Episode 39 ∙ 09.03.2026 ∙ 12 Min
Was macht ein Clown auf dem Friedhof, Frau Lehmann-Buss?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Kathrin Lehmann-Busse
Was macht ein Clown auf dem Friedhof? Kathrin Lehmann-Busse leitet das Kompetenzzentrum für Trauer und Trauma in Erfurt und geht dort, verkleidet als Clown, über den Erfurter Hauptfriedhof, um Trauernden auf leise, feinfühlige Weise zu begegnen.
Sie erzählt, wie die Idee entstand, weil sie in ihrer Arbeit immer wieder Menschen erlebte, die aus Unsicherheit keine Hilfe suchten, und wie sie kürzlich selbst ihre eigene Großmutter beerdigt hat – bei klirrender Kälte, in einer kleinen Dorfkirche mit rund 20 Trauergästen, begleitet bis zum Schluss von der ganzen Familie.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Stell dir vor, du bist auf einem Friedhof, in Gedanken bei einem Menschen, den du verloren hast, und plötzlich begegnet dir ein Clown." – „Es war ein tröstlicher Abschied, weil wir uns alle sehr gewünscht haben, sie bis zum Schluss gemeinsam zu begleiten."

Über Kathrin Lehmann-Busse
Kathrin Lehmann-Busse ist zu Gast. Sie leitet das Kompetenzzentrum für Trauer und Trauma in Erfurt und geht dort als ausgebildete Trauerbegleiterin verkleidet als Clown über den Hauptfriedhof, um Trauernden auf leise, feinfühlige Weise zu begegnen. Sie erzählt, wie die Idee entstand, weil sie viele Menschen erlebte, die sich nicht trauten, aktiv Hilfe zu suchen, und wie aus der anfänglichen Irritation über einen Clown auf dem Friedhof oft etwas sehr Tröstliches wird.
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Hallo zu Talk About Tod, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Roth, schön, dass du wieder dabei bist. Und ich bin Klaus Reichert, in diesem Podcast sprechen wir über das Leben und den Tod, über das was bleibt, was trägt und manchmal sogar tröstet. Klaus, unser Gast heute bringt eine Figur aus dem Zirkus an einen Ort, wo man sie erst mal überhaupt nicht erwartet. Stell dir vor, du bist auf einem Friedhof, in Gedanken bei einem Menschen, den du verloren hast und plötzlich begegnet dir ein Clown. Kathrin Lehmann Busse ist als Clown-Finove auf dem Erfurter Hauptfriedhof unterwegs.
Und sie ist das mit einer solchen Ruhe und Feinfühligkeit, dass aus dieser ersten Irritation ganz schnell etwas sehr Tröstliches wird. Frau Lehmann Busse ist nicht nur Clown, sondern auch ausgebildete Trauerbegleiterin. Herzlich willkommen, Kathrin Lehmann Busse. Hallo. Hallo, vielen Dank. Und wo waren Sie das letzte Mal auf einer Beerdigung? Ja, vor einigen Tagen tatsächlich. Meine Großmutter wurde beigesetzt. Sie ist verstorben. Es war eine Beerdigung auf dem Land mit einem sehr, sehr kleinen Dorf. Und es war eine Dorfkürche, die war sehr, sehr kalt und schneit.
Und es waren ungefähr 20 Personen anwesend und es war ein sehr kleiner Rahmen. Wie haben Sie diese Beisetzung in Erinnerung behalten? War das etwas über das Sie eben nachhinein sagen, das war ein tröstlicher Abschied, ein schöner Abschied vielleicht auch? Es war ein tröstlicher Abschied, weil wir uns alle sehr gewünscht haben, dass Sie in allen Familienmitgliedern, die Ihr sehr, sehr wichtig und sehr ans Herzen gegangen ist, dass wir sie gemeinsam bis zum Schluss begleiten. Und das konnten wir schon im Vorgang im Hospiz entteilen machen und haben wir dann gemeinsam auch nochmal die letzte Ehre erwiesen.
Die Idee als Clown auf einen Friedhof zu gehen ist ja auch sehr besonders. Wie ist die Idee entstanden? War da ein bestimmter Moment, in dem Sie dachten, genau das ist es, was fehlt? Ja, die Idee ist wie folgt entstanden. Ich leite das Kompetenzzentrum für Trauer und Trauma hier in Erfurt. Und zunehmend konnte ich beobachten bei unseren Gruppenangeboten oder auch in der Einzelbegleitung, dass es viele gibt, viele Menschen, die Schwierigkeiten haben, Hilfe aufzusuchen, die vielleicht auch unsicher sind. Ob ihnen Hilfe zusteht, wie man richtig trauert, ist immer so eine Frage, die mir dann gestellt wird, da muss ich schmunzeln.
Und ich habe überlegt, wie kann ich diese Hemmschwelle abbauen und dann ist mir aufgefallen, der Profi zum Werk geht. Ich kann ja die Trauerenden aufsuchen und die Trauerenden sind meist auf dem Friedhof oder auf einem Friedfalt anzutreffen, in der Regel. Und habe mir überlegt, ich würde gerne die Trauerenden begleiten, wenn sie es möchten, auf dem Friedhof. Wie mache ich das? Wie stelle ich das an? Ich kann da ja jetzt nicht als volleemandos auftauchen und mir sozusagen trauern befangen. Da ist die Hemmschwelle sehr, sehr groß. Es muss etwas anderes sein, es muss was Unerwartetes sein, es muss eine andere Rolle sein.
Und habe mir überlegt, was ist mein Ziel dieser ganzen Idee und mein Ziel war es, die Trauer etwas leichter zu verzaubern, etwas leichter zu machen. Und das mir die Idee kam, verzaubern oder leichter zu machen, das ist ja etwas mit Humor verbunden. Trauer und Humor waren meinem Kopf etwas kontrovers. Wie passt das zusammen? Und dann ist mir die Rolle des Clowns gekommen. Es gibt ja, wie wir alle wissen, Clowns in Hospizen, Clowns auf Kinderstationen in Altenheim. Warum nicht auch auf dem Friedhof? Der Clown ist ja im Grunde so eine Art Eisbrecher.
So kann man sich das, glaube ich, vorstellen. Können Sie uns mitnehmen in eine Begegnung mit Trauern auf dem Friedhof, ein Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? Ja, es gibt viele, viele Momente. Ich glaube, da würden wir jetzt der zeitlichen Rahm einspringen. Es gibt einen Moment, dass es ein Paar gibt, was die Schwiegerelter bzw. die Eltern am Grab besuchen und dort immer Eierlikör mit hinnehmen, weil die Eltern Eierlikör geliebt haben zur Lebzeiten. Und Sie müssen sich vorstellen, Sie haben dann so kleine Waffelbecher mit, die in der Schokolade ausgehöhlt sind und stoßen dann gemeinsam auf die Eltern an.
Und die Eltern bekommen aber auch jeweils einen gefüllte Schnapsglas, was dann dort auf der Grabplatte abgestellt wird. Und ich wurde eingeladen. Ich trinke keinen Schnaps. Ich bekomme sozusagen diesen Waffelbecher und mache ein bisschen Musik. Ich habe eine Geige dabei und spiele währenddessen Musik, währenddessen auf die Eltern bzw. wie die Eltern angestoßen wird. Und das ist ein sehr berührender Moment, der mit Tränen verbunden ist. Und Sie sind sehr dankbar, dass dieser Moment mit jemandem noch verbunden werden kann. Was kann der Clown für Nouveau, was Frau Lehmann Busse in dieser Situation nicht könnte?
Seine sehr hervorragende Frage. Ich glaube sehr, sehr viel. Der Clown hat die Möglichkeit, wahrhaftig und ehrlich zu sein. Sehr ehrlich. Vielleicht auch ein bisschen naiv, ohne das ins Negative zu setzen, sondern sich gar nicht so viel Gedanken zu machen. Und wir Menschen bzw. ich als Frau Lehmann Busse, ich würde häufiger die Dinge so betrachten mit "Da muss es Unterstützung geben, da muss es eine Lösung geben, da braucht es Hilfe". Und der Clown, also für Nouveau in dem Fall, sieht eigentlich nur ausschließlich den einen Moment. Ja, also es gibt einen Mann, der versucht her der Lage zu werden, indem er mit einer Hake Laub hakt, von einer Seite zur nächsten.
Und versucht es aber unter einem riesen Baum, der gerade im Herbst die ganze Zeit währenddessen er hakt, neues Laub abwirft. Frau Lehmann Busse hätte ihn jetzt Möglichkeiten erklärt, er soll es sein lassen. Da kommt noch jede Menge Laub, das ist verliebende Lebensmüll. Und Finovo hat sich aber gedacht, da muss ich helfen. Hat eine kleine Hake ausgepackt und hat es so probiert. Das ist ihm nicht gelungen. Also wurde der große Koffer den Finovo dabei, hat aufgemacht und dann hat er versucht über dem Herd das ganze Laub, dass der Baum so abschüttelt, aufzufangen, damit der Herr in Ruhe weiterfing.
Das war ein Moment des Lächelns, ein Moment der Dankbarkeit, der den Besuch, den der Herr hatte, den Besuch eines Menschen, der verstorben ist, etwas leichter hat sein lassen, weil die Erinnerung an diesen Tag war nicht, ich besuche jemand, der gestorben ist, also nicht nur, sondern ich habe ein bisschen Leichtigkeit erlebt. Die Situation kann schon sehr emotional werden. Sie haben das gerade schon geschildert, wenn sie anfangen, Geige zu spielen und die Leute weinen. Wie gehen Sie denn mit Ihren eigenen Emotionen in dieser Rolle um? Finovo weint selten, aber ab und an kommt eine Träne und das ist völlig in Ordnung, weil auch ein Klauen kann traurig sein und auch ein Klauen, sag ich immer so schön, hat sehr, sehr viele Gefühle.
Und Finovo ist sehr vorbereitet. Finovo hat ein 2,50 Meter Taschentuch dabei. Es ist sehr, sehr lang. Es kann man so ein Stückchen abziehen, so dass Finovo per Klettverschlusssystem Taschentücher verteilen kann und für sich und alle weiteren Begegnungen an dem Tag ausreichend ausgestattet ist. Und auch Finovo lebt davon, dass er mitgetrostet wird, also eine Umarmung oder jetzt haben wir gemeinsam geweint, jetzt ist aber auch wieder gut. Jetzt müssen wir das Krönchen richten und jetzt geht es weiter im Alltag. Hat mal eine ältere Dame zu mir gesagt als Klauen und da hat sie recht.
Und jetzt waren wir traurig und jetzt ist auch wieder was anderes dran. Es ist ja ein bisschen auch diese Gleichzeitigkeit, die gerade Kinder haben. Und sie schaffen einen Raum für Trauer, der in der Öffentlichkeit sonst kaum existiert. Wie gehen wir als Gesellschaft im Moment nach Ihrer Erfahrung mit der Trauer um? Ich glaube, wir sind schon ein großes Stück weiter als vor einigen Jahren, so meine Wahrnehmung, hinsichtlich der Trauerkultur, hinsichtlich auch der Veränderungen in der Bestattungskultur. Dennoch ist es nach wie vor ein Thema, was viele Menschen einsagen werden lässt, weil sie das Gefühl haben, es betrifft nur sie und niemanden anderen.
Und sie sind gesellschaftlich manchmal so isoliert, dass sie nach Außen Schwierigkeiten haben, in Kommunikation über ihre Gefühle zu gehen oder über die Trauer auf der einen Seite, weil das gegenüber Hilfluss ist und manchmal nicht weiß, wie kann man helfen, wie kann man unterstützen. Auf der anderen Seite auch, weil der Trauer sich schwer öffnen möchte, weil er nicht möchte, dass andere auch mit Trauer sind. Das ist sehr spannend zu beobachten. Es gibt sicher auch Menschen, die das Angebot ablehnen, die befremdet sind, wenn auf einmal ein Clown auf dem Friedhof auftaucht.
Wie gehen Sie mit dieser Ablehnung um? Oder ist das vielleicht noch gar nicht passiert? Ja, natürlich gibt es Ablehnung, weil Sie müssen sich vorstellen, ein Clown auf dem Friedhof ist wie ein Zelt im Wohnzimmer, sage ich immer so schön. Damit hat ja auch keiner gerechnet. Man muss ein Stück weit vielleicht nochmal zurückgehen. Ich bin immer angekündigt da. Sie müssen sich vorstellen, hinter dem großen Eingangstor gibt es einen schwarzen alten Koffer, dunkelbrau, und da steht mit Kreide drauf, heute ist der Friedhofstlauter. Und es gibt auch noch Plakate, die im Aushang auf dem Friedhof in allen Eingängen sozusagen plakatiert sind, so damit eigentlich einige wissen, heute ist der Friedhofstlauter.
Nicht das du trotz. Ist die rote Nase und das bunde Christüm etwas, was für viele auch abschreckend und irritiert wirken kann, weil sie damit natürlich nicht rechnen. Es gibt Menschen, die von Weitem den Kopf schütteln und ich habe dann als Finovu die Möglichkeit einfach abzubiegen, da er vor der Hopfe durch viele, viele Hektar an Möglichkeiten hat, mir meine Wege zu suchen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass ich meine Nase dezent absetze, wenn die Person vorbeigehe und die Nase wieder aufsetze. Ich lasse Bestattungen, Beisetzungen und auch Angehörige, die sich zu einer Beerdigung fass damit haben, grundsätzlich immer aus.
Ich bekomme vorne immer an der Forte geschildert, wo finde ich heute Beisetzungen statt. Lass ich das im Plan sozusagen in meiner Rute aus. Aber es gibt viele Menschen, die am Anfang irritiert sind, sage ich ihnen, und dann beim zweiten, dritten Mal dann doch auf mich zu kommen, weil sie neugierig sind. Wer bin ich denn? Was mache ich denn? Was ist die Idee, komme ich dann eigentlich? Und natürlich gibt es auch die, die sich ein bisschen beschweren. Bei der Frütesverwaltung und irritiert sind, die werden dann aufgeklärt, was so meine Aufgabe ist.
Und dann rutet es sich auch wieder. Gehe keinen Zwangskontext ein sozusagen. Wenn Sie sich selbst wünschen durften, wie würden Sie sterben wollen? Herr Roth, diese Frage kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Die bekomme ich sehr häufig und ich habe aufgrund der Häufigkeit dennoch keine Antwort. Ich kann es noch nicht beantworten. Wenn Sie mich gerade fragen, würde ich sagen, gerade möchte ich gar nicht. Ich finde mein Leben gerade sehr, sehr schön. Aber wir wissen ja alle, dass das mit der Hymn-Aussucht und der Zeit so eine Variable ist, die man nicht wie in einem Mathegleichung mit X und Y ausfüllen kann.
Ich wünsche mir einfach zutiefst, dass sich alle Menschen, die ich liebe, an einem anderen Ort wo auch immer er sein wird, wiedersehen werden. Wir machen eine fette Party. Das ist so meine Idee. Wie ich da hinkomme, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Aber mit der fette Party finde ich eine gute Sache. Also fette Party als Abschiedsfeier, das ist irgendwie schon gesetzt für Sie, oder? Definitiv. Und zu so einer Party gehört ja auch Musik. Was wäre das Lied, das auf jeden Fall dabei sein muss? "Rivers and Flowz", das mein Hochzeit spielt. Von wem ist dieser Song?
Von einem Japaner. Ich kann diesen Namen nicht aussprechen, weil ich Japanisch lieg mir nicht. Also wir suchen das raus. "Rivers and Flow" heißt der Song. Ja, das ist ein Klavierstück. Katrin Lehmann-Bus, vielen Dank für dieses Gespräch und für Ihre unglaublich wertvolle Arbeit. Sehr gerne, vielen Dank. Herzlichen Dank. Das war Talk about Tod. Schön am Leben bleiben und bis bald.