Episode 43 ∙ 18.05.2026 ∙ 23 Min
Wie lebt man mit der Trauer um ein ganzes Land, Frau Esmaili?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Golrokh Esmaili
Wie lebt man mit der Trauer um ein ganzes Land? Golrokh Esmaili arbeitet als Trauerbegleiterin im Trostteam Köln und hat iranische Wurzeln – sie kennt damit sowohl die Trauer im eigenen Umfeld als auch die Trauer um Menschen, die im Iran vom Regime getötet wurden.
Sie erzählt, wie unterschiedlich Trauer in der iranischen und der deutschen Kultur gelebt wird – lauter, ritueller und lebendiger im Iran, wo viel mehr und viel lauter geweint wird –, und wie sie versucht, sich in der Begleitung selbst ganz auszublenden, um genau zu erspüren, was der jeweilige Mensch gerade braucht.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Was sind die größten Unterschiede zwischen der iranischen und der deutschen Trauerkultur?" – „Es ist, finde ich, bei den Iranerinnen und Iranern ritueller, es ist lauter, es ist lebendiger. Es wird auch viel mehr und viel lauter geweint."

Über Golrokh Esmaili
Golrokh Esmaili ist zu Gast. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin im Trostteam Köln und hat iranische Wurzeln. Sie erzählt, wie unterschiedlich Trauer in der iranischen und der deutschen Kultur gelebt wird – lauter, ritueller und gemeinschaftlicher im Iran, wo Trauernde in den ersten Tagen nie allein gelassen werden –, und wie sie versucht, sich in der Begleitung selbst ganz auszublenden, um genau zu erspüren, was der jeweilige Mensch gerade braucht.
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Hallo zu Talk about Tod, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Roth, schön, dass du wieder dabei bist. Ich bin Klaus Reichert, in diesem Podcast sprechen wir über das Leben und den Tod, über das was bleibt, was trägt und manchmal sogar tröstet. Unser Gast heute bewegt sich zwischen zwei Welten. Sie begleitet trauerende Menschen in Köln und Umgebung und sie trägt die Trauer eines Landes in sich, das seit Jahren von gewalt und Unterdrückung geprägt ist und in dem im Moment Krieg herrscht. Gäurock Esmaelis Trauerbegleiterin im Trostteam Köln und hat ihrer nicht gewurzelt.
Sie kennt die Trauer hier und die Trauer um Menschen, die im E-Ramph vom Regime getötet wurden. Herzlich willkommen Gäurock Esmaelis. Hallo, vielen Dank für die Einladung. Sehr gerne Frau Esmaelis, wann waren Sie das letzte Mal auf einer Beerdigung? Oh, wann war ich das letzte Mal auf einer Beerdigung? Das weiß ich gar nicht. Ach doch, als ich einen Tag bei Pützrot hospitiert habe, da war ich auf einer Beerdigung, das ist glaube ich drei oder vier Monate her. Und wie haben Sie diese Beerdigung in Erinnerung, wenn man jetzt mal sich versucht zu erinnern, wie viele Leute waren dort, wie lief diese Beerdigung, diese Trauerfeier ab?
Es war ein ganz kleiner Kreis, es war natürlich wunderschön gestaltet und zwar sehr kurz tatsächlich und das passt aber auch zu der Familie oder zu den Hinterbliebenen, die wollten, so wie Sie es selber gesagt haben, keinen großen Schnick-Schnack. Die wollten das sehr ruhig, also die wollten es eigentlich so ganz einfach und auch schnell. Die wollten sich nicht lange dort aufhalten und sind dann was trinken gegangen. So war das. Es gibt ja kein richtig und kein falsch, also auch eine kurze Trauerfeier kann eine tolle Trauerfeier sein. Wenn man jetzt als neutraler Beobachter bei einer Trauerfeier sitzt, ist man trotzdem so ein bisschen angefasst, ist man berührt?
Ich bin, wenn ich als Trauerbegleiterin auf einer Trauerfeier bin oder überhaupt in Familien bin, bin ich erstmal nicht berührt. Also das kann ich gut wegpacken, das berührt dann kommt oft danach, dann, genau. Viele stellen sich ja unter Trauerbegleitung entweder was sehr therapeutisches oder was esoterisches vor. Wie würden Sie selbst beschreiben, was Sie tun, wenn Sie jemanden begleiten? Ich höre zu, also vor allem höre ich zu und versuche in der Begleitung, also wirklich zuzuhören, mich selber da komplett auszublenden und zu gucken, was braucht dieser Mensch von mir?
Wie kann ich ihn ein Stück tragen und vielleicht auch so ein bisschen erheben oder selbst ermächtigen? Also so in der Form, also meine Konzentration liegt wirklich ganz bei ihm und zu gucken, wie kann ich diesen Blick so wenden, dass es tröstlich ist? Golly, du hast ja iranische Wurzeln und du kennst zwei Trauerkulturen, die iranische und die deutsche. Was sind die größten Unterschiede? Die größten Unterschiede sind, also es ist, finde ich, bei den Iraner*innen ritueller, es ist lauter, es ist lebendiger, also es wird auch viel mehr und viel lauter geweint.
Jetzt kann ich aber nicht sagen, ist es bei allen Iranerinnen so oder es ist bei allen Deutschen so. Es gibt auch Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten, also es gibt auch Iranerinnen, die leise Abschied nehmen. Aber auf den Trauerfeiern, auf denen ich war, war dieses Laute schon sehr dominant, sehr anstrengend auch für mich, die hier groß geworden ist und bei den Iraner*innen ist es auch so, also das ist vielleicht wirklich etwas grundlegend anders oder wie es anders gelebt wird ist, dass die nicht alleine sind. Also wenn jemand stirbt, dann werden die zugehörigen Angehörigen nicht alleine gelassen, es ist immer jemand da, die werden versorgt und es ist so klar, die Leute kommen mit dem Essen rein, die sind da, also diese Menschen, die trauernden werden wirklich getragen durch die ersten mindestens sieben Tage und manchmal auch wirklich noch darüber hinaus.
Und das erlebe ich in Deutschland nicht. Also da ist schon eine große Einsamkeit, will ich jetzt nicht sagen, aber da ist so diese haltende Gemeinschaft nicht so dominant oder nicht sichtbar, nicht so in der Form. Und ein ganz großer Unterschied ist auch, hier gehe ich zu einem Bestatter oder zu einer Bestatterin und der halt vieles oder die halt vieles dann auch übernimmt und macht. Im Iran hast du keine Bestatterinnen. Das heißt die Angehörigen oder die Freunde, Familie, Bekannte machen das und in der Regel sind das oft auch die selben Leute, weil die dann schon wissen, wie das so abläuft.
An wen müssen sich wenden, was müssen sie organisieren, wen müssen sie anrufen? Nun ist es ja auch so, wir nehmen den Iran immer als theologischen Staat wahr, weil da gibt es ja auch eine ganz große Bandbreite gerade in Bezug auf die Iraner*innen, die hier in Deutschland leben. Unterscheidet sich da auch die Trauer oder dann natürlich die Art, wie man mit dem Thema umgeht? Also durch dieses Muller-Regime und das Unglück der Menschen seit mehr als 45 Jahren unter diesen Dispoten leben zu müssen, ist es schon so, dass die Theologie in der Gesellschaft eigentlich keine Rolle spielt.
Also die Menschen sind wenig religiös, die haben ihre Religion, aber wenn dann leben sie die für sich, also es ist jetzt nicht so, dass die Iraner*innen jetzt mehr muslimisch sind als die Menschen hier christlich sind. Das kann man so jetzt nicht sagen, gerade in den Großstädten. Genau, diese Rituale sind eigentlich ganz klar, also die sind auch vielleicht noch mal mehr verankert als jetzt hier in Deutschland. Also bestimmte Rituale, jede Familie lebt das nochmal für sich, aber hier sehe ich schon, dass sich vieles auch so entwickelt hat in den letzten Jahren, anders entwickelt hat.
Im Iran hast du schon so diese festen Trauertagezeiten und dann weiß man, am 7. Tag passiert das und das, am 40. Tag passiert das und das oder am 3. Tag passiert das und das. Also das hast du schon. Was im Iran jetzt auch sich gerade in den letzten Jahren nochmal durch diesen unsagbaren Druck durch die Regierung und der Hinrichtung und des Töten vonseiten der Regierung entwickelt hat, ist, dass die Trauerkultur zum Beispiel eine Art Widerstandsbewegung geworden ist. Also Menschen, die hingerichtet wurden, Menschen, die getötet wurden, gerade jetzt am 7., 8., 9.
Januar in den Tagen, sind ja 30.000 Menschen getötet worden. Und da konnte man dann ganz oft Videos sehen von den Angehörigen, die an den Gräbern getanzt haben, also wirklich getanzt haben. Was gibt es in den kurdischen Traditionen? Gab es das schon früher? Aber das ist jetzt so übergeschwappt. Also das heißt, die Leute haben als eine Form des Widerstands an den Gräbern getanzt und ihren Emotionen, auch die so im Körper ja verankert sind, freien Lauf lassen können. Ich weiß nicht, ob ihr das gesehen habt. Ja, wir haben das gesehen und ich würde auch gleich nochmal zu den Protesten und zur politischen Situation zurückkommen wollen.
Ich habe relativ oft jetzt der Begriff Rituale gefallen und da war jetzt zum einen der Hinweis, dass an unterschiedlichen Tagen nach dem Versterben etwas getan wird, aber was gibt es ja noch für Rituale? Also wir haben ja hier schon mal mit einem muslimischen Bestatter gesprochen, der hat uns erzählt, dass sozusagen nicht im Sack bestattet wird in den meisten Fällen, dass es einen Leichentuch gibt, dass es eine bestimmte Form auch vom Umgang mit dem Leichnamen gibt, dass es da auch verschiedene Zuständigkeiten gibt. Wie ist das im Era her? Die rituelle Waschung, in denen halt Zuren auch gesungen gebetet werden, Männer und Frauen sind ja auch getrennt, Männer werden von Männern gewaschen, Frauen von Frauen, die anderen warten dann draußen, alle auch wieder in der Gemeinschaft.
Also man würde jetzt auch, wenn es ein männlich verstorbener ist, gehen die Frauen trotzdem hin und auch in der Gemeinschaft. Dann gibt es halt so der Blick in den Osten gerichtet, also wenn der Mensch beerdigt wird, das kennt ihr wahrscheinlich ja auch, David, ihr habt ja auch muslimische Bestattung. Das Leichentuch, das ist ja dieses weiße Baumwolltuch oder Leintuch, ist es, in das der Mensch eingewickelt wird. Das finde ich auch ganz schön, weil man ja Kinder, auch wenn sie geboren werden, in weiße Tücher packt und wenn dann der Mensch stirbt, sie dann halt auch wieder in diese weißen Tücher gepackt werden.
Genau und halt keine Särge, das haben wir im Iran jetzt nicht. Sie haben das eben schon geschildert, dass aus der Trauerkultur auch eine Form von Protestkultur mittlerweile entstanden ist, bei den vielen Tausend Toten, die es in den letzten Monaten gegeben hat. Das Regime geht auch mit diesen Toten auf eine gewisse Art und Weise. Und zwar werden die ja in große Hallen gelegt in irgendwelchen Säcken und die Leute laufen durch und versuchen ihre Angehörigen zu finden. Ist das von Seiten des Regimes nochmal ein Zeichen der Missachtung der Würde dieser Menschen, dass da so mit den Toten umgegangen wird?
Also das, was Sie jetzt ansprechen, das war halt um diesen 7., 8., 9. Januar, das war einfach dem geschuldet, dass es so wahnsinnig viele Tote waren. Die wissen überhaupt nicht wohin damit. Also die Friedhöfe waren voll, die Leichenhallen waren voll, die kamen überhaupt nicht nach. Und die Eltern, Angehörigen, Zugehörigen haben verzweifelt ihre Liebsten gesucht. Das sind diese Bilder, aber was die iranische Regierung schon auch macht ist, wenn Sie jemanden hinrichten, dann geben Sie den Leichnamen den Angehörigen nicht zurück. Das heißt, es gibt viele Angehörige, die seit den 80er Jahren ihre Kinders, also Mütter, die ihre Kinder suchen, mit denen ich auch gesprochen habe, die seit 30 Jahren wirklich ihre Kinder, ihre Söhne suchen.
Und das ist natürlich eine Form der Folter den Angehörigen gegenüber. Also wirklich so den, den, diesen, dieses begreifendes Todes auch nicht zu ermöglichen. Also die sind ein Leben lang auf der Suche nach ihren Toten Kindern. Was macht das mit einer Gesellschaft, also was macht es mit den Menschen, die so eine Tochter und Freund verloren haben oder die Eltern auf diese Art und Weise? Das durchzieht doch die ganze Gesellschaft. Ja, ja, ja. Das, das durchzieht die gesamte Gesellschaft, aber auch da ist es eine Frage von Resilienz, wie können die Menschen damit umgehen?
Ich kenne Mütter und Väter, die in den, in den Widerstand gehen, die sich an den Gräbern treffen. Also dadurch, dass die Menschen ja auch nicht auf der Straße protestieren können, demonstrieren können, haben sie sich jetzt diese Gräber gesucht. Also die, die gehen an die Gräber ihrer Liebsten und da ist es halt eine Form des Widerstands. Und das heißt zu den Geburtstagen der Kinder. Also ich sage jetzt einfach Kinder, aber es sind natürlich auch Mütter, Väter, die getötet werden. Die gehen zu den Geburtstagen hin. Wenn das Neujahrsfest stattfindet, dann schmücken die sogar die Gräber mit unseren Sachen, die wir immer zum Neujahr, unser Neujahrstisch nennt sich Haftzin, sieben S, dann stehen sieben Dinge mit S auf diesen Tisch.
Und diese Dinge nehmen die mit und stellen es aufs Grab, also auf die Gräber. Das heißt sie versuchen ihre Toten mit ins Leben einzubeziehen und das ist, treffen sich Mütter und Väter und Menschen und das ist halt ein Protest. Also nicht nur, dass sie dort trauern, sondern in diesem Kollektiv und geben sie sich halt auch Halt und unterstützen sich in ihrer Trauer. Und nun ist es ja so, dass viele den Iran schon in den Jahren davor verlassen haben, die immer noch Verwandte im Iran haben, die mitkriegen, was denen da so widerfährt. Wie gehen die aus der Ferne damit um oder was macht das mit euch, wenn ihr seht, was da im Iran geschieht?
Es kommt halt immer darauf an, welche Situation. Also in diesen Tagen, als wir überhaupt keinen Kontakt hatten, um jetzt mal beim 7., 8., 9. zu bleiben im Januar, wir wussten ja überhaupt nicht, was passiert und als diese Nachrichten, die ersten Bilder so durchgesickert sind und uns das Ausmaß überhaupt bewusst geworden ist, was da passiert ist in diesen paar Tagen. Also ich würde sagen, die Menschen, die ich kenne, also Exilirana innen, den ging es noch nie so schlecht wie jetzt im Moment. Also das ist so, man kann das überhaupt nicht in Worte beschreiben.
Wir sind auch abgeschnitten von unseren Menschen. Also wir haben seit 50 Tagen kaum Kontakt zu unseren Angehörigen in den Iran. Ich habe das Gefühl, wir können auch nicht wirklich was tun. Wir sind alle wie gelähmt. Also die viele, die auch immer aktiv waren, die irgendwie aktivistisch waren, die laut waren. Selbst die sind gerade in so einem, die sind alle verhaart. Wir wissen überhaupt nicht, wohin mit uns. Wir sind... Da, da ist viel Ohnmacht im Spiel. Ich bin hier in Sicherheit anders sterben dort. Darf ich überhaupt lachen, Pläne machen, leben wie sprechend Menschen mit ihnen über diese Art der Spannung.
Die ja da sein muss. Ja, das beschäftigt viele. Also zumal an dem Tag, als der Krieg vor 50 Tagen ungefähr, als der Krieg losging, war ich auf einem Geburtstag eingeladen, wo ganz viele Iraner innen waren, Iranischstämmige Menschen waren. Und meine Freundin wollte den Geburtstag absagen und ich habe ihr gesagt, auf gar keinen Fall sagst du jetzt diesen Geburtstag ab. Wir treffen uns. Sie hat den DJ und Essen und alles bestellt. Mir hat gesagt, wir treffen uns. Aber ich habe dann eine Kerze genommen und so Wachsplatten. Da kam dann die Trauerbegleiterin in mir durch und habe die dann quasi so ganz präsent hingestellt und jeder, jede konnte dann diese Kerze bewachsen.
Und wir hatten am Ende halt eine große kollektive Kerze gestaltet, auf dem dann Free Iran stand und die iranische Fahne und jeder hatte so was drauf geklebt und so. Und das hat uns einfach total gut getan. Dieser Zusammenhalt, dass wir da zusammen waren, wir konnten das auch besser tragen. Da ist es wieder, die Gemeinschaft. Die Gemeinschaft hält. Und das hat dann schon auch geholfen. Und dadurch, dass jetzt aber alle so im Stillstand sind und so schweigen und ohnmächtig sind, fehlt so ein bisschen diese Gemeinschaft. Das merkt man richtig. Das merkt man den Menschen an.
Also es geht den Exil Iranerinnen gerade wirklich nicht gut, egal wo ich hingucke. Und du begleitest ja nicht nur Menschen aus dem Iran oder die sich als Iranerin identifizieren, sondern Menschen aus ganz vielen unterschiedlichen Kulturen. Gibt es etwas, wo du sagen würdest, egal welche Kultur, das sind Trauererfahrungen, die an jeder macht? Wag ich immer. Das ist meine Haltung. Also Trauer ist Trauer über Grenzen, Kulturen, über alles hinweg. Und ein Mensch, der trauert, da ist es mir egal, wo er herkommt und was er mitbringt. Ich höre dem erstmal zu.
Und das ist so das Wichtigste. Und dann gucke ich, wie kann ich ihn ein Stück tragen. Das finde ich ja das Tolle. In meiner ganzen interkulturellen Arbeit und kultursensiven Gleitung sage ich immer, hey, wir sind uns in diesem Schmerz, in dieser Trauer, sind wir uns total ähnlich und nah. Und das ist etwas, was uns verbindet. Da draußen im Außen versuchen alle irgendwie zu trennen. Aber wir können verbinden. Das ist total meine Ansicht eigentlich überall auf der Welt, dass Menschen in ihren Bedürfnissen da so ähnlich sind und so viele Gemeinsamkeiten haben.
Und dass das eigentlich gerade eine große Ressource ist, wenn man da beieinander sein darf in so einer Zürt. Sie bewegen sich ja nicht nur in analogen Räumen, sondern auch im digitalen. Viele Menschen trauern inzwischen auch online über Nachrichten, Social Media, Gedenksseiten. Wie erleben Sie das in Ihrer Arbeit? Ich finde ja alles gut, was hilft, was hilfreich ist. Und das ist ja auch eine Möglichkeit, über Grenzen hinweg gemeinsam im Kollektiv zu trauern. Also als meine Großmutter verstorben ist, habe ich einen Posting auch gemacht über meine Social Media Kanäle.
Allerdings bin ich ja nicht öffentlich. Also ich bin ja ja schon geschlossen und im Freundeskreis, im Familienkreis und habe dann einen Posting gemacht und aus aller Welt wirklich meine Cousins in Amerika haben es kommentiert. Meine Cousinen im Iran, meine Großcousine aus Kanada und so. Und alle haben mir geschrieben und alle haben was Nettes über meine Oma geschrieben. Und das ist einfach total schön. Also es kann verbinden. Und ich meine, ich habe keine Trauerfeier, ich hatte keine Trauerfeier, ich konnte nicht da sein bei der Beerdigung und das war eine Möglichkeit von mehreren, die ich genutzt habe, um diesen Raum mir zu verschaffen.
Und wir haben dann aber auch trotzdem eine Trauerfeier hier in Deutschland auch gemacht und sind essen gegangen in dem Lieblingsrestaurant meiner Oma und hatten dann so ein Bild von ihr aufgestellt in diesem Restaurant auch. Und alle kamen rein und haben es gesehen und die anderen Iraner kennen es ja auch, das machen die ja auch. Also von da, ja genau. Wie erlebst du das eigentlich? Ist es mittlerweile fast normal, dass die Leute auch im digitalen Raum, wenn jemand verstirbt, eine Anzeige veröffentlichen oder sich da austauschen oder ist es immer noch eher die Seltenheit, was natürlich auch mit dem Alter der meisten Verstärbenden zu tun?
Also ich glaube, es ist nach wie vor eigentlich noch die Seltenheit, obwohl wir in einer mobilen Gesellschaft sind, genau wie Golly das beschrieben hat, haben das ja letztlich viele, das ist eine Verwandtschaft, haben die nicht direkt nah beieinander ist. Ich denke schon, dass man so auf diesen privaten Kanälen, WhatsApp vielleicht oder so im Direkten das sehr häufig erlebt. Ich gebe es aber auch, so wie ich es mitbekomme, also das entwickelt sich gerade, wie man damit umgeht und wie man Menschen erreicht und das Problem ist ja, es gibt ja kaum noch Medien, die allgemeingültig sind, die Anzeige oder so, gerade in der Großstadt ist Seltenheit geworden.
Aber gleichzeitig auch natürlich, dass jemand sich wirklich da zu seiner Verletzlichkeit oder Zusammenverlust bekennt. Es kommt ja auch immer darauf an, in welchem Rahmen. Also auf Instagram hätte ich es zum Beispiel nicht gemacht, weil das mein aktivistischer Account ist. Ich habe dann Facebook genutzt, also ich glaube, da gibt es auch große Unterschiede, wie sehr öffentlich mich und wie sehr möchte ich das. Wenn du so auf die letzten Jahre schaust, was hat sich in deiner Arbeit besonders verändert? Vielleicht auch gerade durch Social Media. Also was ich merke, ist, dass eine große Neugierde auch da ist.
Also das finde ich eigentlich ganz schön, dass die Menschen so interessiert daran sind, wie man kultursensibel arbeitet oder queersensibel arbeitet. Also diese Themen sind gerade so da und die Leute sind so offen. Ich finde ja eh Menschen, die in unserem Bereich arbeiten, ob jetzt Bestatterin oder Trauerbegleiterin oder Paliativversorgung, Hospizversorgung. Ich finde ja eh meistens davon wirklich toll. Also ich glaube, weil die so am existenziellen arbeiten und also ich kann es gar nicht anders sagen, weil ich bin ja in so vielen Bereichen auch unterwegs.
Und da merke ich, das ist anders. Übrigens sind das auch die Menschen, die mich regelmäßig fragen, wie geht es deiner Familie im Iran? Es ist total spannend, weil ich in so unterschiedlichen Bereichen bin und manche Bereiche, da kommt gar nichts. Aber in diesen Trauerbegleitungen, also in dem Bereich sag ich jetzt mal, kommt immer wieder regelmäßig nachfragen oder einfach meine Kollegin, die reinkommen und mich einfach in den Arm nehmen am Tag der Krieg, die mich einfach in den Arm genommen haben. Die haben gar nicht gefragt so, dieses Verständnis von anderen Lebensrealitäten, das ist anders da beziehungsweise die Nachfrage kommt gerade viel mehr.
Das ist das, was ich jetzt wahrnehme. Dann kommen wir langsam zum Ende und zu den Fragen, die werden ich immer gerade auch gegen Ende stellen und hier ist das Ganze dann ja vielleicht wieder so ein bisschen auf unsere eigene Wahrnehmung zurückberechen. Wenn du dir das wünschen dürftest, wie würdest du sterben wollen? Ich will eine Party. Also wie ich sterben will oder wie ich dann bestattet werden will. Wie du sterben möchtest? Also es geht natürlich auch auf einer Party, also dass man nicht alleine ist oder? Nee, das jetzt nicht. Das möchte ich meinen Leuten nicht antun.
Ihr müsst feiern, während ich sterbe. Ich glaube, das will keiner. Da kriege ich niemanden hin. Aber wie ich sterben will, also ich möchte glaube ich schnell und schmerzlos sterben. Aber ich möchte für meine Kinder und meine Angehörigen schon, dass wir so gut sind, dass nicht das Gefühl da ist, ich hätte meiner Mutter oder meiner Mama noch was sagen müssen. Also das ist schon, und ich glaube, wenn man so mit dem Tod auch beschäftigt und mit dem Sterben beschäftigt, ist das eine große Chance für uns Trauerbegleiter in den Bestattern auch so aufgeräumt aus dem Leben zu gehen, auch wenn es kurz und schmerzlos ist, dass die anderen dann vielleicht auch einigermaßen okay damit umgehen können.
Wie sehr denn eine Abschiedsfeier aus, die sich für sie dann richtig anfühlt? Eine laute, freutvolle, wie haben wir gerade schon gesagt, eine Party? Genau, eine Party mit ganz vielen bunten Blumen, das wünsche ich mir. Genau, und ich will, dass getrunken wird und gelacht und meinetwegen auch geweint. Das soll jeder so machen, wie er meint. Aber DJ, wir brauchen einen guten DJ. Ganz wichtig, das H&O einer jeden Party. Und dann so laut, dass die Nachbarn hier rüber kommen und sagen, boah, was ist denn hier los? Und dann feiern die alle mit, wenn sie erfahren, dass das meine Abschiedsparty ist.
Und was würdest du gerne in deine Trauerrede selber reinschreiben? Das Leben ist kurz, macht was draus. Und seid nett zueinander und hört euch zu. Und welches Lied soll auf der Beerdigung gespielt werden? Was soll der DJ auflegen? Boah, das ist eine gute Frage. Also da hab ich mir echt noch nie Gedanken drüber gemacht tatsächlich. Puh, welches Lied. Welches Lied. Das ist jetzt so schlimm, weil man dann so auf eins fest genagelt wird. Ich will es nicht. Es sind ganz viele Lieder. Und jeder, ach genau, die sollen eine Playlist erstellen. Die sollen eine Playlist vorher schon im Rahmen dieses Trauerprozesses bis zur Beerdigung selber erstellen und dann laufen die Songs da.
Liebe Golli, vielen Dank für dieses Gespräch und dafür, dass du Menschen in so unterschiedlichen Formen des Todes und der Trauer begleitest. Gollrock Esmaeli, schön, dass du da bist. Vielen, vielen Dank für das Gespräch. Das war Talk about Tod. Schön am Leben bleiben und bis bald.