Episode 29 ∙ 24.09.2025 ∙ 23 Min
Was bleibt – und was kommt weg, Frau Nietmann?
Mit David Roth, Klaus Reichert, Sabine Nietmann
Was bleibt, und was kommt weg, wenn ein geliebter Mensch stirbt? Sabine Nietmann ist Gründerin von The Organizer und begleitet Menschen professionell dabei, die Wohnung eines verstorbenen Angehörigen aufzulösen.
Sie erzählt, warum sie aussortierten Gegenständen bewusst ein zweites Leben gibt – über ein Spendennetzwerk, das bis in die Ukraine reicht –, wie unterschiedlich lange Menschen brauchen, bis sie sich von den Dingen eines Verstorbenen trennen können, und von der Trauerfeier ihrer besten Freundin, die sie nach 18 Jahren Freundschaft mit nur 37 Jahren an Brustkrebs verlor: einem Grabplatz, den sie gemeinsam mit Witwer, Mutter und Schwester aussuchte.
Ein erster Eindruck aus der Aufnahme: „Was passiert, wenn wir die Wohnung eines verstorbenen Menschen auflösen? Wie gehen wir mit Dingen um, die uns an ihn erinnern – und die wir doch nicht alle behalten wollen, manchmal nicht behalten können?"

Über Sabine Nietmann
Sabine Nietmann ist zu Gast. Die Gründerin von The Organizer begleitet Menschen professionell dabei, die Wohnung eines verstorbenen Angehörigen aufzulösen. Sie erzählt, warum sie aussortierten Gegenständen bewusst ein zweites Leben gibt – über ein Spendennetzwerk, das bis in die Ukraine reicht –, wie unterschiedlich lange Menschen brauchen, bis sie sich von den Dingen eines geliebten Menschen trennen können, und wie sie selbst vor knapp einem Jahr ihre beste Freundin an Brustkrebs verlor und bis zuletzt begleitete.
Auf Apple Podcasts hören
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenAuf Spotify hören
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere InformationenTranskript
Hallo zu Talk about Tod, wir freuen uns, dass du lebst und uns zuhörst. Ich bin David Roth, hallo zu einer neuen Folge unseres Podcasts. Und ich bin Klaus Reicher, zusammen sprechen wir hier mit Menschen über das Leben und den Tod. Heute geht es um etwas sehr Konkretes, sehr Praktisches und gleichzeitig sehr Emotionales. Was passiert, wenn wir die Wohnung eines verstorbenen Menschen auflösen? Wie gehen wir mit Dingen, um die uns an ihn erinnern? Und die wir doch nicht alle behalten wollen, manchmal nicht behalten können. Dazu haben wir jemanden eingeladen, der sich mit Ordnung loslassen und Struktur professionell beschäftigt.
Sabine Niedmann ist Ordnungskochschgründerin von The Organizer. Willkommen Frau Niedmann, hallo. Vielen herzlichen Dank, freue mich dabei zu sein. Unsere erste Frage ist immer dieselbe. Wann waren Sie das letzte Mal auf einer Beerdigung, Frau Niedmann? Das ist knapp ein Jahr her, das war im Juli 2024 und das war tatsächlich meine beste Freundin. Ich habe die nach 18 Jahren sehr inniger Freundschaft, viel zu früh im Alter von 37 an Brustkrebs verloren. Könnte sie aber bis zum Schluss begleiten und habe sie hier ganz in der Nähe bei mir auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.
Wie haben Sie diese Beerdigung in Erinnerung behalten? Sehr emotional, weil sie eine sehr junge Frau war, die viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Aber trotzdem wunderschön. Es war ein großes Bild von ihr zu sehen in der Trauerhalle. Es war ein sehr schöner Blumenschmuck, es war eine ganz tolle Rede von der Trauerrednerin. Und dann ist der ganze Zug von sehr, sehr vielen Menschen, es waren sehr, sehr viele Menschen da. Ist dann von der Trauerhalle bis zu ihrem Ohnengrab, also sie wurde in einer Ohne beerdigt, dann dahin gebracht worden. Und der Platz, ich war dabei mit dem Witwer und mit ihrer Mutter und mit ihrer Schwester, wir haben zusammen den Platz ausgesucht.
Es ist ein wunderschöner Platz, entspricht ihr sehr, hätte ihr sehr gut gefallen. Es war traurig emotional, aber eine sehr, sehr schöne Feier, die auch ihr Leben gefeiert hat, was sehr schön war. In der Regel geht es beim Aufräumen um mehr Platz, mehr Struktur. Aber wenn es um Verstorbene geht, ist das Aufräumen doch etwas ganz anderes. Was macht diese Situation so besonders? Ich werde ganz oft angeschrieben von Menschen, die jemanden verloren haben und alleine es nicht schaffen, sich von den Dingen des verstorbenen Partners, der Partnerinnen trennen können, dass sie dann sagen, sie möchten gerne jemanden, der sie begleitet, wo sie auch gerne nochmal dann Geschichten erzählen können, wo man gemeinsam dann schaut, was sind denn die Gegenstände, die eben sehr, sehr wichtig sind, die sehr an gemeinsame Erlebnisse erinnern.
Ich helfe aber meinen Kunden und Kundinnen auch sehr in dem Moment, wo ich sage, dass was ausgemistet wird, in Anführungszeichen oder was vielleicht nicht behalten wird, gebe ich wieder um ein Hilfsbedürftige Walter. Das heißt, bei mir bekommt alles, was auszutiert wird, in Anführungszeichen bekommt ein zweites Leben. Und das hilft ganz häufig den Menschen, wenn sie wissen, dass das Erben, Anführungszeichen oder der Nachlass wird weiterhin genutzt und geschätzt und vielleicht sehr geliebt von jemand neuem. Und es hilft einfach, dass man es nicht alleine machen muss.
Das ist häufig, glaube ich, so ein bisschen der Punkt, der vielen Menschen zu schaffen macht. Und es ist ein sehr individueller Zeitpunkt. Also, manche Menschen machen das zwei, drei Monate, nachdem sie jemand verloren haben, weil sie einfach sagen, sie ertragen eben die Gegenstände gar nicht mehr so jeden Tag, das zu sehen. Andere wiederum sagen, sie brauchen zwei, drei Jahre. Also, das ist sehr individuell wie der gesamte Trauerprozess eben. Aber ich finde es sehr schön, dass ich Menschen begleiten darf und dass sie mir das Vertrauen schenken, da gemeinsam eben die Stücke der Verstorbenen durchzugehen und wirklich Stück für Stück und auch Geschichten zu erzählen, Geschichten zu hören und Erinnerungen zu schwellen.
Das ist ja eigentlich ein sehr, sehr bewusster Prozess. Ich habe mir jetzt gerade vorgestellt, sie sagten ja, dass die Gegenstände ein zweites Leben bekommen. Manchmal ist einem ja gar nicht so bewusst, welche Bedeutung Gegenstand hat, vielleicht auch wenn man mit ihnen spricht. Also, ich habe heute das Gefühl, ich kann mein Vater viel besser verstehen als zu Zeiten seines Lebens. Heißt das theoretisch ist da auch eine Möglichkeit, dass man die Gegenstände aus diesem zweiten Leben wieder zurückholen kann? Also, wenn mir das jetzt später aufgeben würde.
Das kommt natürlich darauf an, an wen sie das weitergeben. Also, ich habe ein sehr großes Netzwerk, was Spendenabnehmer*innen angeht. Also, da geht teilweise was in die Ukraine, an Geflüchtete, an Obdachlose. Da ist natürlich schwierig, dann solche Dinge wieder zurückzuholen. Ich schlage immer vor bei Dingen, wo man sich nicht ganz sicher ist, die dann lieber erst mal noch ein bisschen länger in so einer Vielleicht-Kiste zu Hause aufzubewahren und dem Ganzen vielleicht ein halbes Jahr ein Jahr Zeit zu geben. Und es irgendwo aber aus den Augen aus dem Sinn zu stellen.
Und wenn man dann in einem Jahr sich irgendwie im Kalender vielleicht im Handy einen Reminder gemacht hat und man guckt dann da rein und man merkt, okay, man hat nicht wirklich an das Ding gedacht oder irgendwie das Ding wirklich vermisst, dann kann man es auch gehen lassen. Oder was ich immer dann empfehle, ist, dass man Fotos von den Dingen macht. Dass man die quasi nicht physisch behält, sondern dass man sagt, man macht sich selber eben ein Foto davon und hat dann noch ein Stück davon quasi bei sich. Aber wenn Sie sagen, man hat im Zweifel vielleicht Sorge, dass man es doch irgendwann zurückhaben will, dann würde ich da sagen, die war noch ein bisschen warten.
Viele Angehörige sind überwältigt, wenn sie eine Wohnung betreten, in der noch alles so steht wie der Verstorbenes zurückgelassen hat. Wo fängt man da überhaupt an? Ja, das ist eine sehr gute Frage. Also ich empfehle immer nicht den Keller zu nehmen. Keller und Dachboden sind immer so die emotionalsten Bereiche der Wohnung, weil da natürlich viele Erinnerungsstücke oder auch andere Erbstücke natürlich lagern. Ich empfehle immer an den unemotionalen Ecken anzufangen, also sei es in der Küche zum Beispiel, einfach wo man vielleicht viele Küchengegendstände hat, wo man jetzt keine emotionale Bindung hat oder im Flur oder im Bad, einfach, dass man sich so ein bisschen selber trainiert.
Also es ist ganz ganz wichtig beim Aufräumen, dass man klein anfängt oder beim Ausmisten eben, dass man sagt zum Beispiel, man fängt bei den Gewürzen in der Gewürzschublade an oder bei den Haushaltsgegenständen eben alles, was nicht ganz so emotional aufgeladen ist. Und sich dann Stück für Stück eben bis hin zu den Fotos oder den Fotoalben ganz zum Schluss, ich sage immer Keller und Dachboden sind entgegenach, sich vorarbeitet, dass man das loslassen, so ein bisschen lernen kann. Also ich finde, Sie haben mir sehr schön erklärt, denn wir hören ja auch, dass manche sagen, ich schaff das nicht, ich mach die Türe zu und sich gar nicht erst mit dem befassen, wie man das halt auch systematisch angehen kann.
Manche sind vielleicht auch ein bisschen schnell, so wie ich gerade diesen Gedanken hatte, dass erst mal Ratzfahrts alles raus muss. Was sind typische Reaktionen, die Sie erleben? Wirklich Überforderung, also ob das ganze Berg ist, der einen da in einem Nachlass im Zweifel eben erwartet. Genau das, was wir eben schon gesagt haben, wo fängt man überhaupt an, wohin mit den Sachen? Da sage ich immer, man soll gar nicht jetzt groß nach dem Kleidercontainer um die Ecke gucken, sondern wenn man wirklich mal einfach sich bei Google hinsetzt und schaut Sachspenden und dann die eigene Stadt eingeben, dann kann man so viele dankbare Abnehmer finden, sei es wirklich geflüchtete, initiativen, verobdachlose Sozialkaufhäuser.
Es ist wichtig, dass man es sich quasi leicht macht, dass man zum Beispiel in einem Sozialkaufhaus beispielsweise vorher angerufen und fragt, was wird denn gerade genommen, dass man da, sage ich mal, relativ viel auch in einem Rutsch eben wegbringen kann, dass es für einen selbst auch ein Prozess ist, der irgendwie absehbar ist. Also viele Menschen sind einfach von der Menge und der Anzahl der Entscheidungen, die sie treffen müssen, dass sie da einfach völlig überfordert sind. Da sage ich dann auch, es hilft wirklich, sich feste Zeiten vorzunehmen, wann man sich dem ganzen Witt mit, also wirklich auch im Kalender sich einfach Zeiten zu nehmen, wann man das ganze Thema angeht, sich auch Hilfe zu suchen.
Also sei es Freunde zu fragen, Familie, Mitglieder sind manchmal vielleicht, je nachdem, wie man eben mit dem ganzen Thema umgeht und auch Thema loslassen fällt, manchen leicht, manchen nicht so leicht, dass man sich da einfach jemanden sucht, der einen wirklich bestmöglich unterstützen kann. Man ist nicht alleine, man sollte es dann auch nicht alleine machen. Aber ich sage natürlich immer, wie besser die Vorbereitung ist, unabhängig vom eigenen Alter, desto besser. Also man sollte einfach vorbereitet sein und Verantwortung übernehmen und das unabhängig vom eigenen Alter.
Eine interessante Information finde ich jetzt schon mal, die Sie uns gegeben haben, dass man nicht den Fehler machen soll, Container bestellen, alles wegschmeißen, sondern dass man tatsächlich irgendwie nach einer Möglichkeit sucht, die Dinge anderen Leuten zur Verfügung zu stellen. Das finde ich einen unglaublich guten Gedanken. Kommen wir mal zu den schwierigen Dingen, die sich in einem Haus finden können. Erinnerungsstücke, die familiär eine große Bedeutung haben, die verbunden sind mit besonderen Geschichten, mit Gerüchen, mit Emotionen. Also wenn es weit über den vielleicht Wert den Gegenstände haben hinausgeht.
Wie geht man davor? Auch da muss man schon aufschauen, dass man sich eben nicht zu viele Dinge aufheizt. Also im Sinne von, man ist eben erstmal so im ersten Moment, glaube ich, so, dass man häufig, sagen wir mal, will alles behalten von jemandem, der verschorben ist. Aber auch da bietet es sich an, wirklich vielleicht sogar zu Lebzeiten schon mit den Großeltern, mit den eigenen Eltern eben, wenn man diese Gespräche führen kann, vielleicht schon rechtzeitig zu schauen, was möchte ich denn irgendwie von meiner Oma gerne haben? Oder was möchte sie mir gerne weitergeben?
Also allein da schon frühzeitig das Gespräch zu suchen, wenn es denn irgendwie möglich ist, empfehle ich sehr. Und dann, ich muss Ihnen sagen, was mich immer wieder schmerzt, ist, wenn ich in Kellern, und ich bin in sehr vielen Kellern unterwegs gewesen, Erbstücke finde, die seit 20, 30, 40 Jahren in Umzugskartons, gunnausgepackt den fünften Umzug mitgemacht haben, vielleicht schon angeschimmelt sind, weil der Keller feucht ist. Da bitte immer überlegen, sind es Erbstücke und wertschätze ich sie? Oder schätze ich sie denn angemessen? Weil es bringt nichts, wenn ich über Generation von Generation zu Generation Dinge weitervererbe, die aber immer nur irgendwo unausgepackt ihr Daseinschristen.
Und da hat da niemand was davon empfindet. Also mir bricht das Befehl, wenn ich teilweise eine Aussteuer oder wirklich irgendwelche Leinen, Tischdecken aus dem Jahrgang 1955 von der Hochzeit wegschmeißen muss, weil sie Stockflecken haben, weil sie kaputt sind, sie wurden nie benutzt, weil sie immer, das ist glaube ich so ein deutes Ding, dass man sagt, oh, die Sachen sind zu gut zum benutzen. Es gibt es Sonntagsgeschehen, nein, nutzen Sie bitte ihr Sonntagsgescheher auch mal. Seien Sie verrückt, mal Montags oder Mittwochs, einfach zum Kaffee. Weil es ist schade, wenn Dinge einfach ewig lang aufgehoben werden, aber nie benutzt werden.
Und da sollte man sich aber auch bei den Erbstücken dann fragen, ist es was, was ich behalte, weil ich es, weil es mir gefällt oder weil es mich wirklich an eine besondere Situation erinnert oder ist es eher so ein, ich fühle mich verpflichtet, das zu übernehmen. Und dann ist niemanden geholfen, die Oma im Grab wird sich auch nicht drüber freuen, wenn ich das fünfte Cité-Service von ihr aufhebe, aber keins davon benutze, dann auch da lieber überlegen, es weiterzugeben. Und jemand anderes freut sich drüber und benutzt es vielleicht sogar. Sie erleben ja die Leute, dann, wenn es um Nachlässe geht, auch in sehr, sehr emotionalen Situationen, können Sie uns da vielleicht sein oder an der Beispiel mal schildern, was passiert ist, wenn Sie mit den Leuten in so ein Keller gehen und finden vielleicht ein Stück, was eine ganz besondere Form von Erinnerung auslöst?
Ich habe schon sehr viele Tränen, sage ich mal Tränen, erlebt und sehr viele Hände gedrückt und auch sehr viele Kunden in den Arm genommen. Also man lernt sich da sehr schnell, auch sehr intim kennen. Auch sage ich mal, wenn ich da eigentlich eine sehr neutrale Person bin jetzt erst mal als Ordnungskoch. Aber ich bin da auch immer sehr dankbar, wie viel Vertrauen und wie schnell auch die Menschen mich da in ihr Leben reinlassen. Also das ist ein sehr, sehr großer Vertrauensvorschuss, den ich da häufig genieße. Ich erinnere mich an eine Kundin, die hatte ihren Mann zu Corona-Zeiten verloren und konnte sich nicht mehr von ihm verabschieden.
Und das hat mir auch auf sämtlichen Ebenen das Herz gebrochen, wie traurig das alles war. Aber auch mit ihr habe ich dann eben den Kleiderschrank ihres verstorbenen Manns durchgearbeitet und sie hat dann ein paar Sachen gesagt, nee, also das möchte ich behalten, weil da ist noch der Geruch von ihm und ich möchte mich noch gerne an ihn erinnern. Aber bei ganz vielen Sachen hat sie eben auch gesagt, hier guck mal, das gebe ich dir mit, weil ich wenn diesem Ding und diesem Hemd ein weiteres Leben geschenkt wird, statt das es jetzt einfach im Schrank hängt, ist irgendwie allen geholfen.
Und das ist ein schöner Gedanke finde ich, dass man so auch so ein bisschen das Andenken an die verstorbenen Wart in dem Moment, wo die Dinge weitergegeben werden. Nun ist ja jeder in seinem Umgang mit diesen Erinnerungenstücken sehr individuell. Aber gibt es eine Art Balance zwischen bewahren und loslassen, die sie generell ihren Klienten empfehlen? Also ich sage immer, das ganze Thema Ordnung ist komplett individuell. Also ein Thema, was weiß ich, wie viele Fotos halten, soll man behalten, wie viele Stücke soll man behalten. Also da sage ich immer, da ist jeder unterschiedlich und da würde ich auch nie irgendwas vorschreiben.
Ich finde immer, man muss selbst für sich sich damit wohlfühlen und meinen Kunden oder Kundinnen per se. Ich betreue eben viele Familien mit Kindern, wo beide Berufstätig sind, wo sich einfach sehr viel Zeug über die Zeit ansammelt. Da empfehle ich immer, pro Person in der Familie eine Kiste anzulegen. Und das ist dann die Erinnerungskiste und da kommen dann die Erinnerungsstücke rein. Und wenn die Kiste aber irgendwann voll ist, muss dann eben geguckt werden, okay, braucht es jetzt eine größere Kiste? Oder muss im Zweifel dann vielleicht was anderes gehen?
Also zum Beispiel bei Kindern, wenn man dann die ganzen Kunstwerke aus dem Kindergarten aufhebt, irgendwann muss man auch gucken. Oder man sollte jetzt nicht 300 Kunstwerke vielleicht aufheben. Auch das ist komplett individuell. Aber es hat immer so ein bisschen was mit Augenmaß zu tun. Aber ich sage immer so, eine Kiste pro Person sollte ein guter Rahmen sein. Die Größe der Kiste kann jeder selber rauskühlen. Was raten Sie denn, wenn Geschwister oder Angehörige sehr unterschiedliche Vorstellungen haben? Der eine will alles aufheben, der andere am liebsten alles weggeben.
Oder Sie haben eben schon den Klassiker geschildert, beide wollen das Tee-Service haben? Ganz erwachsenen Kompromisse, denke ich, aushandeln. Ich meine, wenn einer sagt, ich möchte gar nichts von meinen Eltern, der andere sagt, ich möchte alles behalten. Na ja gut, dann kann derjenige ja alles behalten. Es ist halt immer die Frage, man muss sich wieder bewusst machen, hat man selber den Platz dafür? Was macht man damit? Und ist es wirklich eben, warum behalt ich das alles aus? Also auch schon so ein bisschen ein Hinterfragen. Warum halte ich denn so fest an den Sachen?
Weil die Sachen stehen zwar für eine Person, aber sie werden die Person ja nicht zurückbringen. Und ich sage dann immer dann lieber ein paar sehr besondere, sehr schöne Stücke, die einem sehr viel bedeuten, die aufbewahren und die dann aber auch wirklich präsent in der eigenen Wohnung und eben nicht in der Kiste im Keller, die im Zweifel verschimmelt, aufbewahren. Ich sage mal so, ich will niemanden was vorschreiben und wie gesagt, da hoffe ich einfach, dass auch Geschwister oder Familien untereinander eben so weitsichtig sind und so auf Augenhöhe dann miteinander sprechen können, dass da auch Lösungen gefunden werden.
Aber auch da macht es natürlich umso mehr Sinn, dass vielleicht frühzeitig, möglichst frühzeitig oder auch eben zu Lebzeiten der eigenen Eltern oder der eigenen Großeltern noch zu verteilen vielleicht, wer was bekommt. Oder das T-Service könnte man einfach durch zwei teilen. Im Rahmen ihrer Arbeit geht es ja nicht nur um die äußere Ordnung, sondern auch um die Innere. Was kann das ausräumen einer Wohnung nach einem Todesfall mit der eigenen Trauer machen? Das habe ich schon vieles erlebt. Es kann tatsächlich wirklich dazu führen, dass Menschen sich sehr befreit fühlen.
Also dass sie wirklich, wenn sie an dem Punkt sind, dass sie sagen, okay, ich hatte jetzt meine völlig individuell, sei es ein Jahr, zwei, drei Jahre und habe eben an den Dingen festgehalten und bin jetzt aber bereit für ein neues Kapitel. Deswegen ermutige ich die Menschen schon dazu, sich zu melden, bei mir zu melden eben und das erst anzugehen, wenn sie sich wirklich bereit dafür fühlen. Weil man will natürlich niemanden zu irgendwas drängen und wie gesagt Trauer ist ja ein ganz individueller Prozess. Ich erlebe aber nicht nur in Fällen, die ich betreue, die eben mit Verstorbenen zu tun haben, aber auch sonst einfach das eben, das, was sie auch sagen, dieses innere, äußere Ordnung.
Also dieses Loslassen von Dingen kann Menschen wirklich ganz, ganz, ganz viel neue Leichtigkeit geben. Und das kann in vielerlei Hinsicht, also nicht nur dieses, man beginnt ein neues Kapitel, sondern man hat auch wirklich weniger physischen Ballast. Und manche Menschen, die merken, man ist nach den Terminen wirklich an, dass sie sich selber befreit haben. Von vielleicht einem Kapitel in der Vergangenheit, gerade wenn jemand vielleicht viele Jahre schwer krank war und man das Gefühl hat irgendwie, man hält natürlich irgendwie an der Person fest, aber trotzdem wurde die Person vielleicht erlöst und man selber hat die Person ja noch im Herzen und man erinnert sich auch noch ganz viel daran.
Ich zum Beispiel habe hier meine Kette mit meiner Freundin, also hier ist ein Elb dran und ich werde ganz oft darauf angesprochen und ich spreche total gerne eben über meine Freundin und bin super traurig natürlich, dass sie nicht mehr da ist, aber es ging ihr extrem schlecht zum Schluss. Und natürlich war ich auch da im Loslassprozess eben dabei und habe auch eben mit der Schwester und dem Witwer von meiner Freundin da, die den ganzen Kladerschrank durchgearbeitet. Aber auch da, es kann auch immer was sehr erleichtern, das haben, wenn man dann Dinge loslässt.
Wir sprechen ja in unserer Sendung gerne auch darüber, dass man vorher Sachen planen kann. Wir glauben auch, dass es gut ist, sich mit dem Thema zu befassen, angemessen, wie man sich gerade fühlt so leicht oder so intensiv wie man mag. Und sie hatten im Vorgespräch erwähnt, dass man sich auf diesen Moment eigentlich gut vorbereiten kann. Wie macht man das am besten? Also ich empfehle wirklich sehr einen, ich nenne ihn liebevoll den Feuerortner, anzulegen, dass man einfach sich als Ziel setzt, die eigenen ganzen Dokumente, den ganzen eigenen Papierkram, was ja für viele Menschen wirklich ein Graus ist, dass man das einmal durcharbeitet und da einen Ordner oder zwei, je nachdem, wie groß die Familie ist, je nachdem, wie groß die Anzahl der sehr, sehr wichtigen Dokumente eben ist, dass man sich da einen Ordner anlegt, wo eben im Zweifel, wenn entweder jetzt eine Naturkatastrophe passiert, man von einer Flut kann ja heutzutage auch immer mal wieder passieren, betroffen ist oder eben Feuerausbrich, dass man mit einem Griff diesen Ordner hat, wo dann eben sämtliche Bankunterlagen, vielleicht eben Nachlassregelungen, Testament, Geburtsurkunde, all diese wichtigen Sachen, die im Zweifel auch schwer zu ersetzen wären, die aber eben zum Beispiel auch in einem Todesfall, der ja wirklich auch sehr überraschen kommen kann, einfach sehr hilfreich werden.
Man darf immer nicht vergessen, also die eigenen Angehörigen sind ja gerade, wenn der Tod vielleicht sehr, sehr überraschen kommt, sehr überfordert von der Situation, dass einfach der Tod als solcher eingetroffen ist und man macht es den Angehörigen so viel leicht, wenn eben so was vorbereitet ist oder zum Beispiel eben auch Dinge wie die eigene Beerdigung, die man sich wünscht, die eigenen Lieder. Man ist da ja nie zu jung dafür. Also ich meine, ich habe das für mich jetzt auch alles geregelt, einfach weil ich in meinem Freundeskreis leider Gottes schon zwei Freundinnen unter 40 verloren habe und einfach gesehen habe, dass es sehr, sehr schwer für die Angehörigen ist, wenn da eben nichts geregelt wurde und das Thema Patientenverfügung, das muss man rechtzeitig angehen.
All das kann man frühzeitig angehen, Versicherungsunterlagen, alles in diesen allen Ordner und man hat einfach selber das Gefühl, man fühlt sich auch sehr erwachsen, muss ich ehrlich sagen, wenn man so was angelegt hat. Und ich selber habe es auch schon einmal gebraucht, die in Frankfurt war eine Weltkriegsbombe, die gefunden wurde, ich musste in der 20 Minuten meine Wohnung verlassen. Das war das einzige, was ich mitgenommen habe und das ist einfach, das hat was mit Verantwortung übernehmen zu tun. Bevor wir die Fragen, die Sie gerade schon angerissen haben, dann Ihnen auch tatsächlich stellen werden, würde ich gerne auch etwas anderes reden.
Wir sind ja gerade dabei, eine Kunstaktion neu zu gestalten, ein Koffer für die letzte Reise. Ich weiß nicht, ob Sie davon schon mal gehört haben, wir haben 100 Menschen in Deutschland einen Koffer geschickt, im Moment haben wir 40 oder 50 Menschen erneut Koffer zu verfügen gestellt und haben die gefragt, was packt ihr da rein, was ihr gerne mitnehmen würdet, wenn es soweit ist. Das hat natürlich so als Hintergedanken, transportieren wir da die Idee, mal über das eigene Leben nachzudenken, was wichtig ist und sind Sie ja nicht nur Expertin auszuräumen, sondern Sie sind ja auch Expertin, aufgrund dessen, dass Sie sehr viel Reisen in Ihren Berufen und fürs Koffer packen.
Was würden Sie denn in den Koffer reinpacken? Ich habe witzigerweise einen Koffer, der sehr beklebt ist. Also ich sammel immer Sticker. Von da, wo ich bin, kaufe ich mir immer Sticker, also mein Koffer ist sehr beklebt. Ich habe immer so kleine Erinnerungsstücke mitbringen durch dieses Sticker und ich habe eine grüne Jacke, wo ich auch so aufnäher habe, ähnlich zu Stickern auf dem Koffer, habe ich diese grüne Jacke mit den Aufnähern und ich bin als Flugbegleiterin auch schon sehr viel rumgekommen in meinem Leben. Da stelle ich mir vor, dass ich diese Jacke dann auch selber tragen möchte, wenn ich dann irgendwann die Schwelle übertrete, sage ich mal, einfach, weil für mich Reisen einfach was sehr, sehr, sehr wichtig ist.
Ich fühle mich sehr lebendig, wenn ich reise. Ich möchte gerne super viel sehen von der Welt, sehr viele Menschen treffen. Also mein letzter Koffer wäre, was gar nicht voll mit Fotos an schöner Erinnerung. Ich habe tatsächlich auch von ein paar Jahren in meinem Freundeskreis das Glücksglas eingeführt. Das ist ein Glas, also wie so ein Bombo-Glas, wo ich meine Freunde und meine Familie dazu anrege, kleine Glücksmomente auf Postelzettel zu schreiben und dann in dieses Glas reinzuwerfen, um sich selber bewusst zu machen, wie gut es einem eigentlich geht und wie viele schöne Momente man erlebt.
Und ich möchte von diesen ganzen kleinen Zettelchen irgendwann umgeben, verbrannt oder beerdet werden, was gar nicht verbrannt werden. Ich möchte gerne in eine Urne. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie Ihre Beerdigung aussehen könnte, also eine Art von Zeremonie, die dann zusätzlich zur Urne stattfinden könnte? Sehr bunt. Also ich bin ein sehr großer Freund von das Leben feiern. Also unabhängig vom Alter, finde ich, sollte man, natürlich ist es traurig, dass man oder in dem Fall dann ich irgendwann vielleicht nicht mehr da bin. Also es wird ja irgendwann so sein.
Aber ich finde es sehr, sehr schön und das ist ein Konzept, was ich in Amerika schon erlebt habe. Mein Ex-Freund war Amerikaner und sein Vater ist vor vielen Jahren verstorben und das fand ich sehr schön. Weil dort ist es auch sehr unüblich, in Schwarz zu Trauerfeier zu erscheinen. Dort kommt man in allen möglichen Farben und es wird wirklich sehr, sehr positiv. So ein bisschen auch wie in Mexiko, da wird ja auch hier Dela Delos Muertos, wird ja sehr bunt gefeiert und das Leben wird gefeiert. Und das finde ich ein schönes Konzept, dass man gar nicht so sehr um den verstorbenen Wein, sondern dass man eher dankbar ist und sagt, man ist dankbar, dass man die Person treffen durfte.
Und deswegen bei mir wäre das sehr, sehr bunt, sehr, sehr laut. Gute Cocktails würde es wahrscheinlich geben, tolle Musik, sehr viele Blumen, ich liebe Blumen Lichterketten. Also ich habe da schon sehr, sehr viele Vorstellungen. Es ist sehr frühendig auf jeden Fall. Was wäre Ihnen wichtig, was über Sie als Person gesagt wird? Dass ich gut gelebt habe, was ich sehr gut tue oder ich kann sehr gut leben, tatsächlich. Ich muss auch sagen, weil ich natürlich in meinem beiden Freundin sehr früh verloren habe, habe ich mir noch mehr auf die Fahne geschrieben, einfach nicht abzuwarten oder Dinge auf die Rente rauszuschieben, sondern ich möchte jetzt gut leben, weil niemand gibt mir eine Garantie, dass ich 95 werde.
Ich wäre es schön, dass ich noch ein paar Jahre vor mir habe, aber ich versuche einfach sehr intensiv zu leben und dass ich für meine Freunde und Familie da bin und dass einfach ich für mich ein gutes Leben habe. Aber das könnte ich jetzt schon sagen. Ich habe zu meinen Eltern schon gesagt, selbst wenn ich jetzt irgendwie vom Laster überfahren würde, ich hatte ein fantastisches Leben wirklich. Und zum Schluss, welches Lied soll auf Ihrer Beerdigung gespielt werden? Ich muss sagen, ich bin ein ganz großer Fan von Sting, "Feels of Gold". Vielen Dank für das Gespräch, Frau Niedmann.
Mehr Infos zu Sabine Niedmann und der Organizer verlinken wir in den Show Notes. Das war es für heute. Schön am Leben bleiben und bis bald. Dankeschön, Frau Niedmann. Dankeschön!