Pech dann hätte es sein können. Und dann habe ich schon reflektiert und habe gedacht, okay, überleg mal, was du jetzt alles schon gesehen hast, was du erlebt hast und diese Erstbesteigung eines 7000, das war das Maximum dessen, was ich mit meinen eher bescheidenen Fähigkeiten rausholen konnte.
Und dann habe ich gesagt, okay, das war es jetzt. Also ab sofort gibt es nur Pläsiaturen, also die mir Spaß machen, die aber mit geringem Risiko verbunden sind. Und ich habe den Druck rausgenommen, mehr leisten zu müssen und das war schon eine Folge dieser Grenzerfahrung. Haben Sie schon mal jemandem am Berg verloren? Nicht so, dass ich direkt dabei war, also das auf keinen Fall. Aber der Expeditionsleiter, mit dem ich diesen 7000er damals, das war eine kommerzielle Expedition. Und wir haben das als Team geschafft, diesen 7000er erst zu gesteigen.
Und unser Expeditionsleiter ist, kann man glaube ich sagen, das war Luis Stitzinger, der ist 2023 beim Versuch, den Kamschen Zönger, also den 3. Hüstenberg der Erde in Nepal ohne Flaschensauerstoff zu gesteigen und dann anschließend mit Skiern abzufahren, Höhenkrank in der Todeszone oberhalb von 8000 Metern ums Leben gekommen. Und das war schon auch für mich sehr einschneidend, weil wenn man so am Berg unterwegs war gemeinsam und wir waren auch auf einer Wellenlänge, wir haben uns super verstanden und dann tut das schon richtig, richtig weh und man versucht dann irgendwie das Beste draus zu machen und irgendwie dann in dem Fall seiner Witwirt zur Seite zu stehen und den Druck von ihr in irgendeiner Form wegzuhalten.
Also ich habe damals dann versucht so, ich habe gesagt, lasst alle Pressearbeit über mich laufen, alle Anfragen, damit lasse ich da bloß nicht jetzt irgendwie bestürmen von allen Seiten und das ist schon eine andere Nummer. Das muss ich ganz ehrlich sagen, wenn man dann noch so ein persönliches Verhältnis zu jemand hat, dann ist das schon extrem hart. Sie haben bestimmt auch schon mit Menschen gesprochen, mit Extrembergsteigern, die in einer solchen Situation waren, wo wirklich jemand tödlich verunglückt ist. Gibt es in so einer Situation einen Weg des Abschieds nehmen oder kommt das alles erst später?
Das kommt ganz auf den Einzelnen an, wie er mit solchen Schockerlebnissen klarkommt und auch wie er sich selbst reflektiert in so einer Situation. Also ich könnte mir vorstellen, bei vielen Bergsteigern extremer sie sind ist so dieser Reflex. Man schiebt das so weg, man sagt ja, es ist dem anderen passiert und es ist echt total schlimm, dass es ihm passiert ist und ich weiß auch, dass es mir passieren könnte, aber ich bin zu sehr diesen Bergen verfallen, als dass ich daraus jetzt die Konsequenz ziehen würde, nicht mehr in die Berge zu gehen. Also das ist so ein Schutzmechanismus, was man sagt, es passiert immer nur den anderen.
Man muss es ja irgendwie vor sich rechtfertigen, dass man diese Risiken einbietet und ein Mittel ist halt, dass man sagt, ich versuche immer besonnen zu sein, ich versuche, kein Hasardör am Berg zu sein, ich versuche dann auch wirklich umzukehren, wenn ich das Gefühl habe, irgendwas ist nicht in Ordnung. Aber jedem ist trotzdem bewusst, dass das ja im extremen Fall manchmal nicht ausreicht. Damit will ich sagen, Laura Dalmeyer war so eine, die hatte ja alles, die kam aus einer Bergführerfamilie, ihr Vater ist Leiter der Bergwacht in Garmisch, sie selbst hat ehrenamtlich dort gearbeitet, sie war ausgebildete Bergführerin.
Da lernt man mit solchen Notsituationen umzugehen, da lernt man diese Gefahren einzuschätzen. Sie war alles andere als eine Hasardörin, die jetzt irgendwie leichtfertig ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat und trotzdem ist es ihr passieren. David, ich habe noch eine Frage an dich, auch so im Hinterkopf immer auch Georg Kroentaler noch zu haben, der ja sein Bruder vom Berg runter geholt hat. Laura Dalmeyer hat sich gewünscht, dass niemand sich in Lebensgefahr begibt, um sie zu bergen. Sie hat sich gewünscht, da oben zu bleiben und nun gibt es zwei Dinge, über die man reden kann.
Das eine ist, was macht das mit den Verwandten? Ist das etwas, wo du sagst, ja, wir respektieren den Wunsch oder vielleicht ist es vielleicht wichtiger, was in dem Fall die Angehörigen fühlen und sagen, nein, wir wollen eigentlich, dass sie hier in den Grab kommt, an dem wir trauern können. Wie schätzt du das ein? Ja gut, einmal nach Mascha Kalecki oder den eigenen Tut, den stirbt man nur, mit dem Tut der anderen muss man leben. Und das ist natürlich schwer zu sagen, wie der Einzelne damit umgeht. Wir erleben ja auch gerade bei uns, dass jeder, der zu uns kommt, das aus der Liebe zu demjenigen macht und natürlich versucht, die Wunsch einfach zu respektieren.
Da muss man halt schauen, wie man damit klar kommt. So ganz am Anfang unseres Gesprächs, dass wir uns hier zum Zoom getroffen haben, sagte Herr Nestler ja eigentlich auch, das muss man jetzt so ein bisschen beobachten, wie sich das vielleicht entwickelt oder nicht, ob die mit dieser Situation klar kommen. Und ich denke so wirklich klar, weiß man, dass eigentlich erst ein halbes Jahr nachdem alles geschehen ist, ob man einen Ort braucht, ob man den mitgestalten kann, wie man da in Verbindung sein kann. Und das ist natürlich alles jetzt ganz früh.
Das ist halt ähnlich wie, wenn sich eine ältere Person wünscht, anonym beigesetzt zu werden, vielleicht um den anderen nicht zur Last zu fallen, um andere vielleicht nicht in die Gefahr zu bringen. Das könnte ich mir vorstellen, gerade wenn ich an Georg Krontaler denke, der Hauptmotivation war das halt wirklich verdammt gefährlich ist da oben. Und ich erinnere mich noch daran, irgendwelche Widerstände der Herr Krontaler da arbeiten musste, wie sorgfältig er sich da vorbereitet hat, wie geplant er halt auch die Medien genutzt hat, um sich nicht benutzen zu lassen, sondern die Möglichkeit überhaupt zu bekommen, seinen Bruder darunter zu holen.
Und da muss man halt schauen. Generell halte ich es eigentlich immer für wichtig, einen Ort zu haben, wo man in irgendeiner Form in Verbindung ist, um halt vielleicht einfach das sagen zu können, was man sich vorher nicht gesagt hat, was so im Alltag nicht stattfindet. Auch wenn die Gefahr da ist oder ich sag mal in einem übertragenen Sinne, jeder von uns weiß ja auch, wenn er das Haus verlässt, dass er nicht die Sicherheit hat, nach Hause zu kommen und wie wir damit umgehen. Und dann hat sie das wahrscheinlich schon so häufig gemacht, so wie wir das Haus verlassen.
Das ist halt immer die Frage, wie man sich dann verabschiedet und wie man halt für sich auch Wege findet, das auszudrücken, was einem wichtig ist. Es mag vielleicht merkwürdig klingen, aber ich habe eine organisatorische Frage. Und zwar haben wir die pakistanischen Behörden angekündigt, sich runterholen zu wollen. Das heißt, diese nicht irgendwie in der Pflicht auch diesen Wunsch zu respektieren, sondern die Behörden können das dann einfach machen. Ja, und in Nepal ist das einfach, also zum Vergleich, da ist das kommerzielle Bergsteigen noch, ich sag mal, eine Spur ausgeprägter.
Da ist es inzwischen auch so, dass die Expeditionen verpflichtet sind, ihre verstorbenen Expeditionsmitglieder vom Berg zu holen, weil das natürlich fürs Image schlecht ist. Also für die Bergindustrie, und das nimmt in diesen Ländern ja schon industrielle Maßstäbe an, wenn dann solche Bilder um die Welt gehen, wie am Mount Everest, wo dann direkt am Wegesrand eben verstorbene Bergsteigerinnen und Bergsteiger herumliegen und das über Jahrzehnte. Das ist natürlich was, was diese Länder vermeiden wollen. Und deshalb bin ich auch relativ sicher, dass das in Pakistan sobald die Verhältnisse das zulassen, so kommen wird, dass das Laura Dalmeier da vom Berg geholt wird.
Was mir bei der ganzen Diskussion oftmals zu kurz kommt, ist, man muss sich einfach mal klarmachen, was das bedeutet. Also zum einen muss man Leute dahin schicken, und zwar nicht nur einen, der diese verstorbene Bergsteigerin da runter holt, sondern ich sag mal, man braucht wahrscheinlich vier Leute, die dort auf den Berg drauf gehen und sie dann eben da sozusagen runterziehen oder wie auch immer. Also in Pakistan ist es so, dass dort nur Militärhubschrauber fliegen dürfen wegen des Konflikts mit Indien. Das heißt, es gibt dann nicht wie in den Alpen die Bergwacht, die dann einfach mit so einem Spezialhubschrauber da hoch fliegt, dann die Rettungsleine runterlässt und dann seilt sich eine ab und klingt die Verstorbene dann ins Seil ein und dann wird sie vom Berg geflogen.
So einfach ist das in Pakistan nicht, sondern da müssen wirklich, ich sag mal, minimum vier Leute, sie diesen extrem steilen Berg erst mal herunterbringen. Sie gehen damit natürlich schon mal jede Menge Gefahren ein. Gerade jetzt, wo diese Steinschlagefahr immer mehr zunimmt aufgrund der Klimawandel bedingt in höheren Temperaturen, die auch vom Karakorum nicht halt machen. Ja, und dann kommt für so eine Bergung, die kostet, also es gibt so Versicherungen, die das abdecken und die sagen, es kostet so zwischen 30.000 und 70.000 Dollar. Und das ist auch etwa so der Rahmen, den ich aus konkreten Fällen kenne.
Es gibt aber auch durchaus Fälle, wo das noch teurer wird. Und ja, das sind so Sachen, die werden einfach in der Diskussion leicht vergessen, da ist es dann einfach ja auch runter. Aber so einfach ist das eben, also schon rein von der Infrastruktur. Darf ich Sie nach Ihrer persönlichen Meinung fragen? Fänden Sie es besser, wenn man sie dort lässt, wo sie gestorben ist oder wenn man sie nach Hause holt? Also wenn es verantwortbar ist, sie vom Berg zu holen. Also wenn die Bedingungen so sind, dass man es verantworten kann. Wenn man sie dann mit einem verantwortbaren Risiko für die Retter, wenn man sie vom Berg holen kann, wäre ich dafür zu tun.
Die liegt ja nicht auf 8.000 Metern, das sollte man vielleicht auch mal sagen, sie liegt auf 5.700 Metern. Das heißt, man muss sie ungefähr 1.000 Meter runterbringen. Von dort könnte man sie mit einem Hubschrauber, wenn man den Körper dann ausfliehen. Ich glaube, dass es letztlich machbar ist. Aber wie gesagt, nur wenn die Verhältnisse passen. In dem Augenblick, wo das ein unverantwortbares Risiko ist, würde ich sagen, nee. Aber ich halte es für denkbar, dass wir in den nächsten Monaten Verhältnisse bekommen im Karakorum, wo es möglich wird. Und dann ist es für die Familie natürlich einfacher.
Das muss man so sagen. Also selbst wenn sie jetzt eingeschert wird und man die ohne nach Deutschland zurück transportiert. Und so das macht das Trauern mit Sicherheit einfacher, als wenn man jetzt nur eine Gedenkstele irgendwo hat. Und weiß ja aber, eigentlich liegt meine Liebe in dem Fall eben darum. Ich muss die ganze Zeit, seitdem sie über die Gebräuche am Berg gesprochen haben, mit Gebräuchen meine ich, wenn dort eine Gruppe hochgeht und die Möglichkeit hat, denjenigen, der gestorben ist, in den Schlafsack zu betten und dann vielleicht in eine Spalte beizusetzen.
Und ich muss die ganze Zeit an die Schilderungen vom Herrn Krunthaler irgendwie denken. Der sagte, dass das eigentlich immer so ein Beiprodukt ist. Also sie haben das gerade sehr, sehr sanft und sehr würdevoll beschrieben. Der Krunthaler hat das eine Spur pragmatischer und heftiger besprochen. Der sagte halt, dass man dann oftmals den verstorbenen an Schubs gibt und dann fällt er ein Level tiefer, im günstigsten Fall. Auch diese Fälle gibt es. Das ist so diametral gegenüber dieser Hoffnung von Angehörigen, dass da jemand wirklich sanft gebettet, getragen und ähnliches wird.
Da ich mich da ist, ist irgendwie eine gewisse Spurkopfkinnung für mich. Wie sehen Sie das denn selber für sich? Wenn wir jetzt über Ihre eigene Beerdigung sprechen, haben Sie sich da schon mal Gedanken gemacht, was dann geschehen soll? Also ganz abseits der Umstände? Ich habe mir schon meine Gedanken gemacht, also in welcher Form ich beigesetzt werden will. Aber ich habe das jetzt nicht an die Berge gebunden, ehrlich gesagt. Als ich das erste Mal vor über 25 Jahren, ne, vom Vierteljahrhundert in Simala geflogen bin, damals noch nicht um da Berge zu besteigen, sondern einfach nur als Reporter zum Erfers-Basis-Lager zu trecken und darüber zu berichten.
Aber trotzdem, es war das erste Mal, dass ich halt auch in Höhen unterwegs war, wo man auch an der Höhenkrankheit sterben kann. Und ich hatte eine Familie, ich hatte Kinder und ich habe dann einen Testament gemacht. Also das hätte ich zu dem Zeitpunkt, hatte ich das noch nicht so unbedingt auf dem Schirm, ehrlich gesagt. Und gemeinsam mit meiner Frau haben wir dann entschieden, ja es kann ja sein, dass was ist, also war das. Aber da war jetzt nicht festgelegt, wie genau ich, ob ich vom Berg geholt werden will oder sonst was. Wenn Sie selbst Ihre Trauerrede schreiben könnten, was wäre Ihnen wichtig, dass da drin steht?
Mit Sicherheit nicht, dass ich auf hohen Bergen war. Also das ist nichts, worüber ich mich definiere. Ich wäre froh, wenn man sagt, er war ein guter Mensch, er war immer für seine Leute da. Und wo ich ein bisschen stolz drauf bin, dass ich halt mitgeholfen habe, in Nepal zwei Schulen zu bauen, das ist für mich viel wichtiger, als diesen 7000er bestiegen zu haben. Da bin ich völlig uneitel. Also ich bin ja ein Hobby-Werksteiger und klar, es gibt Leute, die gehen damit an und so. Aber ich habe es für mich getan und wahrscheinlich würde dann in dem Fall auch jemand sagen, ja, der war für unsere Verhältnisse schon extrem.
Aber ich habe mich nie so gesehen und ich sehe mich auch heute nicht so und muss da gar nicht groß heraus gestrechen werden. Also da wären mir andere Dinge wirklich wichtiger. Also wenn man hinterher sagt, er war ein guter Mensch, dann das würde mich mehr freuen. Haben Sie sich denn auch Gedanken gemacht, was für eine Musik auf Ihrer Beerdigung gespielt werden soll, bzw. konkret, wir fragen eigentlich immer nach einem Song, den wir auch hier beim Podcast hinterlegen. Also ehrlich gesagt, nur nicht so ganz. Also mit Sicherheit wäre es jetzt nicht so, dieses klassische "Niemals geht man so ganz", was hier in der Region im Rheinland sehr häufig gespielt wird, sondern ja, es könnte irgendwas irischer Fokus sein.
Also da müsste ich noch mal in mich gehen, das kann ich jetzt so spontan, ich habe sowas im Ohr, aber ich weiß jetzt auch nicht genau, wie der Song heißt. Entweder Sie reichen das nach und wir schreiben es dann drunter oder wir schreiben drunter "auf keinen Fall niemals geht man so ganz", weil das hatten wir bisher auch noch nicht, dass jemand gesagt hat, was nicht gespielt werden soll. Also ich glaube, wenn meine Angehörigen wüssten, schon in welche Richtung es ungefähr geht, aber ich werde dann mit Sicherheit nicht fünf Meter drüber als Geist schweben und sagen, wie konntet ihr nur diesen Song auswählen?
Vielen Dank, Herr Nestor, für Ihre Zeit. Ja, sehr gerne. Mehr Infos zu Stefan Nestler und seinem Blog "Abenteuer Berg" verlinken wir in den Show Notes, das war es für heute. Schön am Leben bleiben und bis bald.