Episode 17 ∙ 14.02.2025 ∙ 25 Min
Warum vergessen viele aus Angst vor dem Sterben zu leben, Julie Gaston?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Julie Gaston
Warum vergessen viele Menschen aus Angst vor dem Sterben zu leben? Filmemacherin Julie Gaston arbeitet an dem Dokumentarfilm „The Day We Leave Earth", nachdem sie selbst vor einigen Jahren eine Krebsdiagnose erhielt – mitten in der Corona-Pandemie, als überall gleichzeitig zu hören war, dass Menschen nicht sterben dürften.
Sie erzählt, wie sie sich für den Film sogar bei einem Bestatter engagierte, um Verstorbene zu waschen und zu bestatten, die sie nicht persönlich kannte, und von den ganz unterschiedlichen Jenseitsvorstellungen ihrer Protagonistinnen und Protagonisten – von einer Seele, die sich mit einem Wal identifiziert, bis zu der Frage, wozu wir eigentlich leben, wenn wir dem eigenen Sterben nicht ausweichen.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Ich habe tatsächlich vor drei Jahren eine Krebsdiagnose bekommen … Ich habe so festgestellt, es gibt da so einen riesengroßen rosa Elefanten, der steht im Raum, und keiner will darüber sprechen."

Über Julie Gaston
Julie Gaston ist zu Gast. Die Filmemacherin arbeitet an dem Dokumentarfilm „The Day We Leave Earth", nachdem sie selbst vor einigen Jahren eine Krebsdiagnose bekam und sich seitdem intensiv mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt. Sie erzählt von den ganz unterschiedlichen Jenseitsvorstellungen ihrer Protagonistinnen und Protagonisten – von einer Seele, die sich mit einer größeren Wolke verbindet, bis zu einem reißenden Fluss aus der Andentradition –, und davon, warum sie sich selbst inzwischen eher eine unkonventionelle, lebendige Abschiedsfeier wünscht als eine klassische Trauerrede.
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Hallo zu TalkAboutTot, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Mein Name ist Klaus Reichand. Und ich bin David Roth. Hallo zu einer neuen Folge unseres Podcasts. Heute ist eine Frau bei uns zu Gast, die dabei ist, einen spannenden Film zu drehen, The Day We Leave Early. Hallo und herzlich willkommen, Julika Storch. Hallo und vielen Dank für die Einladung. Bevor wir über das Filmprojekt reden, fangen wir aber wie immer mit der ersten Frage an. Wann und wo waren Sie das letzte Mal auf einer Beerdigung? Das ist eine interessante Frage. Und das letzte Mal, dass ich auf einer Beerdigung war, tatsächlich, als ich ein Praktikum gemacht habe bei einem Bestatter.
Als ich mich für das Filmprojekt vorbereitet habe, habe ich mir gedacht, ich möchte mich mal mit dem Tod konfrontieren von Menschen, die ich nicht persönlich kenne, die ich nicht sozusagen emotional involviert bin. Und ja, war dann mit einem Bestatter mitgegangen, habe geholfen, die Leichen zu waschen, fertig zu machen, abzuholen und auch tatsächlich auch zu bestatten. Das war eine Urnenbestattung. Ja, und das war ehrlich gesagt eine ganz spannende Erfahrung, weil das ja sozusagen, man geht auf eine Beerdigung von den Menschen, die man gar nicht kennt und nimmt es einfach nur so von außen wahr, was da passiert.
Und das war ja anders als Bestattung, wo jemand stirbt, die man natürlich kennt, wo man dann trauert oder ja intensive Gefühle hat. The Day We Leave Earth, wie kommt eine junge Frau dazu, ein Film über Sterben und Tod zu machen? Viele Menschen, die mich so sehen, die wundern sich darüber, weil ich sehe ziemlich gesund und normal aus. Ich habe tatsächlich vor drei Jahren eine Krebsdiagnose bekommen und dann war ich ja sehr persönlich, wie soll ich sagen, erschüttert, betroffen, berührt, davon, dass ich sterblich bin früher oder später. Und na ja, in dem Moment, wo man so eine Diagnose bekommt, wird es halt ganz unmittelbar.
Denn das ist nicht mehr so eine bloße Theorie, ja, Menschen sterben und meistens Alte und so, sondern, wow krass, also ich bin sterblich. Und das war dann natürlich, wie man sich vorstellen kann, ganz, ganz viel in Uni-Kliniken, in den Wartezimmern vor der Tumor-Sprechtunde. Dann habe ich so festgestellt, es gibt da sowas, wie so ein riesengroßen Rosa Elefant, der steht im Raum und keiner will darüber sprechen. Und parallel zu meiner Diagnose war damals vollem Fahrt die Corona-Pandemie. Und man hat quasi die ganze Zeit immer wieder gehört, Menschen dürfen nicht sterben, wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen sterben.
Und das war wie so eine Innenwelt und Außenwelt-Koalition von "Ich will nicht sterben, dürfen nicht zulassen, dass jemand sterbt, aber wir können es ja nicht verhindern." Also in Corona-Fällen wahrscheinlich konnte man das, aber generell können wir es nicht verhindern. Also irgendwann sterben wir. Für mich ist es einfach als Künstlerin so, wenn ich ein Problem habe, dann war ich an der irgendwie künstlerisch drüber zu arbeiten. Das ist einfach meine Herangehensweise. Und ich habe mir damals, als es dann quasi medial so, so viel Panikmacher um das Sterben gab, gedacht, das ist irgendwie nicht so richtig, etwas, was mir jetzt gerade hilft.
Also das bringt, das macht es jetzt gerade nicht besser für mich. Ich zitiere mal was. Und zwar ist es wirklich die beste Lösung, das Sterben zu verdammen, zu verfluchen oder gar zu verleugnen. Oder sollten wir nicht besser unsere eigenen Sterblichkeit in die Augen blicken und uns fragen, wozu wir überhaupt leben. Diese Sätze habe ich in ihrem Skript gefunden. Wie sehen denn die Antworten auf diese Fragen aus? Also ich für mich habe rausgefunden, was mir hilft im Umgang mit dem Tod, ist mich damit zu konfrontieren. Und zwar in einer möglichst positiven Art und Weise.
Also mir persönlich hilft es, mir vorzustellen, ob danach was kommt, was danach kommen könnte, wie es vielleicht sich von innen anfühlt zu sterben. Ich finde es auch immer ein ganz interessantes Prozess, wenn man einschläft, wie sich das anfühlt, wenn man das beobachtet, wenn man quasi in so eine Selbstreflektion geht. Und wenn man das Thema Tod irgendwie von einer anderen Perspektive betrachtet, wie als etwas, was so schrecklich und gefährlich und wie auch immer ist, sondern als etwas, was Zeit zum Leben gehört. Und das war etwas, was mir eben geholfen hat.
Und ich dachte, wenn es mir hilft, könnte es sein, dass auch anderen Menschen hilft. So ist quasi der Film entstanden. Warum vergessen viele aus Angst vor dem Sterben zu leben? Das ist auch ein Gedanke, den ich bei ihnen gefunden habe. Ja, das ging mir so. Und das habe ich auch bei vielen Menschen beobachtet, die sich in einer, ja, sage ich mal gefährlichen Situation befinden oder gesundheitlich, den es nicht so gut geht. Man ist mit den Gedanken schnell bei einem Thema festgefahren irgendwie. Da dreht sich der ganze Gedanke immer wieder drum.
"Ach, ich habe Krebs, ich habe Krebs. Was passiert dann? Was passiert mit Metastasen?" etc. Und man ist so fokussiert, dass man die ganze Welt vergisst. Also egal ob ich jetzt Krebs habe oder nicht, aber ich lebe ja heute. Und heute ist auch ein Tag, an dem ich leben kann. Und das morgen weiß ich nicht, aber ich habe heute. Und ich glaube, das vergessen viele Menschen und fokussieren sich einfach auf ihr Leid anstatt auf, sozusagen das, was sie jetzt wirklich noch haben können oder was sie gerne noch erleben wollen oder was für sie auch wichtig ist.
"Ich durfte auch ein schönes Zitat finden und zwar die Toten schweigen und wir müssen reden, um zu beweisen, dass wir noch existieren. Wie stellst du den Tod in deinem Film da?" Also ich stell den Tod nicht persönlich da, sondern ich hatte mir verschiedene Protagonisten ausgewählt. Es sind alles Menschen, die kommen aus Deutschland oder Schweiz, aber die haben Wurzeln überall auf der Welt oder haben Erlebnisse überall auf der Welt und die haben ihre Erfahrung gemacht mit dem Thema Tod oder mit dem Sterben oder mit einer Nahtoderfahrung oder haben irgendeine philosophiellen, religiöse Vorstellung oder kulturell geprägte Vorstellung vom Leben nach dem Tod.
Und der Film besteht quasi aus den gesamten Vorstellungen und Erfahrungen schätzen der Menschen, die ich interviewe, die ich begleite. "Und so ein Film, der lebt ja von Bildern und da zeigst du den Übergang vom Leben zum Tod und darüber hinaus zum Jenseits. Kannst du diese Bilder uns beschreiben, wie du das darstellt?" "Ich hab die Menschen gefragt, wenn sie sich ihren eigenen Tod aussuchen dürfen. Wenn sie das jetzt bestimmen dürften, wie es dann passiert, wie sie das gerne haben wollen. Und das haben wir dann inszeniert. Also es gibt zum Beispiel eine junge Frau, die hat gesagt, also wenn sie wüsste, dass sie jetzt stirbt, dann würde sie sich gerne irgendwie in den Wald legen auf einen schönen Moosboden und das einfach passieren lassen und gucken, wie es passiert, ganz alleine sein.
Sie hat gesagt, sie will dann niemanden, der noch irgendwas erzählen will oder so. Sie hat einfach ihre Ruhe und sie hat gesagt, sie stellt sich das vor, als würde so eine Art Wolke aus ihrer Brust so mehr oder weniger rein und rausgehen. Also sie stellt sich den Tod nicht als Prozess vor, der sobald fluppt, dann ist man weg. Sondern sie stellt sich den Tod mehr so vor, dass er so kommt und geht und mal präsenter ist. Und irgendwann ist man halt ganz, zu sagen, verlässt man ganz den Körper und sie stellt sich dann quasi jetzt sind wir jetzt sozusagen bei Übergang von Leben und Tod.
Und sie stellt sich dann vor, dass dieses Wesenhafte von ihr, bewusst sein Seele, wie auch immer man das nennt, das dann aufsteigt und sich wiederum mit einer Art größeren Wolke verbindet und aus dieser größeren Wolke wieder Teile auf die Erde abkommen und inkarnieren. Ist das Silke oder ist das Nadine gewesen, die du gerade beschreibst? Das ist Silke. Genau. Da gibt es aber auch ganz andere Vorstellungen wie zum Beispiel aus Peru. Er ist quasi in einer Tradition der Anden, der Inkas, groß geworden und er hat gesagt, er stellt sich das vor, dass seine Seele nach dem Tod in so einer Art Zwischendimension kommt und dort gibt es einen gigantisch großen Fluss symbolisch aus Blut, also einen riesen großen Fluss.
Und wenn man sich in seinem Leben gut vorbereitet hat, dann kann man diesen Fluss überqueren. Und wenn man sich nicht vorbereitet hat, dann wird man mit dem Fluss zurück auf die Erde gespült. Das ist auch eine interessante Vorstellung. Also es gab ganz viele verschiedene Bilder. Es gibt auch eine klassische Paradiesvorstellung aus dem Koran. So eine ganz interessante Mischung einfach sagen wir mal. Und das inszenieren wir einfach wirklich Schritt für Schritt, so wie und die Protagonisten das jeweils beschreiben, wie sie sich das vorstellen. Nadine, auch das ist eine ganz besondere Geschichte.
Was hat sie für eine Vorstellung vom Tod? Nadine ist muslimisch, die ist muslimische Leichenwächerin. Hat mich auch im Rahmen der Recherche mal gewaschen. Also ich habe das mal an mir selber erlebt, wie ich es anfühle. Das ist eine ganz interessante Erfahrung. Man wird ja dann auch nur in einem weißen Tuch bestattet, also lässt alles wirklich jetzt zurück. Und genau sie macht das in Berlin und wächst dort alle muslimischen Frauen, die dort versterben oder vielleicht nicht alle, aber großteil. Und sie stellt sich das ganz klassisch vor, wie es im Koran beschrieben ist.
Also sie ist eine ganz klarige Muslime und beschreibt halt, dass der jüngste Tag, also die Menschen, wenn sie sterben, dann stellt sich das vor oder so ist es übermittelt. Sie schweben über ihrem Körper, die sehen, wie sie gewaschen werden, die sehen, wie sie bestattet werden. Dann ruhen sie in deiner Zwischenwelt. Und am Tag des jüngsten Gerichts, wenn die Himmels-Trompeter erklingt, man kennt es ein bisschen ja auch aus dem Christlichen, dann stehen alle wieder auf und dann folgt der Tag des jüngsten Gerichts. Und das hat sie wie so elchotalspannend beschrieben, fand ich umwerfend als Künstlerin, sie sagt, am Tag des jüngsten Gerichts ist alles weiß.
Es gibt keine Farben mehr, keine Bäume mehr, keine Berge mehr, keine Hautfarben mehr, alles ist weiß, haplos. Und dann kommt die Erbrechnung, dann kommt man entweder in die Hölle oder ins Paradies. Und selbst wenn man ins Paradies kommt, muss man eine haardünne Brücke überqueren. Und nur wenn man ein guter Mensch war, kann man diese Brücke überqueren. Wenn man sie nicht überqueren, fällt man dann trotzdem in die Hölle. Genau. Und fand ich wie so total aufregend und spannend. Und auch die Vorstellung von Paradies, dann haben wir natürlich mal weiter gefragt, wie sieht das Paradies genau aus?
Wie stellst du dir das genau vor? Ist es jetzt ein Garten oder ist es mehr so ein lebendiger Organismus? Und sie hat dann beschrieben, dass sie sich das tatsächlich vorstellt, wie als wäre alles belebt, alle Häuser, alle Pflanzen. Es ist auch immer so ein bisschen Bewegung und solche Sachen. Und das bauen wir natürlich dann mit diesen Effekten. Das kann man natürlich nicht füllen. Als du damals deine Krebsdiagnose bekommen hast, wie hast du dir das sterben und das, was danach kommt, vorgestellt hast. Du hast ja so ein bisschen zu deinem Hintergrund erzählt und auch zu den Einflüssen, die du seitdem gesammelt hast.
Was war da dein Gedanke? Also interessanterweise, erst mal hatte ich einfach nur den Gedanken, dass ich das überhaupt nicht denken will. Also immer erst meine erste Reaktion, weil ich will da überhaupt nicht nachdenken. Ich werde auf gar keinen Fall sterben. Das darf nicht passieren, mir schon mal gar nicht. Und dann habe ich gemerkt, umso mehr ich mich da rein versetze und darüber nachdenke, umso entspannter werde ich auch damit. Und umso neugieriger werde ich auch damit. Also ich habe für mich dann gemerkt, ich habe nicht so eine starke kulturelle Prägung, dass ich jetzt an Paradies oder eine Hölle glaube.
Das wäre jetzt nicht aus mir heraus. Aber es gibt schon etwas, das sagt, also etwas in mir glaubt, das ist ein Teil, mir gibt er überlebt. Also das habe ich relativ schnell in mir reflektiert und gefunden. Es gibt etwas, das überlebt. Und ich glaube, dass es eine Art von Bewusstsein ist und an einem Ort ist, der vielleicht für uns mit unserem Verstand gar nicht so greifbar ist, mehr so ein Gefühl. Also ich stell es mir mehr vor, wie ich komme an den Ort, ich bin da noch, ich nehme mich auch wahr, ich nehme vielleicht auch andere wahr. Aber ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich mir jetzt so eine konkrete Bildwelt vorstelle, eher so eine Gefühlswelt.
Haben Sie damals auch darüber nachgedacht, wie die Menschen von Ihnen Abschied nehmen sollen? Ja, und das waren sehr schmerzliche Gedanken, ehrlich gesagt. Also ich muss auch sagen, dass mich das auch nach wie vor, auch wenn ich jetzt sozusagen die Angst vor dem Tod glaube ich, also ich weiß nicht, ob man die ganze überwinden kann, denke ich nicht. Aber die ist auf jeden Fall nicht mehr so panisch und nicht mehr so dramatisch für mich, sondern sie ist halt, ja, es ist okay zu sterben irgendwo, weil es wird passieren, ich kann es ja sowieso nicht aufhalten.
Die Frage ist eher, wie sterbe ich dann, also in welchem Zustand? Das kann ich beeinflussen und die Frage aber, wie jemand um mich trauert oder dass Menschen um mich trauen werden, dass sozusagen, dass ich eine Lücke hinterlassen werde natürlich in meiner Familie und Freundeskreis, das ist extrem schmerzhaft. Also wenn ich da in das Gefühl reingehe, dann könnte ich jetzt gerade mal den Drehner ausbrechen, weil das tut mir wirklich weh. Ja, für mich war relativ schnell klar, dass ich nicht verbrannt werden will, aber ihr könnt mich jetzt nicht fragen, warum.
Das ist einfach so ein Eindruck, also ich will nicht ins Feuer gehen. Und ich glaube jetzt im Verlauf des ganzen Prozesses habe ich für mich gemerkt, ich finde ehrlich eine gesagten Erdbestattung schön und ich finde es auch sehr schön, wie die Muslime das machen, einfach in einem Tuch und mit einer Abschiednahme, wie schnell es ist und das war es. Ich stell mir keinen fest vor, wir haben ja auch eine Protagonistin, die hat gesagt, sie will ein großes Fest haben und so. Die Leute dürfen so trauen, wie sie es brauchen, wenn sie gerne noch danach einen Fest machen wollen, sondern einen Fest machen, wenn sie danach gerne weinen wollen, sondern sie weinen.
Ich glaube, ich würde gerne meinen Abschiednahme, wenn ich das dann könnte, weil ich jetzt nicht plötzlich verunfalle oder so, gerne machen werde ich noch lieber. Und wenn du selbst deine Trauerrede schreiben könntest, was wäre dir wichtig, dass gesagt würde? Also was müsstest du weitergeben oder auch über dich erzählen? Also wenn ich jetzt ganz ehrlich sein darf, dann finde ich Trauerreden irgendwie furchtbar. Ich glaube, wenn ich es mir jetzt aussuchen dürfte, dann würde ich keine Trauerrede haben wollen. Also jeder dürfte was sagen, was er sagen will, was er gerne wissen werden will oder darf natürlich immer machen, was er will, aber wie bist du schon nicht meine?
Aber die Vorstellung, dass jetzt jemand für mich so eine traurige Rede hat oder auch eine fröhliche Rede oder irgendeine Form von Rede, ah, nee. David, kurze Frage an dich. Wie ist das denn heute? Wird standardmäßig bei den meisten Beerdigungen noch eine Trauerrede gehalten oder gibt es auch Beisetzungen, so wie die Julie sich das wünscht? Ja, total. Also sehr, sehr unterschiedlich. Also einmal, keiner muss anders bestattet werden, als er das will. Zumindest in noch drin festfallen, soll man halt nicht gegen seinen Willen Feuer bestattet werden.
Aber ich glaube, das gilt überall, dass man auch die Möglichkeit hat, sich in Tüchern beisetzen zu lassen und ähnliches. Man kann immer auch vorher schon, wenn man noch da ist, gucken, wie man diesen Unterschied gestaltet. Ist ja eigentlich so ein bisschen in Vergessenheit gerade. Viele sind halt, glaube ich, doch eher darauf fokussiert, dass man das erst macht, wenn es geschehen ist, statt wie dieses Bild, das Dichters unterm Dach, der dann Menschen noch bewusst zu sich lädt. Und ich glaube, dass halt auch so ein bisschen immer diese Ambivalenz den richtigen Punkt zum Abschied zu finden, dass es nicht zu abrupt oder auch zu ewig dauert.
Erfahrungsgemäß möchten Angehörige, dass eigentlich immer gerne so machen, wie die Person, die verstorben ist, sich das vielleicht gewünscht hat und sich natürlich da selber mit hineinbringen. Und dann gibt es halt Menschen, die so wie beim Anfang gesprochen haben, einfach in Rieten, Liturgie ihre feste Struktur finden, die sie durch so etwas vielleicht durchführt. Dann gibt es Leute, denen das einfach zu unpersönlich ist und die einfach gerne nochmal festhalten möchten. Das sind ehrlich gesagt, glaube ich, die meisten bei uns, die schon auch, wenn geistlicher involviert ist, mit dem dann am besten auch sprechen.
Das ist ja auch wirklich was sagt. Und dann gibt es Leute, die machen Playlists, die machen das wie ein Picknick, die machen das wie eine kleine Party. Die lassen verschiedene Leute sprechen. Ich persönlich glaube, es ist ganz gut, wenn man die Leute vorher drauf hinweist, damit die sich auch ein bisschen trauen. Das ist ja eine unvertraute, unsichere Situation. Aber wie ich das das erste Mal gemacht habe, da ist ein, auch aus der Medienlandschaft, Direktor, der so Samstagabendsendungen gemacht hat, gestorben. Das wurde von quasi der Band, die diese Sendung begleitet haben, auch begleitet.
Und dann war die Wettbewerb total voller Vertrauen, dass da schon was gesagt würde und dass die Leute sich melden werden. Für mich war das super spannend, weil natürlich nicht dieser Ablauf, diese Planbarkeit und Ähnliches drin war und ich will das ja auch gut machen. Aber dieses Vertrauen war anstecken, das musste ich auch so ein bisschen aushalten. Und dann wurde anderthalb Stunden über ihn gesprochen. War ein Bandleader, war nicht der Produktionsleiter, war ein Bandleader. Und das hat super geklappt und harmonisch. Und es war eine Gemeinschaft, die da irgendwo entstand und einfach ganz viele Aspekte seines Lebens, die da reinkamen.
Und irgendwann hat dann einer seiner Musiker das Wort ergriffen und dann haben sie nochmal auf ihn angestoßen. Das war eigentlich der Moment, wo man dann auch so eine Art Ritual eingeleitet hat, dass alle sich damit von ihm verabschiedet haben. Und ja, da kann man ganz viel machen. Und da ist es halt einfach gut, wenn man selber so einen Plan hat und den so weit gestalten kann, die Zeit hat, der Erlaubnis hat, um sich einfach gut vorbereitet und gewappnet für so eine Situation zu fühlen. Was uns natürlich dann irgendwo auch überleitet in den Gedanken, wir machen ja hier sehr viel mit Musik auch.
Hast du dir denn Gedanken gemacht, welche Musik passend wäre oder was du dir da schön für vorstellen könntest? Das ist interessant, weil ich denke gar nicht, ich merke gerade während ihr redet und auch durch die Fragen, dass ich mir tatsächlich so eine klassische Bestattung gar nicht vorstelle. Also weder mit Reden noch mit irgendwelchen Liedern, die abgespielt werden. Das kruselt mich sogar ein bisschen. Also ich finde auch die Vorstellung von diesen Hallen, die Afritophen sind, wie heißen das noch mal? Trauerhallen oder Afritophskapelle. Ja, genau.
Aber ihr wisst, wenn das dann da so steht und alle sitzen dann so anlächtig, das ist, also ich glaube, da haben mich die Reisen doch echt geprägt. Und also beispielsweise in Peru, wenn die es ganz schön sitzen, alle ums Lagerfeuer, einfach ein Abend sitzen ums Lagerfeuer und halten sich über die Person, singen die Lieder, die sie gerne singen. Das heißt fest, das ist einfach ein Zusammenkommen von den Menschen, die noch leben, die sich erinnern einem Menschen, den sie liebten. Übrigens, nicht alle Menschen in Peru, weil in Peru gibt es auch sehr viele Christen, aber sagen wir mal die traditionell liebenden Andenvölker, die machen das zum Teil so oder zumindest wurde uns das so überliefert.
Und die bestatten ihre Leichen auch in Emprioform, in das quasi der Pachamama wieder so zurück, wie sie gekommen sind, wenn ich auch sehr poetisch und irgendwie schön. Also so einen sozusagen zusammentreffen, das würde mir jetzt gefallen. Oder in Nepal haben wir zum Beispiel, Fadim hat mich auch sehr berührt, in Nepal trauern die Menschen sehr intensiv. So sehr, sehr intensiv. Da war quasi die Leiche aber aufgebahnt und unten wurde bereits das Feuer gemacht, also der Scheiterhaufen. Oben saßen alle zusammen und heulten richtig intensiv. Also so was, wenn man das in Deutschland sehen will, man sagt, oh Gott, das willen.
Die brauchen psychologische Hilfe. Das ist völlig in Ordnung dort. Jeder schreit, heult. Da kommen ganz viele Kinder und Jugendliche, die gucken einfach beim Feuer zu. Es ist vielmehr Leben da. Es ist nicht so sehr gemahrsregelt und nicht so sehr, okay, jetzt kommt dieser Song, dann kommt die Rede, dann kommt noch die Fürbitte, dann kommt noch mal irgendein Zitrat aus der Bibel, dann legen wir sie ins Grab, dann schaffen wir sie zu. Es ist mehr so ein lebendiger Prozess. Und ich glaube, das ist eine Art von Bestattung, die mir gefallen würde. Die Menschen sind wie sie sind, wir trauen wie sie es brauchen.
Und sie erinnern sich an mich, so wie sie mich halt geliebt haben oder kennengelernt haben. Und ich mag es nicht so steif, wie ich in Deutschland gar nicht habe, zum Teil. Sie haben ja uns erzählt, dass sie eine Erdbestattung wünschen und das heißt, es wird einen Platz geben, wo sie dann liegen werden. Wird es da ein Grabstein geben und wenn ja, was wird da draufstehen? Ja, auch da. Ich glaube, ich hätte es früher gesagt, ja, da steht wahrscheinlich irgendein Stein und dort steht da mein Name drauf, mein Todesdatum. Und auch da habe ich jetzt gelernt, dass es eigentlich so gar nicht sein muss.
Also zum Beispiel in der Saharag ist einfach ein Loch gebuddelt, die Menschen werden ausgerichtet zur Sonne, mit der nasen Sonne, damit sie immer den Sonneaufgang theoretisch sehen können und damit einfach einen Stein. Einfach einen schönen Stein, den sie finden, draufgelegt auf das Häufchensand zu sagen. Dann habe ich mir so gedacht, ja, das ist eigentlich auch sehr, sehr schön, weil natürlich jetzt gerade, wenn jetzt jemand auf den Friedhof gehen würde, dann kennt man mich noch, mein Name, vielleicht meine Familie kennen mich vielleicht noch.
Aber irgendwann in 100 Jahren interessiert kein mehr was auf dem Grabstein stand. Interessiert auch kein mehr, ob es einen Grabstein gegeben hat, sei dann nicht weitende bedeutende Künstler, dann ist vielleicht was anderes. Aber so für mich hat das alles nicht mehr so viel Relevanz, was auf dem Stein steht, was es für ein Stein ist, ob das ein großes Stein ist, ob es ein kleiner Stein ist, wo jetzt der Körper liegt. Das hat für mich nicht mehr so viel Relevanz. Für mich hat viel mehr Relevanz bekommen, das jetzt lebe und was ich jetzt mit meiner Zeit mache und vielleicht wie ich mich auf den Tod vorbereite.
Also wie ich selber dafür sorge, dass ich in den Moment, wenn dieser Moment kommt, und ich dann sterbe, wie ich dann aufgehend sozusagen, wie mein Zustand ist, dass ich dann irgendwie loslassen kann, noch nicht an meinem Leben Hafte oder etwas Jammeres oder etwas Boreue, was ich immerhin nicht gesagt habe oder Boreue, dass ich etwas gesagt habe, ohne mich zu entschuldigen oder solche Sachen. Das hat für mich viel viel mehr Relevanz als ein Stein. Von mir aus könnten wir einfach ein Stein drauflegen, wie es in der Sahara gemacht ist. Ja, ist auch gut.
Informations und Film "The Day We Leave Earth" verlinken wir in den Show Notes und man kann und sollte auch deine Dreharbeiten mit Geld unterstützen. Da hat es so uns im Vorgespräch auch erzählt, dass ihr jetzt bald mit der Crowdfunding Kampagne anfangen werdet, damit ihr euren Film auch zu Ende führen könnt. Wie geht das? Den Film selber finanziert, sprich wir haben ein bisschen Unterstützung von der Filmförderung, wir haben einen Sendplatz an Arte verkaufen können und wir haben jede Menge selbst investiert an Arbeitszeit und Energie und Materialien.
Und jetzt sind wir an einem Punkt, wo wir gerne noch diese Jenseitsvorstellung verfüllen wollen. Zum Teil haben wir schon, zum Teil wollen wir noch und das sind natürlich dann Kosten, die man nicht mehr selber decken kann. Das sind Kosten, da reden wir von der Studiumiete etc. Da brauchen wir noch einiges an Geld an und dafür machen wir jetzt eine Start Next Kampagne. Das kann jeder, der möchte, unterstützen mit fünf Euro, mit fünfhundert Euro, mit keine Ahnung, 50.000 Euro, wie kalt sie bitte sind. Man kann sich auch direkt an uns wenden, vielleicht könnt ihr ja auch noch Kontaktdaten einblenden.
Ich will irgendwie Botschafter sein für das Projekt oder Partner oder wie auch immer eine Stiftung, die sagt ja, sowas haben wir gesucht zum Projekt, würden wir gerne supporten. Da sind wir für alles offen, haben da verschiedene Möglichkeiten. Aber in der Regel freuen wir uns tatsächlich auch, wenn Leute einfach zeigen, hey, ich finde das Projekt super, ich will den Film gerne sehen und dann unterstützt sich das jetzt einfach mal mit meinen Mitteln, die ich kann und auch mit meinem Namen, der dann da einfach auftaucht. Kann natürlich auch anonym machen, aber einfach eine Person, die sagt, ich stehe hinter dem Projekt.
Das bedeutet mir, ehrlich gesagt, auch sehr viel, muss ich sagen. Zu merken, dass es da wirklich Menschen gibt, die sagen, den geht es so wie mir. Ich möchte auch mal was Positives über den Tod sehen. Ich möchte nicht nur auch ein Märchen hören, sondern ich will mich damit auseinandersetzen, dass es eine schöne und poetische und künstlerische Art ist. Ja, das werden wir auf jeden Fall in unseren Show Notes verlinken. Herzlichen Dank, Julie Gaston. Vielen Dank euch. Das war es für heute. Schön am Leben bleiben und bis bald.