Episode 35 ∙ 05.01.2026 ∙ 25 Min
Warum trösten Songs, Purple Schulz?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Purple Schulz
Was gehört in den letzten Koffer, den man packt? Musiker Purple Schulz hat mit „Der letzte Koffer" einen Song über Abschied und Erinnerung geschrieben, nachdem er für die Ausstellung „Ein Koffer für die letzte Reise" selbst einen Koffer packen sollte.
Er erzählt, wie er wochenlang um den leeren Koffer herumschlich, bevor er ihn schließlich mit nur einer kleinen Spielzeugmaus und einem selbst geschriebenen Gedicht füllte, weil er als „freie Seele" reisen wollte, ohne Ballast – und wie seine erste Begegnung mit Fritz Roth ausgerechnet am Sarg seines eigenen toten Vaters stattfand, in den er noch etwas hineinlegen wollte.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Was hast du reingepackt, Purple?" – „In meinen letzten Koffer habe ich eigentlich nur eine ganz kleine Spielzeugmaus reingepackt … Ich möchte lieber das Gefühl haben, ich lasse alles da und gehe als freie Seele."

Über Purple Schulz
Purple Schulz ist zu Gast. Der Musiker hat mit „Der letzte Koffer" einen Song über Abschied und Erinnerung geschrieben, nachdem er für die Ausstellung „Ein Koffer für die letzte Reise" einen eigenen Koffer gepackt hatte – mit nur einer kleinen Spielzeugmaus und einem selbst geschriebenen Gedicht, weil er als „freie Seele" reisen wollte, ohne Ballast. Er erzählt, wie er Fritz Roth zum ersten Mal am Sarg seines toten Vaters begegnete und in dieser Stunde über das Leben, den Tod und den Karneval sprach – ein Moment, der ihn bis heute begleitet.
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[Musik] Hallo zu Talk about Tod, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Roth, schön, dass du wieder dabei bist. Und ich bin Klaus Reichert, hier sprechen wir über das Leben, über den Tod, über das was bleibt, über das was trägt und manchmal sogar tröstet. Unser heutiger Gast hat die deutsche Popmusik über Jahrzehnte geprägt. Er hat uns Songs geschenkt, die im Ohr bleiben und andere, die mitten ins Herz gehen. Und einer dieser Songs heißt "Der letzte Koffer", ein Lied über das Ende, über Erinnerungen und darüber, was wir zurücklassen.
Hallo, herzlich willkommen, Purple Schulz. Hallo Klaus, Hallo David und Hallo alle, die da gerade zuhören. Wir haben dich gebeten für unsere Ausstellung, ein Koffer für die letzte Reise, einen eigenen Koffer zu packen. Was hast du reingepackt, Purple? Ja, in meinen letzten Koffer habe ich eigentlich nur eine kleine, klitzte kleine Maus reingepackt. Eine Simba Maus, das waren damals so kleine, nach Spielzeugfigurchen. Die gibt es leider gar nicht mehr und ein Gedicht habe ich dazu gelegt. Ein Gedicht, ja, das kann ich aber jetzt leider nicht auswürdig wiedergehen.
Wir geben Sie die Show Notes rein. Ja, das ist ja schon ein paar Jahre her. Und du hast den Koffer mit Rotem Samt ausgekleidet, wenn ich mich richtig erinnere. Ja, das war ja wirklich ein Abenteuer für sich. Al Fritz kam damals mit dieser Idee zu mir und hatte mich gebeten, auch so einen Koffer zu packen. Und ich hatte wirklich verdammt viel Zeit. Irgendwann kam dieser leere Koffer hier an, der wurde hier hingebracht von dem Boden und dann stand er da im Flur. Und wirklich über Wochen, ich glaube Monate. Und dann rückte der Tag immer näher, dass ich diesen Koffer packen musste.
Musste ja irgendwann abgegeben werden. Aber wie das so ist, wenn man sich mit dem Thema Tod beschäftigt, ich habe gemerkt am eigenen Leib, wie sehr man das herauszögert. Und ja, ich bin immer um diesen Koffer herumschlavenzelt, aber irgendwann muss sich jetzt, wird es einfach Zeit. So wie es ja eigentlich auch ist im richtigen Leben. Ja, irgendwann muss man sich damit nur mal auseinandersetzen. Und dann habe ich dieses kleine Gedicht geschrieben. Und ich glaube, das war auch wirklich alles, was ich in diesen Koffer reinpacken wollte. Das kleine Gedicht und die kleine Maus, weil wenn ich mich auf diese letzte Reise begebe, dann möchte ich nicht das Gefühl haben, ich müsste noch irgendetwas mitnehmen.
Ich möchte lieber das Gefühl haben, ich lasse alles da und gehe als freie Seele. Und das war mir eigentlich ganz, ganz wichtig, dass ich mich da auf dieser letzten Reise nicht noch mit schweren Gepäck belasten wollte. Denn da haben wir im Leben genug und wir sollten sehen, dass wir dieses schwerige Pack hier zu unseren Lebzeiten loswerden und es nicht unseren Nachkömmlingen, unseren Kindern zum Beispiel hinterlassen. Und wie ist dann der Song dazu entstanden, den du gemacht hast? Der Song ist einfach das, das vermächtigste, das für Zutut in mich reingepflanzt hat damals.
Als ich ihn kennenlernte, war unsere allerersten Begegnungen in Anwesenheit meines toten Vaters, den ich noch mal sehen wollte und in dem ich noch was in seinen Saat legen wollte. Und da war ich bei euch im Hause damals und allein mit meinem Vater saß und das ganze gemeinsame Leben mit ihm, dann haben wir ihn nochmal vorbeizieckt, da klopfte es ja damals an der Tür und ich war ganz erstaunt, dass da noch jemand anklopft und da stand Fritz, Rot vor der Tür, dieser riesengroße Bär, dieser Baum, an dem er anlehnen möchte und dem er normalen möchte.
Ja und dann saß er bei meinem toten Vater und sprach dann über das Leben, den Tod und den Karneval. Und das war eine unfassbar tolle Stunde, aus der ich mit einer ganz, ganz tiefen Verbundheit mit Fritz rausgegangen bin. Und das hat ganz, ganz viel gemacht. Das Sterben meiner Eltern zu betleiten, hat ja natürlich auch ganz, ganz viel mit mir gemacht, aber ich glaube, Fritz hat da wirklich einen kleinen Samen in mich rein gesetzt, so dass dieses Thema Sterben und Tod für mich ein allgegenwärtiges geworden ist. Ebenkeins, dass man immer, ja, mit dem man nichts zu tun haben möchte oder das wenn immer raus schiebt, sondern das ist ein ganz zentrales Thema meines Lebens, aber auch meine Arbeit geworden.
Und dafür bin ich Fritz unendlich dankbar. Jetzt ist es so, dass Fritz Rot, David's Vater, auch schon seit ein paar Jahren tot ist und wir, glaube ich, die Gelegenheit nutzen sollten, nicht nur an ihn zu erinnern, sondern auch im Grunde zu erklären, was damals passiert ist, als er mit dieser Idee kam, ein Koffer für die letzte Reise und uns alle aufgefordert hat, uns Gedanken zu machen, erstens wen laden wir ein zu der Aktion, zweitens das Ganze zu organisieren. Wir haben damals ja diese 100 Koffer verschickt an 100 verschiedene Personen, die alle an der Aktion dann teilgenommen haben und Teil der Kunstaktion dann auch geworden sind, David.
Wie lange ist das jetzt her? Also ich meine, es müssten ungefähr 18 Jahre sein, die das her ist. Und das hat ja sehr schnell so einen Moment gewonnen, an Bewegung gewonnen. Und dann war, ja, das war auch gar nicht so einfach, 100 Leute zu finden, wenn ich mich recht erinnere. Also wir haben deutlich mehr Menschen gefragt und viele haben dann ja auch festgestellt, dass diese Aktion das Thema den Tod ihnen auf einmal sehr nahe bringt. Manche haben das während des Packings gemacht, andere von vornherein rundweg abgelehnt und andere haben mitgemacht, haben dabei viel entdecken können, viele unterschiedliche Positionen.
Und auf einmal hatten wir all diese Koffer da, eine große Ausstellung im Haus. Die wurden alle fotografiert, wir haben wunderschöne Bilder von Fritz mit diesen Koffern, wie die auch teilweise in einem Überführungs- also Leichenwagen sind. Und dann ging die Reise los, dass in jedem Jahr an 3, 4, 5 oder 6 Orten diese Koffer gezeigt wurden von den kleinsten Vereinsheimen auf dem Land, sag ich jetzt mal, bis Mexiko City und Moskau, Wien, mitten in Köln und viele, viele Menschen haben diese Koffer gesehen. Es sind an den meisten Orten auch eigene lokale Koffer entstanden, zu besonderen Gelegenheiten haben wir zwischendurch auch mal neue Koffer gepackt.
Und ja, die haben eine ziemliche Reise hinter sich. Also wir gehen davon aus, dass ungefähr 2,5, 3 Millionen Menschen diese Koffer gesehen haben. Wahrscheinlich noch mehr, wenn ich gerade dran erinnere, dass zum Beispiel am Anfang des Jahres in Terra X die Koffer auch nochmal gezeigt wurden. Ich habe übrigens heute die Information bekommen von der Redakteurin, Produzentin dieser Folge von Terra X, dass die erfolgreichste Folge im letzten Jahr war. Das heißt, Terra X gibt es ja jeden Sonntag und das ist die Folge gewesen über den Tod mit den meisten Zuschauern im Jahr 2025 ziemlich beeindruckend.
Und da sind die Koffer auch dabei, das stimmt damit. Die Bilder aus der Serie im letzten Hemd auch und da wurde auch, im Grunde die Staffel, die Moderation wurde zum Wuteil im Bestattungshaus Pütz-Rot aufgezeichnet. Purple, kannst du dich noch erinnern? David sagte gerade 18 Jahre ist das jetzt her, als der Koffer dann tatsächlich bei dir ankam. Du hast schon ein bisschen erzählt, dass das eine ganze Weile gedauert hat. Du bist dir klar war, was du da eigentlich reinpacken willst, wie das damals war und warum du tatsächlich auf den Gedanken gekommen bist, dass bestimmte Dinge hier bleiben sollen.
Das finde ich ja auch ein interessanten Gedanken, weil wir auch immer mal wieder die Leute in letzter Zeit fragen, was sie bewusst nicht in den Koffer gelegt haben. Also als der Koffer hier ankam, fand ich zunächst mal, dass es ein unglaublich schöner Koffer war. Ein ganz, ganz alter Koffer. Man dachte wirklich, der käme aus 50, 100 Jahre zu meiner Geburt wäre dieser Koffer angefertigt worden. So sah er aus. Und ich fand das ganz, ganz toll, dass alle Koffer in der Ausstellung gleich aussahen. Und dass es tatsächlich nur um den Inhalt geht und das, was man hineinpackt.
Ja, wie gesagt, es hat Wochen, Monate gedauert, bis ich ihn dann gepackt habe. Ich glaube, das war irgendwie so eine Woche vor dem letzten Abgabetermin. Da habe ich dann wirklich angefangen, auch dieses "Deine Gedicht" zu schreiben. Und da einfach klar, ich nehme nichts mit, weil ich muss alles, wenn ich gegangen bin, dann möchte ich gerne alles geklärt haben. Ich möchte keine Fragen hinterlassen. Ich möchte praktisch einen Schreibtisch aufgeräumt hinterlassen, was mir in meinem ganzen Leben noch nicht gelogen ist. Dann möchte ich gerne wirklich den ganzen Kram, der hier auf irgendwelchen Staplen liegt.
Das muss alles sortiert sein und weg sein. Wie gehst du denn heute damit um, Pöppel? Sprichst du mit deinen Kindern, mit deiner Frau darüber, dass irgendwann der Vorhang fällt? Das ist ja auch ein schönes Bild für einen Künstler. Und Künstler drückt ja auch viele Dinge, die in dem Vorgehen natürlich auch in seiner Musik aus. Und die bleibt ja. Den Vorteil hast du nun mal als Künstler, dass letztendlich auch, wenn du gehst, eine ganze Menge von dir zurückbleiben wird. Aber sprichst du mit deinen Kindern über dein Ende? Das ist ein zentrales Thema unseres Lebens.
Guck mal, im Jahr 2026 werde ich 70 Jahre alt. Und das ist natürlich auch ein Datum, da denkt man sich, da hat man nicht mehr viel Zeit. Und da muss man sich einfach mit Auseinandersetzen. Wir haben zum Beispiel jetzt, in ein paar Wochen werden wir hier unten bei uns im Haus noch ein Bad einrichten im Erdgeschoss. Denn es kann irgendwann wirklich mal sein, dass man die Treppe vielleicht nicht mehr hoch kommt. Und ich merke das ja selber. Ich bin ja immer noch berufstätig und zwar volles Rohr, ich gehe immer noch auf Tour. Zwei Mal im Jahr gibt es richtige Tournähen.
Und ich merke jedes Jahr, dass meine Cases, meine Keyboards, die werden immer schwerer. Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Und wie zu? Vielleicht nehmen die all die Noten auf und sammeln die da in sich an, die ich da drauf spiele. Das ist wirklich ein ganz zentrales Thema. Da muss man auch immer wieder reden, auch mit den eigenen Kindern. Und wir sind, was das Thema angeht, da sehr, sehr offen. Du beschäftigst dich auch in deinen Liedern mit Abschied, Verletzlichkeit und Übergängen. Du hast es auch eben schon angedeutet, dass nach dem Treffen mit Fritz Roth, das noch mal forciert worden ist.
Oder du dann wirklich intensiv angefangen hast, nachzudenken und auch Musik darüber zu schreiben. Aber grundsätzlich mal gefragt, warum spielt der Tod in der Popmusik eigentlich eine so große Rolle? Er hat es damals, hat er das nicht getan. Zur Zeit, als das Lied rauskam, 2012, das Jahr, da war das auch ein ziemliches Tabuthema. Und ich weiß ja noch, ich sehe noch die großen erstaunten Augen aller Leute vor mir, wenn ich darüber gesprochen habe über diese Ausstellung, die ja auch mich in ihrem Kad am Ende da unglaublich beeindruckt hatten. Vor allem diesen Koffernstand bei der eröffnende Ausstellung im Haus Fritz Roth.
Es wurde damals noch nicht so viel darüber gesprochen. Und jetzt ist natürlich das Thema wesentlich mehr auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen, weil wir haben in den letzten fünf Jahren eine ganze Menge erlebt in diesem Land. Und mit dem Thema Tod setzt man sich jetzt auch spätestens bei diesem allgemeinen Säbeln raskeln und Klicks geschrei. Doch schon glaube ich ein bisschen intensiver auseinander. Ich hoffe auch vor allem die junge Generation, die jetzt schon wieder in Krieg geschickt werden soll. Viele Abschiedslieder klingen ja warm und tröstlich.
Warum gelingt Musik das, was Worte manchmal nicht schaffen, das auszudrücken? Bei Musik uns ganz, ganz tief im Inneren anspricht, da wo Worte gar nicht mehr ankommen. Ich glaube, du brauchst ja bei einem Stück Musik nicht unbedingt Wörter, Bürik, Texte, um jemandem in seinem Inneren anspricht. Es gibt ja durchaus Instrumentalmusik aus der Klassik, in der das die einen zu tränen rühren kann. Ich glaube, sie ist da einfach eine ganz unmittelnde Meldung, die jeder Mensch auf der Welt irgendwie verstehen kann. Du hast das Lied "Fragezeichen" veröffentlicht, ein Stück das Demenz und Vergessen thematisiert.
Welche Reaktion hast du darauf bekommen, was macht Musik mit Themen, die eigentlich schwer auszuhalten sind? Ja, das Fragezeichen der Song, der kam ja auch damals zu einer Zeit raus, woüber das Thema Demenz noch gar nicht groß gesprochen wurde. Irgendwie, in einer Verzögerung von einem Jahr danach war es auf einmal in jeder Talkshow, also mindestens fünfmal die Woche wurde dann über Demenz und Alzheimer gesprochen. Ich fand es damals unglaublich spannend, das Video zu dem Song im Haus bezohlt, übrigens auch teilweise unten zu drehen, weil doch in der Installation des Pfadstersehnsuch, da sind ein paar Bilder einfach, die eine unfassbare Wucht entwickeln, wenn man da drinsteht, in diesem Pfadstersehnsuch.
Und deswegen habe ich mir das als Filmlocation rausgesucht und ich bin sehr froh, dass dieses Video heute noch dazu genutzt wird, dass man jungen Leuten in der Pflege irgendwo ein Gefühl damit vermittelt, was es bedeutet, wenn man diesen Moment, wo die Demenz beginnt, wenn man das am eigenen Leib wahrnimmt. Und das war Sinn und Zweck dieses Videos. Ich wollte in dieses Gefühl einmal vermitteln, was passiert, wenn man merkt, dass man sich selber verliert. Und das macht mich am Ende auch sehr stolz, dass wir heute noch das Video mindestens einmal in der Woche an eine Demenzinitiative oder an eine Schule, wo Jurypflegekräfte unterrichtet werden.
David, lasst mich bevor du die nächste Frage stellst noch kurz was zum Pfadstersehnsuch zu sagen. Auch der Pfadstersehnsucht im Haus in Berges Gladbach ist eine Kunstinstallation. Da geht man durch ganz unterschiedliche Räume, die gestaltet sind. Da gibt es einen Raum, da ist so wie eine Lawine, die runtergekommen ist. Aber es gibt noch andere Räume und auch da können wir die Leute die Zuhör nur einladen, weil wenn man mal in der Nähe von Berges Gladbach ist, einfach vorbeikommen und dann kann man sich den Pfadstersehnsucht auch anschauen. Oder natürlich, wie gesagt, das Video zur Fragezeichen von Purple sehen.
Und das bekommt ja gerade auch bei uns wieder eine ganz neue, sage ich mal, Aktualität. Ich habe auch jedes Jahr mehrere hundert bis tausende junger Menschen, die in Pflege ihre Ausbildung machen. Bei uns im Haus, mit denen gehen wir teilweise auch durch diesen Pfad. Und wir richten uns gerade auch ganz besonders daran, dass wir halt Trauerfeiern oder unsere gesamte Atmosphäre auch freundlicher für Menschen mit Demenz gestalten können. Und wir halt auch besser bei so einer Trauerfeier mitzunehmen, genau wie Kinder oder Menschen mit anderen Einschränkungen, dass die sich an so einem Ort wohlfühlen, wissen, was da geschieht.
Und ja, um man gleichzeitig auch einfach offen ist, die mit dabei zu haben, dann kommen ja einfach ganz viele neue Themen auf Menschen hinzu und das ist mittlerweile auch in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Wir haben dazu auch eine Podcast-Folge gebracht. Es ist noch gar nicht so lange her, findet man auch bei uns im Podcast-Kanal aus Spotify und den anderen Plattformen. Nun hast du ja seit mindestens 18 Jahren Kontakt auch zum Fritz gehabt. Ich würde fast sagen ja noch als junger Künstler, dann als Mann mittleren Alters haben wir dich kennengelernt und das er gerade gesagt, bald steht für dich dann wieder ein Meilenstein an.
Wie hat sich dein Verhältnis zur Vergänglichkeit entwickelt, Purple, in diesem Abschnitten? Oder wie hast du dich da zu diesem Thema erlebt? Ich finde, man kann sich, man muss sich auf den Tod vorbereiten. Man muss sich mit ihm auseinandersetzen zu seinen Lebzeiten. Und je intensiver man das macht, desto kleiner hält man die Katastrophe, die der Tod immer bedeutet, am Ende natürlich klar. Aber desto kleiner hält man diese Katastrophe für seine Hinterbliebenen. Man kann da eine ganze Menge abkopfern, der Meinung bin ich und ich nehme den Tod, ich empfange ihn nicht mit offenen Namen.
Ich lade ihn auch nicht ein, dass er unbedingt jetzt Silvestri oder Weihnachten hier bei uns feiern muss. Aber wenn er kommt, dann weiß ich, was zu tun ist. Gibt es Dinge, Purple, die du heute klarer siehst oder ruhiger oder dringlicher? Ich glaube, das Bewusstsein dieser Vergänglichkeit ist die größte Hilfe, die wir im Leben haben können. Weil es uns einfach ein bisschen gelassener auf diesen alltäglichen Irrsinn blicken lässt. Denn am Ende liegen wir sowieso alle unter der Erde. Musiker leben von Erinnerung und Wiederholung. Gleichzeitig wird im Alter vieles fragiler.
Wie gehst du damit um, dass die Stimme der Körper die Energie sich verändern? Zum Glück verändert sich die Stimme noch nicht und das ist das, was viele ja irgendwo auch nicht so richtig begreifen, dass ich auch noch so zinge, wenn ich singe wie damals. Aber das ist auch ein großes Glück und das ist vielleicht genetisch bedingt. Ich habe keine Ahnung, ich kann auch nicht sagen, wie John Anderson, der Sänger von Yes, der klingt heute mit über 80 Jahren immer noch so wie damals mit 20. Das ist so unglaublich und das sind mir dann auch ganz, ganz große Vorbilder.
Und da sehe ich immer, ja, du kannst auch im Alter noch ganz tolle Sachen machen. Ich habe mit 63 angefangen, H.P.G. zu spielen. Das spielt zu der Zeit keiner in Deutschland. Das ist ein Seiteninstrument. Ich habe mittlerweile drei H.P.G.s. Die haben zwischen 12, 16 und 22 Seiten. Und das hat so einen großen Spaß gemacht, mit diesem kompletten neuen Instrument, meine Musik, meine eigene alte Musik neu zu entdecken. Also ich finde, ich meine, dass es nie zu spät ist, irgendwelche Neuanfänge zu wagen. Auch so Leute wie Leonhard Cohen haben mich dann dazu gebracht am Ende.
Ich habe ein Konzert von ihm besucht, da war er 76 Jahre alt, so alt wie mein Schwiegervater war, als er verstarb. Und er war für mich ein einziges Strahlen auf der Bühne. Das war einfach das einste großartigsten Konzert in meines Lebens. Und ich habe gedacht, ich würde mich bei zwei Stunden Leonhard Cohen irgendwann langweilen, weil es ja immer so leise ist und langsam. Aber das war ein unfassbares Konzert. Ist Alter für dich eher Verlust oder eher Freiheit, Pöppel? Es ist beides, seltsamerweise. Zum einen ist es der Verlust an, zum Beispiel, Seekraft.
Das ist klar, ich habe hier auch schon auf der rechten Seite einen sich ankündigen Grauenstarr. Da kann man aber noch etwas gegenmachen. Aber es gibt natürlich andere Sachen, wo der Körper einfach dann nicht mehr so mitspielt. Ich fahr zum Beispiel ungern in der Dunkelheit Auto und vor allem nicht mehr Regen. Das ist etwas, was sich unfassbar anstrengend findet mittlerweile. Aber in dem Moment, wo ich auf der Bühne stehe, ist das alles komplett weggeblasen. Aber das, was das Alter auch nicht sich bringt, ist eben diese Freiheit. Man hat halt öfter schon mal das Gefühl, sagen zu können, ach leg mich doch am Arsch.
Was ist mir das Wursch, was ich jetzt auf jeden Fall denk? Und das ist jetzt nicht unbedingt der Alterswort, sondern das ist einfach mir so eine Gelassenheit. Man hat natürlich mit 70 Jahren schon einiges kommen und gehen sehen. Und man weiß, dass nichts für immer ist. An nasser als im Club der 27. Jimmy Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain, Amy Winehouse. Künstler, die früh gestorben sind und dabei unfassbar groß geworden sind. Warum faszinieren uns diese Tode so? Warum verklären wir ihn so oft? Also ich verzehre so einen frühen Tod überhaupt nicht.
Weiß allerdings, dass all diese Künstler praktisch auf ein Zenit ihres Schaffens auf einmal den Löffel abgegeben haben. Und das liegt natürlich an der ausgesprochen ungesunden Lebensweise. Viele Musiker, vor allem damals in den frühen 70er Jahren, an diese unwendigen Drogenkonsum. Und wenn man Drogenkonsumiert, ich habe das auch gemacht damals, dann muss man schon halbwegs damit umgehen können. Ich weiß unter was für ein Druck solche Künstler stehen, in diesem Alter auf allen Dingen. Was da alles auf einen einprasselt. Und damit muss man auch erstmal klar kommen.
Und wenn man dafür nicht gefestigt genug ist, dann kann das ganz schwer nach hinten losgehen. Hat das du selbst musikalische Idole deren Tod dich bis heute begleitet? Nee, das kann ich so nicht sagen. Also für mich ist das einfach klar. Manchmal stirbt man einfach etwas zu früh. Das ist leider so. Das Leben weiß sich da auch manchmal wirklich als ein Arschloch. Aber dagegen kannst du nichts machen. Es ist also nie so gewesen, dass ich dann gedacht habe, jetzt bricht für mich eine komplette Welt zusammen. Weil mein Leben und meine Wertigkeit hängt nicht vom Erfolg anderer Leute ab.
Oder ich denke auch nicht, dass jetzt kulturell alles zusammenbricht, weil der Künstler einfach nicht mehr da ist. Das werden immer andere Künstler nachkommen. Und das Leben geht irgendwie weiter. In der Popkultur wird der Tod ja auch oft romantisiert. Blumen, Kerzen, große Sätze, ein schönes Ende. Was geht dir durch den Kopf, wenn du eine solche Darstellung siehst? Dass es mir zu viel litisch ist, das denke ich mir. Wenn es um den Tod und Trauer geht, dann finde ich wichtig, dass der Mensch dahinter, auch mit seinem Namen, der Mensch muss da im Vordergrund stehen.
Das ist etwas, was mich an Trauer feiern. Wenn man in der katholischen Kirche immer furchtbar, kann das gar nicht sagen. Ich fand es immer ganz grauenhaft, wenn der Verstorbene überhaupt nicht in der Trauerrede vorkam. Wollen wir wirklich die Wahrheit über das Sterben hören? Oder brauchen wir die Verklärung, um den Tod überhaupt auszuhalten? Ich finde, man darf den Tod auch nicht verklären. Man muss ganz realistisch stehen. Der Tod ist immer ein ganz förderlicher Einschnitt. Der Gedanke daran, dass meine Frau vor mir sterben würde, mit der ich 40 Jahre zusammen bin, schmerzt mich ganz gewaltig.
Das wäre für mich ein ganz, ganz furchtbarer Verlust. Aber ich habe von ihr die Genehmigung bekommen, dass ich danach weiterleben darf. Und dass ich mich auch wieder verlieben darf. Das haben wir uns auch beide versprochen. Weil das Leben geht nun mal weiter. Ja, ich finde, so ist es einfach. Aber wie ich damit klarkommen werde, das kann ich jetzt heute noch nicht sagen. Das wäre auch zu viel, wenn ich es sagen würde. Ich habe mich so damit auseinandergesetzt, dass ich das schon irgendwie wegstecken werde. Daraus können ein, zwei Jahre Trauer werden, daraus können zehn Jahre Trauer werden.
Der Mensch trauert so lange, wie er trauern muss. Das ist ganz, ganz unabhängig. Da gibt es keine Regel für. Es gibt Leute, die sind nach vier Wochen wieder in der Lage, zumindest ansatzweise am Alltag wieder teilzunehmen. Sie gehen einkaufen, sie gehen vielleicht wieder ihren Beruf nach. Aber andere brauchen dafür vielleicht wirklich Jahre oder ein Jahrzehnt. Das kann man ganz, ganz schwer voraus sagen. Dafür gibt es kein Rezept. Wenn jemand deinen Koffer anschauen würde, was hoffst du, was diese Person vielleicht für sich mitnimmt oder versteht?
Bei meinem Koffer habe ich das einfach nur schmunzelt. Aber dazu müssen wir das Gedicht noch mal vorlesen. Ihr werdet das Gedicht sowieso in den Shownauts, wie gesagt, wenn wir das noch mal abdrucken, dass die Leute das nachlesen können, wenn sie uns zuhören bzw. da nach. Fabel, wenn du deinem jüngeren Ich was sagen könntest, das mit dem Koffer zu tun hat, was wäre das? Wenn du heute zu deinem jüngeren Ich sag mal mal mit 18 sprechen könntest. Zu meinem jüngeren Ich, da muss ich mal echt jetzt überlegen. Ich würde mal mit einem jüngeren Ich einfach sagen, nimm dich nicht so wichtig.
Fabel, wenn du es dir wünschen dürftest, wie möchtest du sterben? Zu Hause im Kreise meiner Lieben, von denen ich mich dann wirklich verabschieden kann, im vollen Bewusstsein. Und wie sähe für dich eine Abschiedsfeier aus, die sich für dich richtig anfühlt? Dass alle zusammenkommen, über mich sprechen, miteinander lachen und das lustige Geschichten erzählt werden. Über mich. Denn dein Zahnige, der hörte sich gerade schon so an. Gibt es einen Satz, der unbedingt fallen sollte, außer lustigen Geschichten, so irgendwie ein Lebensmodo von dir? Nein, da soll es frei schnauze geredet werden, ganz einfach frei schnauze.
Und gibt es ein Lied vielleicht sogar von dir selbst, das auf jeden Fall für dich gespielt werden sollte? Also, ich freue mich natürlich, wenn der letzte Koffer gespielt wird, aber weil das ist nur wirklich auch das Ding, dadurch, dass es ja aus meiner eigenen persönlichen, aus meinem eigenen persönlichen Blickwinkel rausgeschrieben ist und dabei eigentlich auch um meinen Tod geht, möchte ich trotzdem, dass ein anderes Song von John Mitchell gespielt wird, nämlich "Both sides now" und zwar in der Orchesterversion aus dem Jahr 2000. Das ist ein Song, der ist für mich einfach ein gigantisches Stück Musik und der würde mich schon völlig reichen.
Dankeschön, Purple Schulz. Mehr zu seinem Koffer und zur Ausstellung, ein Koffer für die letzte Reise findet ihr in den Show Notes. Es war Talk about Tod, schön am Leben bleiben und bis bald. Danke, Purple. Viele Grüße. Tschüss und ciao. Dankeschön.