Paula steht an einem Samstagmorgen vor Viktors Grab und hält eine kleine Schere in der Hand. Sie hat sie aus der Küchenschublade genommen, aus der mit den Gummiringen, den Batterien und den Dingen, die man nicht wegwirft, weil man sie irgendwann brauchen könnte. Viktor wusste immer, wo die Ersatzbirnen lagen. Nun weiß Paula es auch.
Am Grab schneidet sie zwei welke Blätter von einer Pflanze ab, die sie vor einigen Wochen gesetzt hat. Nicht viel. Nur zwei Blätter. Dann tritt sie einen Schritt zurück.
„Das hättest du zu ordentlich gefunden“, sagt sie leise.
Neben ihr führt ein Weg durch die Gärten der Bestattung. Zwei Menschen gehen vorbei, ein älterer Mann mit einem Hund und eine Frau, die eine Stofftasche trägt. Sie nicken Paula zu. Der Hund bleibt kurz stehen, schnuppert an einem Büschel Gras, dann zieht er weiter. Paula sieht ihnen nach. Früher hätte sie vielleicht gedacht, ein Friedhof müsse sich anders anfühlen: stiller, abgetrennter, ernster.
Nun sitzt sie manchmal einfach auf einer Bank, weil dort jemand vorbeikommt, weil Blätter rascheln, weil ein Kind in der Ferne lacht oder weil sie merkt, dass die Welt nicht angehalten hat, obwohl Viktor gestorben ist.
Bald wird das Strundetalfest 2026 das Tal wieder in Bewegung bringen. Die Gärten der Bestattung sind dabei ganz selbstverständlich ein Ort der Begegnung. Paula hat sich den 6. September auf einem Zettel notiert, der mit einem Magneten am Kühlschrank hängt. Sie freut sich darauf und wundert sich ein wenig über diese Freude.
„Dann kommen sie alle hierher“, hatte ihre Tochter am Telefon gesagt.
„Nicht alle“, hatte Paula geantwortet. „Aber viele.“
Sie weiß noch nicht, ob sie an diesem Tag lange bei Viktors Grab bleiben wird. Vielleicht setzt sie sich auf eine Bank irgendwo im Tal, schaut den Menschen zu, hört Musik und Schritte auf Kies. Vielleicht trifft sie jemanden aus der Nachbarschaft. Vielleicht wird jemand stehen bleiben und sagen: „Paula, schön, dich zu sehen.“
Vielleicht sagt jemand auch etwas Ungeschicktes. Das passiert. „Er hätte sich bestimmt gefreut“, sagen Menschen manchmal. Oder: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Paula hat gelernt, dass solche Sätze selten böse gemeint sind. Oft zeugen sie nur von Ratlosigkeit: dem Wunsch, die Lücke mit Worten zu schließen, weil die Stille schwer auszuhalten ist.
Einmal klingelte ihre Nachbarin Frau Ebert an der Tür. Sie sagte nicht: „Wie geht es Ihnen?“ Sie hielt zwei Stoffbeutel hoch und fragte: „Ich war im Supermarkt. Brauchen Sie Kartoffeln?“
Paula musste lachen. Es war das erste Lachen seit Tagen, das sie nicht sofort bereute.
„Kartoffeln wären gut“, sagte sie.
Es war kein Trost im üblichen Sinn. Viktor war nicht weniger tot, Paula nicht weniger traurig. Manchmal ist Gemeinschaft genau das: nicht die richtigen Worte, sondern zwei Tüten Kartoffeln.
Es gibt Menschen, die nach einem Verlust Abstand halten, weil sie fürchten, etwas falsch zu machen. Sie warten auf ein Zeichen. Sie suchen nach dem passenden Anlass, nach einem Satz, der klug genug, warm genug, nicht zu aufdringlich ist. Und dann vergeht die Zeit, ohne dass man sich trifft und redet. Dabei darf man unbeholfen sein. Man darf sagen: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Trauer braucht keine perfekte Begleitung. Sie braucht Menschen, die nicht sofort fortgehen, wenn es schwierig wird.
Paula freut sich auf das Fest. Nicht, weil sie vergessen möchte, dass Viktor fehlt. Und auch nicht, weil ein lebendiger Tag an einem Ort des Abschieds den Schmerz lindert. Sondern weil beides nebeneinander sein kann: die Erinnerung an den Verstorbenen und die vielen anderen Menschen, die kommen, gehen, essen, reden und stehen bleiben. Das Leben ist gelegentlich einfach nur alltäglich. Und gerade darin kann eine leise Freundlichkeit liegen.
Die Gärten der Bestattung sind kein Ort außerhalb des Lebens. Sie sind ein Ort, an dem das Leben anders sichtbar wird.
Paula weiß, dass beim Strundetalfest alles da sein wird: der Weg, die Bäume, die Bänke, die Gräber, die Stimmen, die Menschen. Und irgendwo zwischen all dem wird Viktor seinen Platz haben, nicht abgeschlossen von der Welt, sondern mitten in ihr, als Teil ihres Lebens.
Herzlichst
Hanna Roth David Roth
Bergisch Gladbach im August 2026
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