Episode 34 ∙ 12.12.2025 ∙ 26 Min
Kann man von Sterbenden leben lernen, Herr Wache?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Tim Wache
Kann man von sterbenden Menschen fürs eigene Leben lernen? Tim Wache besucht regelmäßig Menschen in Hospizen, die wissen, dass ihre Zeit begrenzt ist, und hat aus diesen Begegnungen zwei Bücher gemacht: „Was ich noch zu sagen hätte" und „Was ich unbedingt noch sagen möchte".
Er erzählt, wie eine Zeitschriftenredaktion sein Porträt über eine ehrenamtliche Sterbebegleiterin als unpassend für ein „lebensbejahendes Magazin" ablehnte, wie er daraufhin ein eigenes Buchprojekt startete, und wie ausgerechnet ein großer Bestatter ihm schrieb, das sei zwar eine tolle Idee, aber sein Unternehmen wolle in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so sehr mit dem Sterben in Verbindung gebracht werden.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Auf jeden Fall habe ich die Beerdigung meiner Großmutter als sehr passend empfunden, weil der Redner sich die Mühe gemacht hat, wirklich hinzugucken, und nicht nur eine Lobhudelei, sondern einen sehr ernsthaften, an manchen Stellen witzigen, an manchen Stellen sehr tiefgründigen Abriss ihres Lebens gegeben hat."

Über Tim Wache
Tim Wache ist zu Gast. Er besucht sterbende Menschen in Hospizen und hat aus diesen Begegnungen zwei Bücher gemacht: „Was ich noch zu sagen hätte" und „Was ich unbedingt noch sagen möchte". Er erzählt, wie eine Zeitschriftenredaktion sein Porträt über eine ehrenamtliche Sterbebegleiterin als unpassend für ein lebensbejahendes Magazin ablehnte, wie ausgerechnet ein großer Bestatter ihm absagte, weil er nicht mit dem Sterben in Verbindung gebracht werden wollte, und was ihm die sogenannte „blaue Stunde" bedeutet, in der ehrenamtliche Hospizmitarbeitende ganz ergebnisoffen mit Sterbenden zusammensitzen.
Auf Apple Podcasts hören
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenAuf Spotify hören
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenTranskript
Hallo zu TalkAboutTot, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Rothschild und ich bin Klaus Reichert. In diesem Podcast sprechen wir über das Leben, über den Tod, über das was bleibt, was trägt und manchmal sogar tröstet. Unser heutiger Gast trifft regelmäßig Menschen, die wissen, dass ihre Zeit begrenzt ist. Tim Wache, besuchsterbende in Hospizen, spricht mit ihnen über ihr Leben. In diesen Begegnungen sind zwei eindrucksvolle Bücher entstanden, was ich noch zu sagen hätte und was ich unbedingt noch sagen möchte. Hallo, herzlich willkommen, Tim Wache.
Hallo, ich grüße euch. Tim, wann warst du das letzte Mal auf einer Beerdigung? Ich wohne neben einem Friedhof, deswegen sehe ich sehr häufig Beerdigung. Ich selbst war letzten Sommer bei der Beerdigung meiner Großmutter. Wie hast du diese Beerdigung empfunden? War das eine Beerdigung, wo du sagst, ja, ich bin da nicht nur mit Traurigkeit, mit Trauer rausgegangen, sondern auch auf eine gewisse Art mit einem guten Gefühl? Auf jeden Fall habe ich die Beerdigung als sehr passend empfunden, weil der Redner sich die Mühe gemacht hat, wirklich hinzugucken und nicht nur eine Lobhudelei, sondern einen sehr ernsthaften, an manchen Stellen willsigen, an manchen Stellen sehr tiefgründigen Abriss ihres Lebens gegeben hat und das fand ich beeindruckend, berührend und in der Masse der Menschen, die dort anwesend waren, die ja auch sozusagen ein anderes Bild ihres Lebens zeichnen, irre einführend.
Du sprichst mit Menschen, die wissen, dass sie bald sterben. Wie beginnt man so ein Gespräch? Wie schafft man Vertrauen, wenn die Zeit so knapp ist? Ja, das ist eine sehr berechtigte Frage. In erster Linie versuche ich offen zu sein, auch ergebnisoffen, also nicht sehr gezielt, sondern erstmal zu gucken, wie geht es demjenigen? Ich habe ja angefangen mit einem Porträt über eine ehrenamtliche Sterbebegleiterin und die hat mir von der Art und Weise der blauen Stunde erzählt. Die blaue Stunde ist, dass ehrenamtliche Hospizmitarbeiter sich mit Sterben enttreffen und ganz ergebnisoffen, wenn die einen Stunde gucken, was tut gut, was ist gerade das Thema, wie geht es einem, was brennt einem gerade unter den Nägeln und das kann sehr, sehr unterschiedlich sein.
Wie bist du denn auf die Idee gekommen, dich mit diesem Thema zu beschäftigen? Normalerweise schreibe ich Bücher für ganz normale Leute, die zu uns kommen und ihre Lebensgeschichte anvertrauen und wir machen das dann als Dienstleister. Und zeitgleich hatte ich vor ein paar Jahren eine Kolumne in einem Gesellschaftsmagazin über gesellschaftlich unterschätzte Berufe und Berufungen und dort durfte ich eigentlich immer alles vorstellen, was man sich so vorstellen kann. Zwingerklubbesitzer, Tatortreiniger, Pfarrer, Priester, nie gab es ein Problem.
Bis ich eben die gerade erwähnte ehrenamtliche Sterbebegleiterin vorstellen wollte und da zum ersten Mal ein Veto bekam, weil das Thema Sterben im Allgemeinen und die Sterbenen im Speziellen laut Aussage der Chefredaktion unpassend wären für ein Lebensbejahendes LifeSale-Magazin. Und zeitgleich las ich in der Zeitung, dass nach Jahren das Kampf des Erste Stationäre Hospiz in Jena eröffnet und war sehr erstaunt darüber, dass es nur zwölf Betten hat in einer über 100.000 Einwohner großen Stadt und dass es am Autobahnenanlieger, also raus aus der Mitte der Gesellschaft war, dass so wie die Dinge, die wir nicht wahr haben wollen, wie Schlachthöfe und so was.
Ich habe mich trotzdem mit dieser Frau getroffen und dachte dann, ich möchte auch Sterben mit treffen, ich möchte von dieser Perspektive hören und habe dann ein Buchprojekt gegründet und dachte, die Menschen, die beruflich mit dem Sterben zu tun haben, die müssten ja eigentlich das gleiche Interesse haben. Hatten sie auch, bis es dann konkret und ernsthaft wurde und dann wurde es immer absurder. Und das Absurdeste ist, dass ich von einem bestatter, einem ziemlich großen Bestatter hier vor Ort eine Mail bekommen habe, in der drin stand, dass das eine ganz tolle Idee war, dass er aber mit seinem Unternehmen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so sehr mit dem Stemmersterben assoziiert.
Als Bestatter. Damit bei uns ist es ja genau das Gegenteil der Fall, sondern die Grundidee ist ja, dass wir die Tür aufmachen und die Leute einladen, zu uns zu kommen, auch wenn sie keinen Trauerfall, kein Sterbefall in der Familie haben. Das finden wir natürlich ganz schön und wir versuchen ja, dass Menschen sich so leicht oder so intensiv, wie sie mögen mit dem Thema befassen können. Aber ich sage mal hier die Beobachtung von Tim, die ist ja gar nicht so verkehrt. Also ich kenne genug Geschichten von Menschen, die uns wahrscheinlich auch ganz bewusst deswegen meiden.
Also ich kenne Menschen, die ihren Berufsweg, also die Weg zur Arbeit verlegt haben, wo eine Filiale eines anderen Bestattungshauses auf diesem Weg sich etabliert hat, weil sie damit nicht konfrontiert werden wollten. Und das ist ja eigentlich dieser Split, den Menschen seit jeher haben. Und der heute, glaube ich, eigentlich nur noch breiter als vorher ist, dass man sich auf der einen Seite ganz toll und mit Superstrukturen am Ende des Lebens wirklich mit dem Thema befassen kann und rundum versorgt ist. Also das ist ja geradezu in unserem Gesundheitssystem aber witzig, dass da direkt Fachärzte Versorgungsfachkräfte sind.
Und auf der anderen Seite natürlich die Menschen, die hoffen, dass das wirklich alles gar nichts mit ihnen zu tun hat und einfach vorbei ist. Und das erlebe ich ja auch bei so Veranstaltungen, die wir da machen, sind meistens Menschen mit einem großen Leidensdruck, die da hinkommen. Während ganz viele andere die schönsten Veranstaltungen lieber mal meiden, auch wenn das die populärsten Künstler sind, weil ihnen das Thema Tod, nee, heute nicht so genehm ist. Es gibt Menschen, die sich darauf einlassen, die ganz begeistert sind, dass man da was machen kann.
Ähnlich wie eigentlich gerade die Schilderung von der Beerdigung von Tim, von der ich auch glaube, dass es bisher die beste Schilderung war, die wir von der Trauerfeier gehört haben, die Menschen erlebt haben, weil das hat sich nett und fröhlich an oder auch, dass das wirklich eine große Bedeutung hatte. Ich glaube ja genau wie im Hospiz, nur sprechenden Menschen kann man helfen. Die müssen sagen, was sie wollen. Und das ist ja gerade das Tolle, dass man so nah an Menschen in kurzer Zeit rankommt. Und ich meine, die Tage mal irgendwas über radikale Ehrlichkeit oder so gesehen zu haben, das gehört eigentlich auch dieses Radical Honesty, das ist eigentlich die Voraussetzung, glaube ich, dass man wirklich da beieinander kommt und nicht aneinander vorbeispredet.
Tim, erzähl doch noch ein bisschen was, bevor wir richtig einsteigen in das Thema über dich. Du bist Journalist. Ich bin mehr oder weniger freier Autor, der in verschiedenen Projekten sich ausprobiert hat und der seit zehn Jahren jetzt mit Meilensteiner persönliche Geschichten schreibt für ganz normale Leute, die etwas erlebt haben, die etwas nochmal ein sortieren wollen, die etwas rekapitulieren wollen. Und ich übergebe dann im Grunde das fertige Buch an sie zurück und sie selbst entscheiden dann, was damit wird, ob sie das für sich behalten, ob sie das veröffentlichen wollen oder nur in der Familie streuen.
Und um es zu veröffentlichen, habe ich einen eigenen Verlag gegründet, der dann diese Geschichten beschützt und eben nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten irgendwie aufpustet oder verändert, sodass das eben bei dem bleiben kann, was es ist. Du schreibst, dass diese Gespräche nicht traurig sind, sondern oft voller Leben. Was passiert da? Warum kann gerade am Lebensende so viel Leichtigkeit dann auch entstehen? Es ist sehr unterschiedlich. Das hängt schon vielen Faktoren ab von der Tagesform und vor allen Dingen, weil wir das vorhin hatten mit Menschen, die umwege fahren.
Es hängt von der eigenen emotionalen Aufgeräumtheit auch ab. Das Schöne am Hospiz ist, dass die Menschen ja wissen, warum sie dort sind. Also sie haben zwei Fragen, die uns ja ganz oft ablenken von wesentlichen Sachen. Haben sie ja geklärt, sie wissen ungefähr, wann sie sterben, nämlich zeitnah. Und sie wissen auch, woran sie sterben. Und ich habe das Gefühl, dass diese Perspektive am Lebensende von einer ganz mysteriösen und mich anziehenden Klarheit geprägt ist. Ich empfinde diese Gespräche daher als wahnsinnig authentisch und gehaltvoll, weil sie eben nicht von diesen absurden Dingen geprägt sind, die wir so durch den Tag schleppen.
Wir wissen ja eigentlich alle, was wir verkehrt machen. Wir wissen alle, dass wir zu viel am Handy hängen, dass wir zu neidisch nach links und rechts gucken, dass wir nach oben schimpfen und nach unten treten, dass wir zu wenig lieben und zu wenig lachen und zu wenig leben und so weiter. Und trotzdem kriegen wir es nicht richtig hin. Das ist das, was wir tun, das dauerhaft zu ändern. Und das ist vielleicht auch an manchen Stellen ganz gut so, dass man nicht in der Ernsthaftigkeit versingt. Aber Gespräche mit Sterbenden sind sehr oft, wenn sie denn möglich sind, geprägt von dieser Klarheit.
Und das ist faszinierend, aber auch sehr wachründend und irgendwie ein-ebenend. Eine der Begegnungen, die uns beim Lesen sehr berührt haben, war die mit Hannes. Er ist 20, hat Krebs und sagt, ich möchte die Zeit, die ich habe, nutzen. Trotz seiner Krankheit bleibt er neugierig und lebenzogen, er spricht über Mut, Angst und darüber, wie wichtig es ist, Spuren zu hinterlassen. Was hat dir Hannes beigebracht über das Leben, aber auch über das Erwachsenenwerden angesichts des Todes? Ja, viel, ehrlich gesagt. Zum einen muss man mal sagen, wenn man Menschen, die sterben, gegenüber sitzen und die sind sehr alt, dann fühlt sich das erstmal grundsätzlich irgendwie natürlich an und irgendwie fair.
Wenn die aber so wie im Hannesfall sehr, sehr jung sind, dann ist das unfair. Es fühlt sich einfach unfair an auf einer Art, weil dieser junge Mann hat ja niemanden was getan und trotzdem kann jetzt niemand mehr was für ihn tun. Und das ist irgendwie schwer auszuhalten. Und dann habe ich von Hannes gelernt, dass er am Ende eine ganz große Reife in sich hat und trotzdem irgendwie ein Teenager ist. Also dieser Spagat zwischen sich wirklich auseinandergesetzt zu haben und nicht wie Erwachsene sich in Floskeln so üben wie "Alles wird gut". Also Hannes wusste, dass nicht mehr alles gut wird.
Und trotzdem war er ein Teenager. Also es war irgendwie faszinierend zu beobachten, wie klar er die Sache sieht und trotzdem sich danach sehnt, einfach das zu machen, was andere Leute und seine Kumpels auch mit ihm machen. Und er hat in dieser Zeit auch wahnsinnig viel überstanden, was wirklich kaum ausseiten ist. Also ich erinnere mich da, dass seine Freunde vom Fußball ein Abschiedsspiel für ihn organisiert haben, an dem er schon so geschwächt kaum, also nicht mehr zu über teilnehmen konnte und dann dachten sie sich zum Abschluss wäre es gut, wenn er vielleicht noch den letzten Elfmeter schießen könnte.
Und dann macht er das und weil er Knochenkrebs hatte, bricht ihm dabei der Oberschenkelknochen. Aber er erzählt das nicht in dieser Tragik, die wir jetzt alle spüren, sondern er erzählt es in dieser unglaublichen Dankbarkeit, was die für ihn möglich gemacht haben und das er immerhin noch antreten konnte. Also das war ein ganz großes Spektrum, ganz unterschiedlicher Gefühle, die wahnsinnig faszinieren waren. Mich hat besonders Friederike beeindruckt. Friederike ist altgläubig und gleichzeitig voller Angst. Sie sieht den Tod als Heimkehr und findet in Gesprächen Vertrauen aus Angst wurde Frieden.
So hatte ich zumindest das Gefühl, als ich das gelesen habe. Wie gehst du in solchen Momenten mit der Angst um? Die Angst ist ehrlich gesagt bei solchen Begegnungen von Anfang an ein ganz großes Thema für mich. Also insbesondere wenn man Kinder trifft, ist es wirklich so, dass ich mich zwei Wochen vorher mit mir zu tun habe und mich wirklich überwinden muss, mich den Situation zu stellen. Währenddessen ist es merkwürdigerweise dann ganz anders, weil die Menschen, denen ich begegne, diese Angst so vor dem Moment nicht mehr haben, sondern sie haben sie in anderen Themen.
In der Frage, was wird jetzt oder auch in der Frage, so wie bei Friederike, habe ich mich gut verhalten. Also habe ich das verdient, ich sage jetzt mal ein bisschen überschwitz in den Himmel zu kommen oder habe ich zu befürchten, in die Hürde zu kommen. Und das ist sehr faszinierend, weil das nicht diese oberflächliche Angst ist, die wir alle so haben, in der Sozialstadt wie Deutschland zu leben, dass man plötzlich sein Auto verliert oder sein Haus verliert oder sonst irgendwas, sondern das ist so richtig essentielle, ganz tiefe Bewegung, vor der man sich fürchtet.
Und das ist manchmal sehr schwer auszuhalten, aber ganz toll, wenn man es ausgehalten hat. Es schafft eine Verbindung, weil man darf ja nicht vergessen, die Leute, die ich da treffe, sind der Fremde. Und der Unterschied zu sonst, zu den anderen Buchprojekten, die ich mache, ist, sie können mich nicht legitimieren. Also sie können mir im Nachhinein nicht sagen, ich habe sie richtig verstanden und ich habe das richtig wiedergegeben. Sondern es ist ein einmaliger Mund in einer absoluten Ausnahmesituation, zumindest für mich, aber auch für sie selbst.
Und das hat da Angst eine große Rolle und es ist total schön zu erleben, sie auszuhalten und dann zu sehen, dass sie geht. Spürst du, dass jemand innerlich ruhig wird in dem Moment, wo er mit dir sprechen kann? Du hast jetzt deine innere Verfasstheit geschildert, aber wenn du auf die Leute guckst, wenn du mit ihnen sprichst, vielleicht passiert da ja auch was mit den Leuten, mit denen du da sprichst? Ja, das würde ich schon sagen, weil alleine, dass jemand Fremdes kommt, den man da ein Abriss gibt vom eigenen Seelenheil und vom eigenen Leben, das schafft schon Verbindung und das beruhigt auch.
Und ich glaube, es ist in unserer Gesellschaft erstmal sehr selten geworden, dass jemand kommt und wie geht es dir, keine Floskel ist, sondern wirklich ernsthaft Interesse hat und ernsthaft Zuhört und wir würden in einer anderen Welt leben, wenn wir das alle öfter machen, auch wenn man nicht grad stirbt. Das ist das eine und das andere ist, ich denke da zum Beispiel an einen jungen Mann, der im Sterbebett liegt und dort nicht liegen müsste, sondern er liegt dort, weil er so große Angst hatte zum Arzt zu gehen und er hätte ihm mit An Sicherheit, Grenzen und Wahrscheinlichkeit helfen können.
Und dieser junge Mann hat einen unglaublichen Wall, einen richtigen Schutzmauer aus Wut und Hass um sich herum gebaut und wir haben uns getroffen, ein bisschen gegen seinen Willen, ein bisschen in der Hoffnung der Mutter, er könnte sich vielleicht irgendwie öffnen. Und es kam zu einer Situation, in der ich dachte, ich gehe jetzt, das bringt hier nichts, ich bin ihm nicht verpflichtet, er ist mir nicht verpflichtet und wenn das für uns beide nichts bringt, dann sollte man das aufnehmen. Und ich habe innerlich von zehn runter gezählt, weil er sich wirklich in der Rage geredet hat und dann die Sekunde ausgehalten, in der er einfach geplatzt ist und wahrscheinlich war das sehr unangenehm für ihn und auch für mich ehrlich gesagt, aber irre heilsam, dann kam raus, was eigentlich da drin von ihm beschützt werden wollte, nämlich ich ärger mich so, ich ärger mich so, dass ich so dumm war, ich habe so viel versaut und ich müsste hier nicht liegen.
Man kann nur versuchen das nachzuvollziehen, wie sich das anführen muss, wenn man so sehr bereut. Das Spannende ist ja, dass das wirklich so viele authentische, individuelle Geschichten sind, die man erlebt, dass man wirklich spürt, dass es reale Menschen sind, unterschiedliche Menschen. Gibt es Sätze, die sich da wiederholen, also die du immer wieder siehst, Motive, die du in fast jedem Hospiz-Zimmer hörst? In fast jedem nicht, aber es gibt schon gewisse Stereotype. Also der Klassiker ist der Workaholic, der erst am Lebensende merkt, dass er die Quartalszahn von 2012 immer noch auswendig kann, aber nicht weiß, welche Musik seinen Sohn gern hört oder welche die Lieblingsblumen seiner Frau sind.
Und das merkt er dann und dann ist es zu spät. Und das war ja so ein bisschen auch der Anlass herauszufinden, ob man aus dieser Perspektive der Sterbenen dieser Klarheit vielleicht etwas über das Leben lernen kann, was einem hilft, während man sich noch in der Mitte des Lebens wehnt. Und so gesehen gibt es immer sehr unterschiedliche Geschichten, aber der Tenor ist schon der, dass man bereut, was man nicht getan hat, dass man lange Zeit schon wusste, was man eigentlich falsch macht oder was man für Träume hat, die man sich gerne erfüllen würde.
Und der Fehler ist, in alle Einen man denkt, man hat Zeit. Und andersrum gibt es Dinge, über die kaum jemand spricht, obwohl sie vielleicht wichtig wären? Ich finde es nach wie vor völlig verrückt, dass Menschen mit ihren Angehörigen nicht über das Sterben sprechen. Nicht darüber, was mit der Platten- oder Buchsammlung werden soll. Nicht darüber, wie sie sich die Beerdigung vorstellen, wo sie beerdigt werden wollen. Nicht darüber, was mit ihrem persönlichen Nachlass passieren soll. Ich finde das einfach verrückt. In deinem zweiten Buch erzählst du von Helmut.
Helmut, ein ehemaliger Geschäftsmann, lebt seine letzten Wochen im Gartenhaus mit Familie und Freunden. Er lacht, trinkt Wein, redet über das Abgeben und sagt am Ende, ich danke dem Leben. Wie gelingt es einem Menschen so leicht zu bleiben, wenn alles zu Ende geht? Ich denke, es hat ganz viel damit zu tun. Also ich persönlich habe diese Reise angetreten, weil ich dachte, wenn ich weiß, wie ich sterben möchte, dann könnte ich davon ableiten, wie ich vielleicht leben sollte. Und ich denke, es ist etwas dran, dass man so stirbt, wie man gelebt hat.
Es gibt ja Leute, die sehr schwer loslassen können. Und mir scheint, dass die auch sehr lange sterben. Sicher nicht zu 100%, aber so tendenziell. Und so gibt es auch Leute wie Helmut, die einfach aufgeräumt sind, die einfach die Gelegenheit genutzt haben oder auch immer sehr reflektiert waren und wissen, wer sie sind, was sie ausmacht, ihre Gefühle, ich sage jetzt mal, in Balance halten und sich nicht vor ihnen verstecken. Und die Gespräche dann eben auch geführt haben, die es zu führen gilt in verschiedenen Phasen des Lebens. Und ich denke, dass solche Leute dann auch leichter sterben und leichter loslassen und vielleicht sogar friedlich.
Ich fand auch Sarah unglaublich bewegen. Sarah ist ein Kind, das über den Tod spricht. Als wäre es das Natürlichste der Welt, sie sagt, nur weil man sterben muss, kann man trotzdem fröhlich sein. Wie verändert so eine Begegnung den Blick auf den Tod? Ja, so sehr, dass man das kommen würde, fassen kann auf jeden Fall. Also vor Sarah hatte ich mit Abstand die Meisterangst, weil damals auch meine eigene Tochter im ähnlichen Alter war. Sarah ist die, an die ich am häufigsten denke. Und ihre Eltern sind die Erwachsenen, die ich am meisten bewundere, weil sie es geschafft haben, ihr eigenes Ego, ihre eigenen Ängste.
So hinten anzustellen, dass sie die begrenzte Lebenszeit mit ihrer Tochter hat, mit ihr wirklich unglaublich verbringen. Und zwar ohne Verbote, ohne dass man bestimmte Gedanken und Gefühle unterdrückt, sondern so nah am Leben, wie es nur sein kann. Ja, ein ganz faszinierendes junges Mädchen, was wirklich sehr viel schlauer ist als ich. Du sagst zuhören ist für dich ein Akt der Liebe. Gibt es Momente, in denen du merkst, jetzt verändert sich in diesem Raum etwas? Das ist jetzt ein ganz besonderer Moment. Ja, natürlich gab es die nicht in allen Gesprächen, aber doch immer wieder, wie gerade schon angesprochen, der junge Mann, der aus seiner Wut herausgebrochen ist.
Aber ich denke da vor allen Dingen auch an eine andere Geschichte aus dem ersten Buch. Ich hatte ja vorhin gesagt, das ist irgendwie natürlich, wenn jemand sehr alt ist und irgendwie unnatürlich und kaum greifbar, wenn jemand sehr jung ist. Aber ganz verrückt ist es, wenn jemand in der exakt selben Lebenssituation ist. Und ich traf damals Ben, der für sein Kind Kassettenaufnahmen, das hat mich unglaublich berührt. Wir waren im ehemlichen Alter, sahen uns selber ähnlich, die Kinder im ähnlichen Alter und er hat Kassetten aufgenommen für den ersten Liebeskummer, für wenn die Tochter das erste Mal die Mutter nicht mehr versteht, die Welt nicht mehr versteht und so weiter, weil er was mitgeben wollte und was teilen wollte.
Und irgendwann haben wir uns angeguckt und ich habe gesagt, ich finde das so unfair, dass du jetzt sterben musst und ich nicht. Und dann sagte er, komm du erstmal heil nach Hause. Und da hat sich auf jeden Fall in mir wirklich etwas sehr Großes bewegt, weil mir klar war, wie sehr Recht er damit hat. Viele deiner Gespräche zeigen, dass Sterben auch gestalten sein kann, gibt es Menschen, die dir besonders durch ihre Haltung oder jeden Humor in Erinnerung geblieben sind? Ja, ich denke da zuallererst an jemanden, den ich leider gar nicht kennengelernt habe.
Ich bin nämlich zu spät gekommen, stand im Hospiz vor einer Tür, da öffnete eine Frau, obwohl ich mich eigentlich mit einem Mann treffen wollte. Die sagte, ich bin zu spät, ich sagte nein, ich habe noch 10 Minuten, die sagte, mein Mann ist heute Nacht gegangen. Und dann habe ich mit dieser Frau ein ganz tolles Gespräch darüber geführt, was er ihr hinterlassen hat. Und zwar war er immer der Reiseverantwortliche, der Reiseverantwortliche, der die Urlaubsorte ausgesucht hat, der die Restaurants ausgesucht hat, der überall, wo immer sie auch hinfuhren, Samen des Apfelbaums seiner Familie ausgestreut hat und der nun wissen, dass er stirbt für seine Frau, die letzte gemeinsame Reise geplant hatte.
Es war unglaublich bewegend, er hat sich vielfach darin entschuldigt in dem Brief, dass er da jetzt leider nicht mitkommen kann, aber dass sie bitte in dem und dem Restaurant das und das probieren sollte, dass ich in den Nord hinfahren müsse, dass sie dort an ihnen denken könnte. Und das fand ich einen so wundersamen, liebevollen und großartigen Umgang und letztlich eine Vorbereitung, weil es hat er ja gemacht in dem Wissen, dass er dort nicht dabei sein wird, war nicht ganz teuer. Wenn du auf all diese Begegnungen zurückblickst, was hat sich in dir verändert und wie hat sich dein eigener Umgang mit dem Tod entwickelt?
Ja, ich würde jetzt gern sagen, dass ich jeden Tag irre bewusst aufstehe und wahnsinnig vorbildlich und lebendig lebe, aber leider sind wir dazu irgendwie nicht gemacht. Was es aber auf jeden Fall mit mir gemacht hat, ist, es hat mein Blick geschärft, es erinnert mich immer wieder daran, was eigentlich wesentlich ist. Und ich denke schon, dass die Stimmen im Kopf, die ja jeder so mit sich rumträgt, dass die eine andere Farbe bekommen haben durch all diese Begegnungen. Also nicht mehr so defizit orientiert, was mir fehlt, was in meinem Leben fehlt, sondern eher von einer gewissen Dankbarkeit geprägt sind und eben auch von dem Wissen, dass wir keine Zeit zu verschwenden haben.
Ja, wirklich nicht so platt wie das klingt, sollte man die Gelegenheiten beim Shop packen, wenn sie sich ergeben und so wenig wie möglich aufschieben. Wir kommen zu unseren letzten Fragen, die wir jedem Gast stellen. Wenn du es dir wünschen dürftest, wie möchtest du sterben? Ich glaube, ich werde so sterben, wie ich versuche zu leben, nämlich selbstbestimmt. Ich finde, das ist ein guter Gedanken, sollte mir etwas passieren, was mir die Möglichkeit offen lässt, selber zu entscheiden, wann und in welchem Setting, dann werde ich davon wahrscheinlich gebraucht machen.
Wie sehr für dich eine Abschiedsfeier aussieht, die sich für dich richtig anfühlt? Da ich ja neben einem Friedhof wohne und jetzt auch gerade da drauf gucke, finde ich den Gedanken, erstmal dort zu liegen und hier auf meinen 300 Jahre altes Bauernhäuschen zu gucken. Total friedlich und schön. Und ich würde mir wünschen, dass es eine sehr schöne, fröhliche, voller Musik und Sonne geprägte Abschiedsfeier oder Trauerfeier im Hof gibt. Gerne mit mir und gerne dann auch ohne mich. Wenn du deine Trauerrede selbst schreiben würdest, was müsste unbedingt drinstehen?
Diese Frage kenne ich und fürchte ich mich ein bisschen, weil es sehr schwer ist, darüber zu sprechen. Aber ich würde auf jeden Fall reinschreiben, dass ich wahnsinnig gern gelebt habe. Die Frage kennst du wahrscheinlich auch. Welches Lied soll auf deiner Beerdigung gespielt werden? Auch schwer, habe ich mich darauf vorbereitet, weil ich ja schon etliche von eurem Podcast gehört habe. Ich sage mal zwei Songs, weil ich mich nicht dazu entscheiden kann. Das eine ist "Move Mama", "Liebe" und das andere ist "Don't Look Back in Enger". Dankeschön Tim, für deine Offenheit und für die stille, wertvolle Arbeit, die du leistest.
Ich danke euch. Mehr über Tim Wache, seine Bücher und seine Arbeit im Hospiz, findest du in den Shownauts. Das war's für heute, das war Talk about Tod. Schön am Leben bleiben und bis bald.